Leipziger Allerlei 3: Was bleibt von der DDR ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

In Leipzig ist die DDR noch gegenwärtig, als Hintergrund. Es ist noch spürbar: Da war mal ein anderes Land. Das hat sich in die Köpfe eingegraben, in Stadtbild und Landschaft. Aber im Alltag wird nicht mehr ständig verglichen "so ist es heute, so war es damals". Allmählich werden die, die die DDR noch als Erwachsene erlebt haben, weniger. Wer heute Dreissig ist, ist nicht mehr DDR-geprägt, und die Fünfzigjährigen haben auch mehr als die Hälfte ihres Arbeitsleben schon unter kapitalistischen Verhältnissen verbracht.

 

Geht der Kapitalismus gut auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ? Er geht, sogar dröhnenden Schrittes. Die Leipziger Innenstadt z. B. ist verwandelt. Jetzt heisst sie City. Sie strotzt und glitzert, bleckt und geilt. Die bürgerliche Ordnung hat sich nochmal ein Denkmal gesetzt, das imponiert. Der Gebrauchswert von Pyramiden war auch von sekundärer Bedeutung. Sie waren vor allem Symbole der Macht und des Reichtums der Herrschenden. So eine Pyramide ist die Leipziger City, sogar eine mit höherem Gebrauchswert als die historischen Vorbilder, jedenfalls für die Leute, die mehr Geld haben als zum unmittelbaren Überleben notwendig ist. Und die, die solch überschüssiges Geld für die Mädlerpassage nicht haben, dürfen jedenfalls beeindruckt sein von der Protzerei der Banken und Konzerne: Eine Ordnung, die sowas hinstellt, kann doch nicht marode und faul sein. Gegen eine solche Ordnung käme man doch nicht an, selbst wenn man wollen würde.

 

Sind die Leute zufrieden ? - Mein Eindruck ist, dass die Warenberge noch immer beeindrucken. Das "Einkaufen gehen" scheint noch immer ein Volkssport zu sein. Aber im Geldbeutel zwickt es. Was man im Schaufenster sieht, gehört einem noch lange nicht. Die eigene Teilhabe am "Überfluss" besteht für viele in der erbärmlichen "Schnäppchen"jagd und im Ramsch von Mäc Geiz.

 

Natürlich gibt es die Verlierer, und es sind viele. An der Hungerbrücke auf dem Billigmarkt komme ich mit einer Frau ins Gespräch. Sie ist schon deutlich im Rentenalter, muss aber Erbsensuppe verkaufen, noch nicht einmal auf eigene Rechnung, sondern für irgendeinen Boss und sicher für erbärmlichen Lohn. Die Frau erbost sich über das Wohlleben der Politiker. Früher sei sie in Zerbst Stadtverordnete gewesen, da habe sie zehn Mark Spesen gekriegt, im Monat - und die da heutzutage, eine Schande ... In der DDR habe sie besser gelebt.

 

Gemaule ist wirklich fast allgemein, scheint mir. Aber irgendwie fehlt dem der Ernst, die Entschlossenheit, der Zorn, der zur Tat treibt.

 

Wenn Veränderungswille entsteht, wird er sich nicht darauf richten, die DDR wiederzugewinnen. Er kann nur aus den heutigen Verhältnissen entstehen. Aber das schon: Es ist bewiesen, dass Sozialismus geht, und dass er nicht bloss Nachteile, sondern auch Vorzüge hat. Die Urteile über die Gewichtsverteilung sind sehr unterschiedlich und reichen von Verteufelung bis Idealisierung. Aber es ist bewiesen, dass Sozialismus geht. - Lange darf es im Kapitalismus nicht schlecht gehen. Das würde die historische Erinnerung aktualisieren. Sozialismus, einer, den wir das nächste Mal besser machen, käme dann auf die Tagesordnung.

 

Das ist, was vom ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deútschem Boden bleibt. Die DDR wird auch in fünfzig und hundert Jahren noch nachwirken. Sie ist untilgbar eingebrannt in die deutsche Geschichte, unabhängig davon, ob die Leute daran jeden Tag denken.

 

Ich bin durch ein Viertel weiter draussen gelaufen, fünf Trambahnstationen vom gigantischen Bahnhof entfernt. Da gab es Strassenzüge, wo kein Mensch wohnte. Ich lief eine Stunde, ohne ein einziges Geschäft oder eine Kneipe zu sehen. Auch die Gründerzeithäuser, die saniert waren und schick und teuer aussahen, waren zum Teil unbewohnt. Grosse ehemalige Produktionsanlagen stehen seit zwanzig Jahren ungenutzt, mittlerweile im Stadium des Zerfalls. Viel ist schon abgerissen worden, hat man mir gesagt, nicht nur Fabriken, sondern auch Wohnblocks. "Rückbau" nennt man das neudeutsch.

 

Das gibt es auch, schon dicht neben dem Glitzern und Klotzen und je mehr, desto weiter vom Zentrum entfernt. Mit blühenden Landschaften ist nicht viel geworden. Aber es geht schon um.Bei allem Gemaule fühlen sich wohl die meisten Menschen irgendwie zu diesem heutigen Deutschland gehörig oder nehmen doch mindestens hin.

 

- Dann auf eine neue Runde in der Geschichte, liebe Sozialpartner. Nächstes mal gehts ums ganze Deutschland. Das ist das Risiko, das ihr mit der Annexion eines Landes eingegangen seid. Aber ohne Risiko kein Geschäft, nicht wahr ?

 

 

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M
<br /> <br /> Vielleicht liegst auch daran, dass es beim letzten Mal, als die Leute in Leipzig auf die Straßem gegangen sind, genau mit dem geendet hat, was du jetzt beschreibst?<br /> <br /> <br /> Ich denke nicht, dass die Leute jetzt das bekommen haben, was sie wollten. Sie hätten es besser wissen können, wenn sie im ML-Unterricht besser aufgepasst hätten. Aber wie will man ihnen übel<br /> nehmen, dass sie sich nicht vorstellen konnten, was der Kapitalismus mit einem macht, wenn es nicht mal die kapieren (wollen), die darin aufgewachsen sind...<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Eben. Und im Westen hats halt geglitzert, dagegen mit ML-Unterricht anzukommen, war schwierig.<br /> <br /> <br /> <br />