"Nachdenken über eine Revolution" - Zittern vor dem Beben ?
Der von Luftpost übersetzte Aufruf, den ich hier spiegele, kommt aus den USA. Luftpost schreibt dazu in einer Nachbemerkung: "(Die) verkürzende Marx-Kritik teilen wir nicht. Außerdem halten wir manche ihrer Erwartungen für zu idealistisch. Wir empfehlen aber trotzdem allen, die Englisch verstehen, die Lektüre der kompletten Denkschrift." Dem schliesse ich mich an.
Das Hauptsächliche an dem Text scheint mir zu sein, dass er die Gärung in den Köpfen von immer mehr Menschen zum Ausdruck bringt, die immer gesellschaftlichen Umbrüchen - oder deren gewaltsamer Unterdrückung - vorausgeht, bis sie an den Punkt kommt, an dem aus Unzufriedenheit, Erbitterung und Auswegslosigkeit innerhalb der gegebenen Verhältnisse wirkliche Taten entstehen.
Auf diesen Punkt scheinen mir die Verhältnisse in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern gerade zuzutreiben, in unterschiedlicher Zuspitzung, aber alle in die selbe Richtung. Vor ungefähr einem Jahrzehnt, etwa zur Zeit der vorletzten Wirtschafts- und Finanzkrise, flammte auch eine Bewegung auf, die, so schien es für kurze Zeit, sich anschickte, "die Welt aus den Angeln zu heben" - die "neue soziale Bewegung" der "Globalisierungs"gegner unter der Parole "Eine andere Welt ist möglich". Sie hat sich, bis auf Reste, wieder verlaufen. Aber sie könnte sich als historischer Vorläufer einer entschiedeneren, radikaleren Bewegung erweisen, die vielleicht gerade jetzt entsteht.
Der von Luftpost übersetzte Text scheint mir widerzuspiegeln, dass die "Systemfrage", die Sehnsucht nach einer menschlicheren und vernünftigeren Gesellschaftsordnung inzwischen so viele Menschen umtreibt, dass diese Frage "gesellschaftlich relevant" zu werden beginnt. Er zeigt m.E. zugleich, wie unreif und illusionsbehaftet das noch ist. Es sind noch hauptsächlich Intellektuelle, unzufriedene Kleinbürger, die sich "radikalisieren". Von einigen Staaten, wie Griechenland und Portugal, abgesehen, schaut die Arbeiterklasse in ihrer überwiegenden Mehrheit noch zu. Ob es dabei bleibt, wird die Sache entscheiden. Von Kleinbürgern wird die Welt nicht aus den Angeln gehoben. Sie haben dafür nicht die Machtmittel und neigen, wie die Geschichte zeigt, zu Wankelmut, zu aufbrausendem, überschäumendem Heroismus, dem gewöhnlich bald der - auch übertreibende - Katzenjammer folgt, wenn sich die erhofften Erfolge nicht einstellen.
Die einzige Klasse, die die Welt wirklich aus den Angeln heben kann, weil sie darüber entscheiden kann, ob sie die Produktionsmittel im Eigentum anderer bedient oder nicht, ob sie diese Produktionsmittel in den Händen der Privateigentümer belässt oder sie sich selbst aneignet, ist die Arbeiterklasse. Das ist der schlafende Riese. Wenn er aufwacht und aufsteht, geht es nicht mehr um das "Nachdenken über eine Revolution", sondern darum - sie zu machen.
So weit ist es nicht. Aber schon oft in der Geschichte waren aufgeregte Intellektuelle und Kleinbürger gewissermassen die Seismographen, die kommende gesellschaftliche Erschütterungen anzeigten, ehe das wirkliche Beben kam. An diesem spannenden Punkt stehen wir in diesen Jahren der neuen Weltwirtschaftskrise, die das ganze Jahrzehnt prägen wird. In diesem Sinn halte ich den folgenden Text für eine der Zitterbewegungen vor einem möglicherweise (hoffentlich) kommenden Beben:
Nachdenken über eine Revolution
Von John Spritzler und Dave Stratman
INFORMATION CLEARING HOUSE, 15.09.11
(http://www.informationclearinghouse.info/article29261.htm )
"Was verstehen wir unter einer Revolution? Den Krieg? Der war kein Teil der Revolution;
er war nur ein Ergebnis und eine Folge davon. Die Revolution entstand im
Laufe der fünfzehn Jahre zwischen 1760 und 1775 in den Köpfen der Menschen, bevor
in Lexington (s.
Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Denkschrift "Thinking about Revolution" (Nachdenken
über eine Revolution), die komplett aufzurufen ist unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Gefechte_von_Lexington_und_Concord
) der erste Tropfen Blut vergossen wurde." – John Adams am 24. August 1815
in einem Brief an Thomas Jefferson
http://newdemocracyworld.
org/revolution/Thinking.pdf
.
Die Zeit ist reif für eine zweite Revolution in den USA. Wir werden nicht mehr vom britischen
König, sondern von einer herrschenden Klasse von Bankern und Milliardären unterdrückt,
die nicht nur die Regierung, sondern alle wichtigen Institutionen der Gesellschaft
kontrolliert. Die Zukunft hält für die meisten nur Elend und nur für wenige Privilegien bereit.
Die Probleme, die uns belasten, sind Teil eines Systems, in dem Geld Macht bedeutet,
und die meisten Menschen haben kein Geld. Die mächtigen Männer und Frauen, die unsere
Welt regieren, wurden nicht gewählt und können auch nicht abgewählt werden. Sie
können nur durch die Kraft einer Revolution entmachtet werden.
Ziel einer demokratischen Revolution ist es, die Macht der herrschenden Elite zu brechen
und mit den anderen Menschen eine Gesellschaft für die Menschen zu schaffen. Die drei
Grundprinzipien, auf die unserer Meinung nach diese Gesellschaft aufgebaut sein muss,
sind Gleichheit, gegenseitige Hilfe und Demokratie.
Unter Gleichheit verstehen wir nicht etwa "Chancengleichheit", die es allen Menschen angeblich
ermöglichen soll, in einer Gesellschaft der Ungleichen voranzukommen. Wir verstehen
darunter gleiche Lebensbedingungen für alle. Durch gegenseitige Hilfe wollen wir
eine Gesellschaft formen, die auf Teilen und Kooperation und nicht auf Konkurrenz aufgebaut
ist. Mit Demokratie meinen wir nicht unsere jetzige auf Lügen aufgebaute Pseudo-
Demokratie, sondern ein Gesellschaft, in der die Menschen wirklich selbst Entscheidungen
treffen.
In einer wirklichen Demokratie ist ein anderer Aufbau der Gesellschaft notwendig. In unserer
Denkschrift "Nachdenken über eine Revolution" schlagen wir eine radikale Veränderung
unserer Selbsteinschätzung und eine veränderte Ansicht über unsere Gestaltungsmöglichkeiten
vor. Uns schwebt eine demokratische Struktur vor, die auf den menschlichen
Werten und dem gesunden Menschenverstand beruhen.
Einige Elemente dieser Struktur seien hier genannt:
Alle, die zur Gesellschaft beitragen, haben freien und gleichen Zugriff auf deren Waren
und Dienstleistungen; diese werden den Bedürfnissen entsprechend aufgeteilt
und können nicht gekauft oder verkauft werden. Das Geld wird abgeschafft. Es gibt
keine Reichen und keine Armen mehr.
Alles was die Menschen zur Herstellung von Waren brauchen – Fabriken, Rohstoffe
und der Boden – gehört allen Menschen. Diese Dinge sind Gemeineigentum der
ganzen Gesellschaft und können nicht einzelnen Menschen gehören.
Die Wirtschaft hat nur Waren und Dienstleistungen für die Menschen zu produzieren
und keine Profite für die Kapitalisten abzuwerfen.
Politische Macht haben nur die örtlichen Gemeinschaften und die Betriebsversammlungen.
Der Kongress, die Parlamente der Bundesstaaten, die Stadt- und Gemeinderäte
und alle anderen Herrschaftsinstrumente des bisherigen kapitalistischen Staates
werden abgeschafft.
Das Pentagon, das Militär, die Polizei und die sonstigen Machtinstrumente des Kapitalismus
werden abgeschafft. Die örtlichen Gemeinschaften sorgen selbst für ihren
Schutz und ihre Sicherheit.
Einige Menschen glauben, eine bessere Welt sei nicht möglich, weil Ungleichheit und
Habgier zur "menschlichen Natur" gehörten Wir weisen diese Ansicht zurück. Die innere
Logik des Raubtierkapitalismus ist die Konkurrenz. Trotz der Brutalität des Kapitalismus
versuchen die meisten Menschen in ihrem täglichen Leben ihre Beziehung zu ihren Verwandten
auf Liebe und zu ihren Freunden und Arbeitskollegen auf Achtung aufzubauen.
Die meisten Menschen führen also eigentlich einen ständigen Kampf gegen das kapitalistische
Grundprinzip. Mit persönlichen Akten der Güte und kollektiven revolutionären Taten
wird es uns gelingen, die Welt zu humanisieren.
Wenn Menschen mehr Vertrauen zu sich selbst und anderen haben, versuchen sie, die
Welt auch eher nach ihren Werten zu gestalten. Sie schauen dann über ihre unmittelbare
Umgebung hinaus, bauen Netzwerke und organisieren Streiks und Bewegungen. Wenn
sie Vertrauen haben und ihr Beziehungsgeflecht groß genug ist, machen sie Revolutionen.
Viele glauben, die Geschichte des Kommunismus zeige, dass Revolutionen alles nur noch
schlimmer machen. Wir behaupten, dass der undemokratische Verlauf kommunistischer
Revolutionen in der Weltanschauung von Karl Marx begründet ist. Marx akzeptierte nicht
nur die kapitalistische Ansicht, dass Wirtschaftswachstum die Basis der menschlichen Entwicklung
ist, sondern auch die kapitalistische Einschätzung der menschlichen Natur, die
davon ausgeht, dass Menschen immer nur ihren eigenen Vorteil suchen. Der Marxismus
konfrontierte deshalb Lenin mit der Frage: "Wer soll auf die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft
achten?" Lenins Antwort war: die kommunistische Partei.
Andere befürchten, die große Macht der herrschenden Elite mache eine Revolution unmöglich.
Der Kapitalismus verfügt, was die Taktik angeht, immer noch über sehr viel
Macht, hat aber, strategisch gesehen, den entscheidenden Schwachpunkt seiner Geschichte
erreicht. Das kapitalistische System konnte keines seiner Versprechen halten und
musste vor allem die Illusion von einer besseren Welt für die meisten Menschen aufgegeben
werden.
Deshalb bleiben der Menschheit nur zwei Alternativen: Sie kann sich noch tiefer in einen
Strudel aus Krieg, Tyrannei, Leiden und Massensterben – also in den geplanten Untergang
der "Überbevölkerung", die nicht gebraucht wird – hineinziehen lassen oder neu anfangen
und eine Gesellschaft nach einem ganz anderen Modell aufbauen.
Wir sind zu lange in der Defensive gewesen, weil wir immer nur noch Schlimmeres verhindern
wollten; das war sehr demoralisierend. Deshalb müssen wir jetzt zur Offensive über -
gehen.
Wie können wir das tun? Als revolutionäre Strategie schlagen wir vor, das (behauptete)
Existenzrecht des Kapitalismus mit der Vision einer alternativen Gesellschaft in Frage zu
stellen: Wir müssen die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer Revolution in allen privaten
und öffentlichen Diskussionen, in allen Auseinandersetzungen und immer dann, wenn
gemeinsame Probleme Menschen zusammenführen, zur Sprache bringen. Nur dann
kommen wir in die Offensive.
1815 schrieb John Adams, die amerikanische Revolution sei nicht der Unabhängigkeitskrieg
gewesen. Der Krieg sei nur "als Ergebnis und Folge der Revolution entstanden, die
sich von 1760 bis 1775 in den Köpfen der Menschen ereignete". Das ist genau die Revolution,
die wir anstoßen wollen: Eine Revolution in den Köpfen der Menschen in aller Welt,
damit sie die Möglichkeiten einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft und ihre Fähigkeit,
sie aus eigener Kraft durchzusetzen, endlich erkennen. Aus der Revolution in den Köpfen
der Menschen wird sich die Transformation der Gesellschaft entwickeln.
Wir hoffen, mit unserer Denkschrift "Nachdenken über eine Revolution" einen kleiner Beitrag
zu einer nationalen und internationalen Diskussion geleistet zu haben, die über das
Problem geführt werden muss, wie man die Kräfte die unsere Gesellschaft kontrollieren,
besiegen und eine neue Welt schaffen kann. Das vollständige Dokument ist nachzulesen
unter
http://newdemocracyworld.org/revolution/Thinking.pdf .
(Wir haben den Aufruf der beiden US-Wissenschaftler John Spritzler [s.
http://www.hsph.
harvard.edu/research/john-spritzler/
] und Dave Stratman [s. http://www.manybooks.-
net/titles/stratmandother09we_CAN_change_the_world.html
] komplett übersetzt und mit
einem Link versehen. Ihre verkürzende Marx-Kritik teilen wir nicht. Außerdem halten wir
manche ihrer Erwartungen für zu idealistisch. Wir empfehlen aber trotzdem allen, die Englisch
verstehen, die Lektüre der kompletten Denkschrift. Anschließend drucken wir den
Originaltext der Zusammenfassung ab.)
Quelle: http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP17411_071011.pdf