Naher Osten: Schwachstellen im Panzer des Imperiums

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

"Heute ist ein neuer Tag, eine neue Zeitenwende. Es ist offensichtlich, dass nichts so werden wird wie es war." - So der tuerkische Ministerpraesident Erdogan nach dem israelischen Ueberfall auf den Free Gaza-Konvoi.

 

Die Saetze bezogen sich auf Israel. Die USA erwaehnte Erdogan mit keinem Wort. Aber in der gewissen Umorientierung der tuerkischen Aussenpolitik, in die die Erdogan-Rede eingebettet ist, geht es im Kern weniger um das tuerkische Verhaeltnis zu Israel als um das zur USA. Die absolute Gefolgschaft, vermittelt ueber die NATO, relativiert sich immer deutlicher am Aufbau einer zweiten Saeule der tuerkischen Aussenpolitik. Die Regierung Erdogan betrachtet offenbar die Unterordnung unter die USA nicht mehr als die beste und einzige Variante des Fortkommens der Tuerkei in der Staatenkonkurrenz. Erdogan sucht nach einer aktiveren Rolle auf eigene tuerkische Rechnung, v.a. im Nahen Osten und im Verhaeltnis zu den unmittelbaren Nachbarn. Erdogan verbessert die Beziehungen mit dem Iran, Syrien und Griechenland. Die Orientierung auf die EU ist, als nicht realisierbar, abgeschrieben.

 

Zwei Beispiele stehen fur diese Umorientierung: Die juengste Vereinbarung mit dem Iran (und Brasilien)  ueber die iranischen Nuklearbrennstoffe und die Abkuehlung des Verhaeltnisses zu Israel, dem wichtigsten Anker der USamerikanischen Nahostpolitik.

 

Im erstern Fall ermoeglicht die Tuerkei, zusammen mit Brasilien, dem Iran, die US-Politik der Spannung am Rand des Krieges zu unterlaufen - ironischerweise mit der Realisierung einer Forderung der USA selbst, naemlich den Brennstoffkreislauf der iranischen Atomwirtschaft international einzubinden. Die USA hatten sich das als Provokation gedacht. Iranische Widersetzlichkeit sollte die Behauptung erhaerten, dass das Land die Atomwaffe will, und das waere ein Argument fuer eine Verschaerfung der Sanktionen gewesen. Mit der iranisch-brasilianisch-tuerkischen Vereinbarung wurde dieser Trick gegen die USA selbst gekehrt. Das Imperium wurde sozusagen in der eigenen Falle gefangen. - Vor noch nicht langer Zeit waere es nicht einmal denkbar gewesen, dass die Tuerkei sich auf solche Weise den USA in den Weg stellt.

 

Das zweite Beispiel, die Abkuehlung der tuerkisch-israelischen Beziehungen - im Moment, nach dem Massaker der isrelischen Armee unter den Free Gaza-Aktivisten, bis an den Rand des Bruchs - weist in die gleiche Richtung. Erdogan beendet die lange Phase der "besonderen Beziehungen" mit Israel. Die israelische Option, fuer einen Angriff auf den Iran mindestens den tuerkischen Luftraum nutzen zu koennen, ist erledigt. Das Scharnier zwischen zwei Vasallen der USA, das diesen nur genehm sein konnte, ist zerbrochen.

 

Die tuerkische Politik der Entwicklung gutnachbarschaftlicher Beziehungen mit den Staaten der Region ist ein Element eines enstehenden Widerlagers zur US-Nahostpolitik der Foerderung der Rivalitaeten zwischen den Staaten der Region, deren daraus entstehende Spannungen die Basis der immerwaehrenden Enmischung der USA in die Angelegenheiten der Region sind.

 

Das ist um so bemerkenswerter, als es durchaus ein grosses Konkurrenzfeld zwischen der Tuerkei und dem Iran gibt - die Einflussnahme im "grossen Balkan" des Nahen/Mittleren Ostens, den ehemaligen suedlichen Sowjetrepubliken, und auf den arabischen Raum. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte die Tuerkei ziemlich unverhohlen versucht, sich im Namen eines Pantuerkismus ein eigenes Einflussgebiet zu schaffen - ein Projekt, dass sich automatisch gegen den Iran (und Russland) richtete und den USA - die zuverlaessige Unterordnung der Tuerkei vorausgesetzt - ins Konzept passte. Die Verbesserung der Beziehungen der Tuerkei mit dem Iran und die Abkuehlung derer mit Israel hat eine andere Logik: sich aneinander lehnen, anstatt sich gegeneinander ausspielen zu lassen. Das ist der Taktik des Divide et Impera des Imperiums genau entgegengesetzt.

 

Eine Politik des Aneinanderlehnens hat eine solide Basis. Fuer die Tuerkei wie den Iran ist das Haupthindernis eigener Machtausdehnung die Oberhoheit der USA in der Region.

 

Fuer die USA ist die einzige Option fuer den Machterhalt im Nahen und Mittleren Osten die Pflege der Konfliktherde, die bestaendige Herstellung einer Lage am Rand des Krieges und wirklicher Krieg. Ein gutnachbarschaftliches Verhaeltnis der Staaten der Region wuerde der "Anwesenheit" der USA jegliche Plausibiltaet entziehen. Die USA "muessen" deswegen Kriegstreiber sein. Das ist die zwingende Konsequenz ihres hegemonialen Machtanspruchs.

 

Darin zeigt sich zugleich die Perspektivlosigkeit der US-Politik. Wenn die Logik des eigenen Anspruchs nur die Alternative Spannungen/Beinahe-Krieg/Krieg oder "Ami, go home" laesst, kann das zwar jahrzehntelang "gut"gehen, aber nicht auf die Dauer. Und da es nicht nur im Nahen Osten so steht, sondern auch im Raum Afghanistan/Pakistan/Indien/Suedwestgrenze Chinas, in Nordost-Asien mit dem Brennpunkt Korea, in Lateinamerika und Europa, ueberfordert das auf Dauer auch die Kraefte der USA.

 

"Ami, go home" ist die laengerfristige Perspektive. Aber das schliesst nicht aus, dass das Imperium vorher aus der Nahost-Region ein Gebiet verbrannter Erde macht. Die tollwuetige israelische Militaer- und Kolonisierungspolitik vermittelt eine Ahnung davon, welches Gefahrenpotential in einer Entwicklug steckt, von der sich die Kriegstreiber zunehmend isoliert und in Frage gestellt sehen.

 

Was die Tuerkei betrifft, war hier nur von der einen, neuen, Saeule der Aussenpolitik die Rede. Die andere ist und bleibt bis auf weiteres die "Partnerschaft" mit den USA und die Mitgliedschaft in der NATO. Um das Bild vom Standbein und Spielbein zu gebrauchen: Die neue tuerkische Aufmuepfigkeit ist noch eher das Spielbein, waehrend das Standbein die Unterordnung unter die USA bleibt. Es handelt sich eher um die Lockerung als um die Ueberwindung des tuerkischen Vasallen-Status. Aber darum handelt es sich. 

 

 

 

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Veröffentlicht in Naher-Mittlerer Osten

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A
<br /> <br /> Ich denke, generell ausgedrückt kann man sagen, alle Beteiligten, ob nun Verbündete oder potentielle Gegner der Türkei, sollten sie langsam Ernst nehmen! Sie ist längst eine regionale Großmacht<br /> und de facto, wegen der Millionen Einwanderer, auch längst eine europäische Macht, zumindest ein Machtfaktor. Ich kann mir zum Beispiel nicht recht vorstellen, dass heute ein deutscher Politiker<br /> sich mit zwei, drei Millionen Türken im Land anlegen würde. Er würde kneifen und das bedeutet konkret einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die deutsche Politik durch Ankara, bzw. Erdogan.<br /> Frag' doch mal den Herrn Westerwelle dazu;-))<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> Nein, den Westerwelle frag ich lieber nicht. Man darf den Mann nicht ueberfordern.      <br />    <br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> <br /> Ein der wesentlichen strategischen Funktionen der Türkei für die USA besteht in der Funktion eines Brückenkopfes gegenüber Russland, Zentralasien und dem Iran. Konkret: Luftwaffenstützpunkte für<br /> die US-Air Force! Hier haben die USA in den genannten Ländern inzwischen Ersatz- bzw. Ausweichstützpunkte geschaffen. Das meinte ich!<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> Verstanden. Ich glaub, da ist was dran. Un soweit was dran ist, ist das Verhaeltnis der Tuerkei zu den USA ein Bedeutungsverlust. Dessen Kompensation spielt wahrscheinlich auch eine Rolle bei den<br /> "neuen Akzenten".<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> <br /> Der Weg der Türkei ist auch deshalb unklar, weil die Reise gerade erst begonnen hat. Unabhängigkeit, Äquidistanz sind nur eine Seite der Medaille. Ich kann auch nicht ausschließen, dass Erdogan –<br /> der aus der Ferne eher emotional als rational wirkt – abdriftet, in eine Form des Islamismus, der die Türkei letztlich in eine Sackgasse führen kann/wird? Auch die Verbalattacken auf Israel,<br /> genauer das Netanyahu-Regime an der Regierung, werden sich natürlich abnutzen, wenn da nichts konkretes nach kommt! Gegenüber den USA hätte die Türkei keine Chance, Israel als wichtigsten Partner<br /> in der Region abzulösen, trotz des Luftwaffenstützpunktes Incirlik(?). Mit Bulgarien, Georgien und Rumänien gäbe es für die USA da adäquaten Ersatz! Erdogan könnte allerdings versuchen, die<br /> seltsam eingelullten Arabischen Regime gegen Israel aufzuputschen und dabei eine türkische Meinungsführerschaft anzustreben. Vielleicht ist dafür die Erinnerung an die gemeinsame osmanische<br /> Geschichte unter den Arabern nach der Länge der seither vergangenen Zeit ausreichend verklärt?<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> Das mit Bulgarien, Rumaenien, Georgien verstehe ich nicht. Ersatz fuer was ? (Keine polemische, sondern eine Verstaendnisfrage)<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> <br /> Die türkische Regierung scheint sich in der Tat zu emanzipieren, von den USA, aber auch von Europa. Was Israel betrifft, hat man sich "manch' Hintertürchen" offen gehalten. Man benötigt die<br /> Zusammenarbeit zumindest im militärtechnologischen Bereich, aber auch im Tourismus stellen Israelis einen wichtigen Faktor da. An der Zusammenarbeit im Energiebereich würde die Türkei verdienen,<br /> ebenso bei der Wasserlieferung an Israel. Ob Erdogan da wirklich alle Kontakte abreissen lassen will? Warum wurde eigentlich das "türkische Schiff" kurz vor der Gaza-Hilfsaktion ausgeflaggt auf<br /> die Komoren?<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> Ich denke auch, dass man nicht alles, was im Moment gesagt wird, fuer bare Muenze nehmen darf. Staaten operieren immer auf mehreren Ebenen. Die Neuorientierung der Tuerkei ist vrosichtig und<br /> begrenzt, auch noch juengeren Datums, und des muss sich erst erweisen, ob das eine Episode ist oder ein Grundzug der tuerkischen Aussenpolitik wird. Aber immerhin ist die Tatsache, dass<br /> ueberhaupt Schritte in eine andere Richtung getan werden, bemerkenswert und fuer die Entwicklung im Nahen Osten auch symptomatisch. Mir scheint, dass die Zeit gegen die Dominanzpolitik der USA<br /> arbeitet.<br /> <br /> <br /> <br />