Noch eine Nachbetrachtung zum 1. Mai
An Symbol-Tagen wie dem 1. Mai werden grosse Worte gemacht. Solidarität ist so ein Wort. Es spielt in der Arbeiterbewegung überhaupt eine zentrale Rolle. Heute wird das Wort Solidarität vom Mainstream in einem Sinn gebraucht, der mit seinem Inhalt in der Arbeiterbewegung nicht viel zu tun hat. - Solidarität bedeutet eigentlich nicht z. B. Wohltätigkeit für die ganz Armen, sei es hier oder irgendwo in der sogenannten 3. Welt. Wenn der Rotary Club oder die Tafeln oder die Tausende NGOs "Gutes tun", ist das mehr christliche Caritas, die "milde Gabe", die paternalistisch von oben gereichte Hand für die armen Schweine da unten. Die kleine Spende für Brot für die Welt oder die "Patenschaft" für irgendein Kind in den Hungerleider-Regionen, die im Monat vielleicht zehn oder fünfzig Euro kostet, schmeichelt dem Selbstgefühl des Spiessers, lässt die Welt im übrigen aber so grausam, wie sie ist - da kann man halt nichts machen, also "Einzelnen" helfen.
NGOs und z. B. kirchliche karitative Organisationen sind sehr oft, egal, was bei ihnen engagierte Idealisten sich dabei denken, in Wirklichkeit Hilfskolonnen imperialistischer Aussenpolitik, die das Image des Westens bei den koujonierten Völkern aufpolieren sollen und beim "Nation Building" Staaten helfen, die direkt militärisch besetzt sind oder sonstwie unter der Fuchtel der "Weltaufsichtsmächte" stehen. Zum Teil werden sie direkt zum Tross von Besatzungsarmeen, wie heutzutage in Afghanistan oder in den 1990er Jahren in Jugoslawien. Soweit sich solche Hilfsorganisationen in den Regionen, indenen sie tätig sind, nicht mit politischen Bewegungen verbinden, die für die Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen, sind sie faktisch Teil der imperialistischen "Soft Power".
Solidarität im Sinn der Arbeiterbewegung ist etwas anderes: GEGENSEITIGE Hilfe. Auch hier kommt es nicht darauf an, dass nach dem Prinzip "Gibst du mir, geb ich dir" verfahren wird. Wer kann hilft, und wer Hilfe braucht, nimmt, wenn er sie kriegt. Den Nutzen daraus ziehen alle, die "Geber" und die "Nehmer", weil es um den gemeinsamen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung geht. Solidarität ist Resultat von Organisiertheit, und Organsiertheit + Klassenbewusstsein sind die einzigen Waffen der Arbeiterklasse. Solidarität ist nicht nur konkrete Hilfe auf Gegenseitigkeit, sondern auch ein Mittel, das Bewusstsein dafür weiterzubringen, dass bei aller Verschiedenheit der einzelnen Schichten innerhalb der Arbeiterklasse, bei allen Unterschieden in der politischen und weltanschaulichen Ausrichtung, ungeachtet der Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Staat per Staatsbürgerschaft, die Gemeinsamkeit der Interessen das Wichtigste ist.
Zu diesem Thema hat sascha313 einen interessanten Text in sein Blog gestellt:
Gedanken zum ersten Mai
Ein sowjetisches Plakat zum ersten Mai
Die Sonne scheint: Es ist der 1. Mai
Ist es nun ein „Kampf- und Feiertag der Werktätigen“ wie einst in der DDR? Oder eher ein Familienwandertag, ein Tag der Spaziergänger und Biertrinker? Eine sehr anschauliche Beschreibung, wie die proletarische Klasse diesen arbeitsfreien Tag begeht, lieferte modesty, und sie kommt (offenbar resignierend?) zu dem Schluß: „Nichts gegen schlagkräftige Gewerkschaften. Aber ich fände es schön, wenn sich die bessergestellten unter den Arbeitern auch einmal einen Gedanken um die weniger gut gestellten machen würden. Die schöne alte Solidarität wieder aufleben lassen würden.“ [1] Tja, wie ist das nun mit der Solidarität? Gibt es sie eigentlich noch? Oder lebt heute jeder nach dem Motto: Rette sich wer kann? Was geht mich fremdes Elend an? Um den Sinn dieses Kampf- und Feiertages der Werktätigen zu verstehen, muß man etwas „in die Tiefe“ gehen...
Brauchen wir eigentlich noch den Klassenkampf?
„Der Wert der Arbeitskraft“, so schreibt Karl Marx, „wird aus zwei Elementen gebildet – einem rein physischen und einem historischen oder gesellschaftlichen. Seine äußerste Grenze ist durch das physische Element bestimmt, d.h., um sich zu erhalten und zu reproduzieren, um ihre physische Existenz auf Dauer sicherzustellen, muß die Arbeiterklasse die zum Leben und zur Fortpflanzung absolut unentbehrlichen Lebensmittel erhalten. Der Wert dieser unentbehrlichen Lebensmittel bildet daher die äußerste Grenze des Werts der Arbeit. Andererseits ist die Länge des Arbeitstags ebenfalls durch äußerste, obgleich sehr elastische Schranken begrenzt. Ihre äußerste Grenze ist gegeben mit der Körperkraft des Arbeiters. Wenn die tägliche Erschöpfung seiner Lebenskraft einen bestimmten Grad überschreitet, kann sie nicht immer wieder aufs neue, tagaus, tagein, angespannt werden. Indes ist, wie gesagt, diese Grenze sehr elastisch. Eine rasche Folge schwächlicher und kurzlebiger Generationen wird den Arbeitsmarkt ebensogut mit Zufuhr versorgen wie eine Reihe robuster und langlebiger Generationen. Außer durch dies rein physische Element ist der Wert der Arbeit in jedem Land bestimmt durch einen traditionellen Lebensstandard. Er betrifft nicht das rein physische Leben, sondern die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, entspringend aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die die Menschen gestellt sind und unter denen sie aufwachsen.“
Aus ökonomischem Kampf wird politischer Kampf
„Das Maximum des Profits ist daher begrenzt durch das physische Minimum des Arbeitslohnes und das physische Maximum des Arbeitstags.“ Und weiter führt Marx aus:
„Die Frage löst sich auf in die Frage nach dem Kräfteverhältnis der Kämpfenden. ... Was die Beschränkung des Arbeitstags angeht, in England wie in allen anderen Ländern, so ist sie nie anders als durch legislative Einmischung erfolgt. Ohne den ständigen Druck der Arbeiter von außen hätte diese Einmischung nie stattgefunden. Jedenfalls aber war das Resultat nicht durch private Vereinbarung zwischen Arbeitern und Kapitalisten zu erreichen. Eben diese Notwendigkeit allgemeiner politischer Aktion liefert den Beweis, daß in seiner rein ökonomischen Aktion das Kapital der stärkere Teil ist.“ [2]
Klar ist, was Marx hier meint: Solange der Kampf der Arbeiterklasse sich auf rein ökonomische Fragen beschränkt: um mehr Geld, um höhere Löhne, d.h. auf die Erhaltung und Reproduktion der eigenen Arbeitskraft, solange wird auch das Kapital am längeren Hebel sitzen. Und solange gibt es auch nicht „die schöne alte Solidarität“.
Das Gesetz von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt
Und hier noch eine interessante Feststellung von Marx: „Was die Grenzen des Werts der Arbeit angeht, so hängt seine faktische Festsetzung immer von Angebot und Nachfrage ab, ich meine die Nachfrage nach Arbeit von seiten des Kapitals und das Angebot von Arbeit durch die Arbeiter. In den Kolonialländern begünstigt das Gesetz von Angebot und Nachfrage den Arbeiter. Daher der relativ hohe Lohnstandard in den Vereinigten Staaten. Das Kapital kann dort sein Äußerstes versuchen. Es kann nicht verhindern, daß der Arbeitsmarktständig entvölkert wird durch die ständige Verwandlung von Lohnarbeitern in unabhängige, selbstwirtschaftene Bauern.“ [2]
Auch ist die BRD ein solches Kolonialland. Und nicht nur der Rückzug ins Private, ins Aussteigerleben oder die Flucht in besserbezahlte Regionen (Pendler) ist damit erklärt. Die Formen der Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft sind offenbar nicht mehr zeitgemäß. Und im übrigen hatte Lenin schon recht...
Quelle:
[1] Blog von modesty: Die Arbeiterklassengesellschaft
[2] Karl Marx, Lohn, Preis und Profit, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Bd.III, Dietz Verlag Berlin, 1987, S.122-125.
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sascha313: http://sascha313.blog.de/2012/05/03/erste-mai-tag-biertrinker-13619735/