Noch einmal zur Zivilgesellschaft bei Gramsci

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Aus Unkenntnis oder in manipulativer Absicht wird heute in der Linken das imperialistische Konzept der Zivilgesellschaft mit dem Begriff vermischt, den Gramsci entwickelt hat. In einem Aufsatz, der 2007 in junge welt zu lesen war, stellt Hans Heinz Holz klar, worum es sich beim Gramscischen Begriff Zivilgesellschaft handelt.

Hans Heinz Holz: Kampf um Kultur
Antonio Gramscis Parteitheorie (Teil I): Im national geführten »Stellungskrieg« wird der Herrschaftsapparat schrittweise auf ökonomischem und zivilgesellschaftlichem Terrain erobert
Zur Absicherung seiner Herrschaft gibt das Kapital Teilen der Arbeiterklasse ein falsches Selbstbewußtsein: Revolutionärsein mit Markenklamotten Foto: AP
Für die Wiedergewinnung einer strategischen Konzeption der Linken ist die Aneignung der Arbeiten Antonio Gramscis (23.1.1898-27.4.1937) von zentraler Bedeutung. Er gehört zu den Politikern und Denkern der III. Internationale, die in der Konsequenz der Oktoberrevolution die Grundlagen der klassischen Lehren des Marxismus so ausgebaut haben, daß sie langfristige Perspektiven des Klassenkampfs im Stadium des Imperialismus aufzeigen. Den Ort, den Gramsci im zeitgeschichtlichen Kontext einnimmt, hat Luciano Canfora in seinem brillianten zweiteiligen Essay (jW vom 26. und 27./28.April) ausgeleuchtet. Welches sind nun die theoretischen Positionen, von denen wir heute für die politische Praxis lernen können?
Antonio Gramscis Parteitheorie (Teil II): Organisation eines sozialistischen Internationalismus unter nationalen Bedingungen


Mit dem Namen Antonio Gramscis verbindet sich oft mehr eine Legende als historisch fundierte Kenntnis. Und wie es so bei Legenden geht: Je weniger man die Tatsachen kennt, um so üppiger wuchern die Ranken der Phantasie. Deutsche Sozialdemokraten reklamieren Gramsci als Reformisten Bernsteinscher Couleur, andere sahen in ihm den Vater des Eurokommunismus und suggerierten, er habe die theoretischen Grundlagen dafür gelegt, daß sich seit den sechziger Jahren in den kommunistischen Parteien mehr und mehr eine innere Distanzierung von der Sowjetunion ausbreitete. Wolfgang Fritz Haug will ihn gar für eine »Neugründung« des Marxismus in Anspruch nehmen, die das Erbe der III. Internationale über Bord werfen würde.

 

Daß eine solche Deutungsbreite entstehen konnte, hat seine Ursache in dichter Abschottung von Quellen. Bis zu der von Wolfgang Fritz Haug ins Leben gerufenen deutschen Ausgabe der »Gefängnishefte« (seit 1991 in zehn Bänden) - einem höchst verdienstvollen Großunternehmen wissenschaftlicher Verlegertätigkeit - gab es nur eine minimale Auswahl, 1967 bei Fischer erschienen, miserabel übersetzt, unzulänglich präsentiert und inkompetent zusammengestellt; und einen 1980 im Röderberg Verlag zusammen mit dem Reclam Verlag (DDR) herausgebrachten vierhundertseitigen Sammelband von kürzeren Aufsätzen.

 

Das war die Kenntnislage über einen der Führer des internationalen Proletariats, von dem ich 1980 schrieb: »Gramsci ist der Klassiker des italienischen Kommunists. Er ist ein Klassiker der kommunistischen Weltbewegung. Das heißt: Er hat die Bedingungen des proletarischen Klassenkampfs in Italien und die Strategie der Avantgardepartei der Arbeiterklasse theoretisch analysiert und daraus praktische Folgerungen gezogen. Das heißt weiter: Er hat diese theoretischen Analysen vorgenommen und praktische Konsequenzen gezogen im Rahmen der Weltanschauung und Methode des wissenschaftlichen Sozialismus, im Rahmen der kommunistischen Internationale, der er treu und diszipliniert angehörte.«1

 

Der Begriff »Zivilgesellschaft«

 

Neben Untersuchungen zur italienischen Literatur und Geschichte, vor allem der bürgerlichen Periode der Staatseinigung (Risorgimento), in der sich zwischen 1815 und 1870 selbständigen Fürstentümer zum Nationalstaat Italien vereinigten, beschäftigte sich Gramsci in der Kerkerhaft besonders mit Fragen der kulturellen und weltanschaulichen Momente des Klassenkampfs und ihrer theoretischen Fundierung sowie der zentralen Rolle der Kommunistischen Partei, deren Funktion er in Analogie zu Machiavellis (1469-1527) »Principe« (Der Fürst) bestimmte. Die Bedeutung, die er den institutionellen und ideologischen Ausdrucksformen der Produktionsverhältnisse zuschrieb, führte ihn zu einer neuen Definition der Beziehungen von ökonomischer Basis und institutionellem und kulturellem Überbau, die er als funktionelle Einheit erfaßte und mit dem Terminus »historischer Block« (blocco storico) bezeichnete. Der Ausdruck meint nicht, wie zuweilen irrtümlich angenommen wurde, das Programm der »historischen Kompromisse« (compromesso storico) - womit die Kommunistische Partei Italiens unter Enrico Berlinguer (1922-1984) die Notwendigkeit des Bündnisses mit den katholischen Volksmassen und ihren Organisationen in Italien anvisierte. »Historischer Block« besagt vielmehr, daß die konkrete gesellschaftliche Situation nicht in zwei isolierte Komponenten zerlegt werden darf, von denen eine, der Überbau, im historischen Prozeß nur eine abhängige, nachgeordnete Funktion habe.

 

Nach Gramscis Einsicht verwirklicht sich die Klassenherrschaft als »Hegemonie« vermittels des Überbaus, der in seinen Institutionen (Schule, Kirche, Rechtsordnung usw.) und in seinen Ideologien (Religion, Ethik, Lebensgewohnheiten usw.) den Klassenwiderspruch versöhnen und verschleiern soll, so wie sich auch das proletarische Klassenbewußtsein in einem eigenen Überbau seine ideologischen Ausdrucksformen schafft (zum Beispiel die Rationalität der Weltanschauung, die Moral der Arbeiterklasse, die kritische und mobilisierende Kunst und Literatur mit ihren besonderen Formen). Wenn der Klassenkampf auch zentral auf die Veränderung der Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln ausgeht, so kann er doch den Bewußtseinswandel im weltanschaulichen Überbau, die Veränderungen der »Jedermannsphilosophie«, nicht außer acht lassen, wenn es gelingen soll, die Massen zu bewegen. Insofern kommt neben dem ökonomischen Kampf der kulturellen Auseinandersetzung und der den »historischen Block« insgesamt organisierenden politischen Strategie der Partei eine relativ selbständige Bedeutung zu.

 

In diesem Zusammenhang sind Mißverständnisse über den Begriff der »Zivilgesellschaft« auszuräumen. Unter »politischer Gesellschaft« (società politica) versteht Gramsci alle jene Strukturen, in denen die Staatsführung (Regierung) unmittelbar durch ihre Funktionäre ihre gesellschaftlich organisierende und Herrschaft befestigende Tätigkeit ausübt: Administration, Polizei, Militär, Fiskus usw.

 

Demgegenüber nennt er »Zivilgesellschaft« (società civile) jene Strukturen, in denen die gesellschaftlichen Prozesse entsprechend den interessengeleiteten Handlungen von Gruppen und Individuen verlaufen - also Wirtschaftsvereinigungen (und überhaupt der »Markt«), Unternehmer und ihre Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen, Vereine usw. Zivilgesellschaftlich ist ebenso die liberale Konzeption der Selbstregulation durch Angebot und Nachfrage wie die Planungsstrategie von Bürgerinitiativen, ebenso die Konkurrenz von Kapitalien wie das Genossenschaftswesen. Wie die Zivilgesellschaft aussieht, hängt von der jeweiligen konkreten Form der Gesellschaft, also der Produktionsverhältnisse ab.

 

»Zivilgesellschaft« ist mithin kein Gegenbegriff zu »Herrschaftsverhältnisse«, sondern Gattungsbegriff für den nicht durch Regierungsgewalt geregelten Bereich. Die Selbstregulation der Gesellschaftsprozesse durch die Bürger in der Zivilgesellschaft kann nur demokratisch sein, wenn die Bürger durch Erziehung auf einen Bildungsstand gebracht werden, der sie zu kompetentem Urteilen befähigt. Dies »kann nur in den Gesellschaften "demokratisch" sein, in denen die historische Einheit von Zivilgesellschaft und politischer Gesellschaft dialektisch verstanden wird und der Staat als von der "regulierten" Gesellschaft abhebbar aufgefaßt wird: In dieser Gesellschaft verschwimmt die herrschende Partei nicht organisch mit der Regierung, sondern ist Instrument für den Übergang von der zivil-politischen Gesellschaft zur "regulierten Gesellschaft", insofern sie beide in sich aufnimmt, um sie aufzuheben« (Heft 6, § 65).

 

Der Staat insgesamt ist die Einheit von zivilgesellschaftlich sich herstellender Hegemonie und institutionell ausgeübtem Zwang. Die italienischen Termini »società civile« und »società politica« reproduzieren Hegels Unterscheidung von »bürgerlicher Gesellschaft«, in der »die Privatpersonen ihre eigenen Interessen zu ihrem Zweck haben«, und »polizeilicher Vorsorge«, die »eine äußere Ordnung und Veranstaltung ist«. »Zivilgesellschaft« ist kein Kampfbegriff, der in ein sozialistisches Programm eingebracht werden kann, sondern eine beschreibende Kategorie für die soziologische Verfassung von Herrschaftsverhältnissen. Sie bezeichnet das Feld, auf dem die Hegemonie einer Klasse hergestellt und erhalten wird.

 

Bewußtwerdung der Arbeiterklasse

 

Daß der Sieg der Oktoberrevolution die Bourgeoisie nicht weltweit gestürzt hatte, und daß dieser Sieg in anderen Ländern nicht ohne weiteres und rasch zu wiederholen war, veranlaßte Gramsci zur Neudefinition der Kampfweise. An die Stelle des zu schnellen Erfolgen führenden »Bewegungskrieges« war der langwierige »Stellungskrieg« getreten, in dem die Existenz eines mächtigen sozialistischen Landes, der Sowjetunion, die internationalen Kampfbedingungen entscheidend beeinflußte. Wo dieser Stellungskrieg geführt wird, geht es um die schrittweise Infiltration und Eroberung des Herrschaftsapparats, also des Erziehungswesens, der Justiz, der Administration. Das ist aber nur möglich, wenn es gelingt, die Interessen der Massen gegen das ausbeutende System zu formulieren und zu verteidigen, ihre Sympathie zu gewinnen, ihr Selbstbewußtsein zu entwickeln und auf eine neue Gesellschaft hin zu orientieren. Solange die herrschende Klasse die Beherrschten durch Religion und Moral, Gewohnheiten und Institutionen an sich bindet, solange sie das Bewußtsein der Unterdrückten zu steuern vermag, kann sie nicht aus dem Sattel gehoben werden. Herrschaft erhält sich nicht nur durch Gewalt, sondern dauerhaft nur durch Hegemonie, also dadurch, daß sie einen ideologischen Konsens der Beherrschten mit dem herrschenden System herstellen kann. »Um aber eine Klasse unterdrücken zu können, müssen ihr Bedingungen gesichert sein, innerhalb deren sie wenigstens ihre knechtische Existenz fristen kann«, schreiben Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) im »Kommunistischen Manifest« (MEW 4, S. 473). Es kommt darauf an, den Schein zu zerstören, der dem Ausgebeuteten seine Ausbeutung als Überlebensbedingung vorgaukelt.

 

Revolutionäre Veränderungen setzen darum die Ausbildung eines neuen Bewußtseins voraus, das nicht nur punktuell auf die Abschaffung dieser oder jener bedrückenden Umstände gerichtet ist, sondern das gesamte Leben der Massen ergreift. Dieses Bewußtsein muß an die Kultur der vorangegangenen Epochen anschließen, ihre progressiven Elemente in sich aufnehmen und sie weiterbilden. Es gibt keine Hegemonie einer neuen Klasse, wenn diese sich nicht die Geschichte der Nation aneignet und als deren Erbe auftritt.

 

Damit rückt die »nationale Frage« ins Zentrum der geschichts- und kulturphilosophischen Aspekte der politischen Strategie. Gramsci hat diesen Faden aufgenommen. Mit Bezug auf eine Veröffentlichung Josef Stalins (1878-1953) anläßlich der ersten US-amerikanischen Arbeiterdelegation aus dem Jahre 1927 (Stalin Werke, Bd. 10, S. 81-129) hob er hervor, daß »die internationale Situation in ihrem nationalen Aspekt behandelt werden sollte«, da sich der Internationalismus der kommunistischen Weltbewegung als »realistische Politik« nur durch die nationalen Besonderheiten hindurch verwirklichen lasse. »Der nationale Bezugsrahmen ist das Resultat einer ursprünglichen, in einem gewissen Sinne einzigartigen Kombination, die in dieser Ursprünglichkeit und Einzigartigkeit verstanden und begriffen sein muß, wenn man sie beherrschen und leiten will« (Heft 14, § 68). Denn die Hegemonie im Staate zu erringen, bedeutet, sich die gesamte kulturelle Tradition in ihrer Besonderheit als Moment der aktuellen Erfahrungen der Klasse einzuverleiben - jene kulturelle Tradition, die definitiv ist für die Verhaltensweisen, Auffassungen und Empfindungen der Massen, der gesamten Nation. Die Politik der kommunistischen Partei müsse also die Elemente der Nationalkultur in sich aufnehmen und verarbeiten, wenn sie an Ort und Stelle Resonanz finden und die internationalistische Perspektive des Proletariats durchsetzen wolle.

 

Weil jede Gegenwart vermittelt und durchsetzt ist mit den Wirkungen der Geschichte, die zu ihr hinführt, kann die Arbeiterklasse, die selbst in dieser Geschichte entstanden ist, nur dann die herrschende Klasse werden, wenn sie die Sedimente der Geschichte, also das »kulturelle Erbe«, in sich selbst bewußt aufnimmt und weiterträgt und zum Nährboden macht, aus dem die neue Weltanschauung, die zum Orientierungssystem der neuen Gesellschaft wird, hervorwächst und ihre Verbindlichkeit für die ganze Nation gewinnt. Gramsci zeichnet hier unter Hinweis auf Marx, Engels, Lenin (1870-1924) und die damals jüngsten Äußerungen Stalins zur nationalen Frage theoretische Linie für jene Konzeption, die dann vom VII. Weltkongreß der Komintern 1935 bestätigt wurde.

 

Partei als »Gesamtintellektuelle«

 

Weil den kulturellen Lebensformen (im weitesten Sinne) solche Vermittlungsfunktion für die politische Willensbildung zukommt, ist die Rolle der Intellektuellen von besonderer Bedeutung. Sie sind die Instanzen, über die die Hegemonie sich durchsetzt. Gramsci besteht darauf, daß jeder Mensch ein Intellektueller ist - denn er muß immer denken; es gibt nur graduelle Unterschiede von Intelligenz.

 

In der arbeitsteiligen Gesellschaft übernehmen traditionell bestimmte Funktionäre des »Geistigen« (Lehrer, Richter, Verwaltungsbeamte, Journalisten, Geistliche, Schriftsteller, Künstler) die Rolle des Intelektuellen. »Organische Intellektuelle« sind dagegen alle, die dem Bewußtsein einer Klasse Ausdruck geben und es formen helfen, also zum Beispiel Partei- und Gewerkschaftsführer, Betriebsräte, überhaupt jeder, der teilnimmt an der Diskussion unter Menschen über ihre Probleme. Im Klassenkampf in der bürgerlichen Gesellschaft ist die auf eine dynamisch sich entwickelnde Theorie gestützte kommunistische Partei die »Gesamtintellektuelle« des Proletariats. Und jeder Kommunist ist ein Teil dieser kulturellen Allgemeinheit, welche die Partei realisiert und durch ihre Organe, vor allem durch ihre Presse und Publikationen, vermittelt. So führt auch die Kulturtheorie wieder zur Parteitheorie zurück.

Die Konzeption des »historischen Blocks« und dieser Hegemonie, die Kulturtheorie und die politische Strategie erweisen sich als Momente einer systematischen Entfaltung des historischen Materialismus als des theoretischen Gerüsts praktischer Politik. Das konstitutive Prinzip dieser systematischen Einheit ist die Partei - das hat Palmiro Togliatti (1893-1964) in seiner Abhandlung »Der Leninismus im Denken und Handeln von Antonio Grasmci« klar aufgezeigt. Damit definiert Gramsci den »Status einer Philosophie, die als marxistische Theorie nicht zu beschränken ist auf die traditionellen Aufgaben der bürgerlichen akademischen Disziplin, mit der sie kaum mehr als den Namen teilt«.2 Denn wird die geschichtliche Wahrheit an einen real-allgemeinen politischen Träger und dessen Aktivität gebunden, so ist die Differenz von philsophischer Theorie und politischer Praxis aufgehoben; und genau dies ist das Wesen der »Partei neuen Typs«, die gattungsverschieden ist von allen Parteien, die die besonderen Interessen im System bürgerlicher Demokratie repräsentieren. An der Schlüsselstellung, die die Parteitheorie im Werk Gramscis besitzt, bewährt sich sein Leninismus.

 

Konzept der Avantgardepartei

 

Gramscis Hegemonie- und Kulturtheorie ist keine idealistische Konzeption einer Politik, die durch Veränderung des Bewußtseins die gesellschaftlichen Verhältnisse umwälzen will. Sie zielt auf die materiellen Verhältnisse als Einheit von Kultur und institutionellem Überbau mit der ökonomischen Basis, aus der die Interessen der Menschen erwachsen. Politik der Arbeiterklasse ist für ihn weder ökonomischer Automatismus noch subjektiver Spontaneismus. In Übereinstimung mit Marx und Engels weiß er, daß es die Menschen sind, die ihre Geschichte machen, aber eben unter gegebenen Bedingungen. Mit Lenin ist er sich darüber klar, daß der Kampf nur geführt werden kann, wenn eine Avantgardepartei die Probleme der Massen formuliert, das Bewußtsein der Massen bildet und in den Massen verwurzelt ist; und daß die Partei das nicht leisten kann, wenn sie nicht auf hohem theoretischen Niveau die Gegenwart analysiert, die Vergangenheit verarbeitet und die Zukunft entwirft.

 

Das Zentrum, um das Gramscis theoretische Erwägungen kreisen, ist die Parteitheorie. In diesem Zusammenhang bekommt auch die philosophische Theorie einen neuen Charakter: Sie geht in die politische Praxis über; der Philosoph tritt aus dem Elfenbeinturm und wird Politiker, aber die Politik wird eben auch philosophisch, indem sie aus dem Horizont eines geschichtlichen Prozesses und gemäß geschichtsphilosophischen Einsichten konzipiert wird. Marxistische Politik folgt nie den Gesichtspunkten einer kurzfristigen Opportunität. Wo Pragmatik die Grundsätze unterläuft, wird sie sozialdemokratisch. Nur als theoretisch begründete Politik kann sie den Anforderungen des Stellungskrieges gewachsen sein. Für tagespolitische Rücksichtnahmen und Anpassungen ist aus Gramsci keine Rechtfertigung zu gewinnen.

 

Der Horizont der Geschichte ist hier und jetzt und praktisch das kulturelle Geflecht, in dem wir leben; denn in diese Kultur ist ihre gesamte Herkunft mit eingegangen. Darum sind auch der politische Kampf und der sozialistische Aufbau von Land zu Land verschieden, insoweit nationale Kulturen verschiedene Lebensweisen hervorgebracht haben. Die Kulturtheorie ist also unmittelbarer Teil der grundlegenden Bestimmung der Inhalte, Formen und Richtung des politischen Kampfes. Die »cultura nazionale-popolare« ist das Feld, auf dem der Kampf um das Klassenbewußtsein ausgetragen wird - so wie jedes neue Klassenbewußtsein auch eine neue Kulturstufe in der Geschichte der Nation darstellt. Die »cultura nazionale-popolare« war und ist der gemeinsame Boden, auf dem das antifaschistische und antikapitalistische Bündnis der Arbeiterklasse mit anderen Schichten der Bevölkerung möglich wurde und wieder möglich werden kann.

 

1 Hans Heinz Holz/Hans Jörg Sandkühler (Hg.), Betr. Gramsci, Philosophie und revolutionäre Politik in Italien, Köln 1980, S. 285 ff.

2 Die Abhandlung ist im Band Holz/Sandkühler, a.a.O., S.140-163, dokumentiert

 

Hans Heinz Holz promovierte bei Ernst Bloch und lehrte in Marburg und Groningen (Niederlande) Philosophie

 

Junge Welt; 02.05.2007

 

übernommen von http://www.kominform.at/article.php/2007050213581263

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G
<br /> Gramsci hat mich schon immer interessiert, bin vom 2. Teil beeindruckt. Selbst bei der "Partei neuen Typus" ist mir heute anders als in der DDR nicht schlecht geworden. Man hat eben vergessen die<br /> Zukunft zu entwerfen...<br />
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S
<br /> Es wird wohl aber am sinnvollsten sein, die praktischen Konsequenzen der Mayerschen Theorie aufzuzeigen. Eine abstrakte Diskussion bringt nicht so viel. Wenn ich es rechtzeitig schaffe, werde ich<br /> das Büchlein von Kautsky herausgeben, in dem er die Notwendigkeit eines Parteiapparates erklärt und warum die Intellektuellenschicht innerhalb der Arbeiterbewegung - Berufsjournalisten etc. - so<br /> wichtig sind.<br /> <br /> <br /> Ich will einfach davon ausgehen, dass die Genossen noch viel lesen und sich dann vielleicht auch überzeugen lassen. Andererseits habe ich auch schon Gruppen kennengelernt, in denen die<br /> Weiterbildung nicht betrieben wurde. Gegen festgefahrene Denkstrukturen lässt es sich schlecht argumentieren, aber man sollte die Hoffnung nicht aufgeben.<br />
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S
<br /> Man müsste blind sein, die Diskussion in der DKP nicht mitzubekommen. Und da Leo Mayer sich so sehr bemüht, Lenin zu<br /> entsorgen, fordert sein Artikel doch Kritik heraus.<br /> <br /> <br /> Ich frage mich nur, ob das sinnvoll ist. Ich hatte es ja auch schon mal geschrieben, dass Mayers Artikel keine Diskussionsgrundlage bildet, da er seine Auffassungen nicht ordentlich darlegt und<br /> diskutierbar macht. B. Landefeld sprach in dem Zusammenhang auch von einem Verkündungsstil. Mit seinem Bestreben entsorgt Mayer auch gleich Kautsky und den großen Fundus an Erfahrungen der<br /> Arbeiterbewegung.<br />
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S
<br /> <br /> Die Frage war spasshaft gemeint. Wenn ich im Moment mehr zu Gramsci ins Blog stelle, bezieht sich das natürlich auf Mayers Gramsci-Verschnitt.<br /> <br /> <br /> Die Bedeutung von Mayers Gramsci-Verwendung liegt nicht in ihrer theoretischen Fundiertheit. Ich habe Deine Dikussionsbeiträge auf Beates Blog zustimmend gelesen. Aber die Bedeutung liegt darin,<br /> dass Mayers "Interpretationen" durchaus Anhang finden und der Zweck, den Du richtig mit "Lenin zu entsorgen" ansprichst, leider mit einem gewissen Erfolg verfolgt wird. Hier muss man<br /> dagegenhalten, ganz egal, auf welchem theoretischen Niveau Mayer agiert. <br /> <br /> <br /> <br />
S
<br /> So sieht es doch etwas anders aus, als Leo Mayer es darstellt. <br />
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S
<br /> <br /> Wie kommst Du denn auf Leo Mayer ? <br /> <br /> <br /> <br />
H
<br /> Bei allen Kommentaren, die zu Gramsci abgegeben werden, fehlen zwei wichtige Literaturangaben, die seiner Konzeption gewidmet sind. Hier sind diese Angaben:<br /> <br /> <br /> Palmiro Togliatti, Der Leninismus im Denken und Handeln von Antonio Gramsci. Notizen für einen Beitrag auf einer Konferenz über Antonio Gramsci in Rom vom 11. bis 13. Januar 1958, in:<br /> Palmiro Togliatti, Ausgewählte Reden und Aufsätze, Dietz Verlag Berlin 1977, S. 503 bis 526.<br /> <br /> <br /> Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Demokratie, Berlin 1989, S. 251-260 (vgl. weitere Einträge unter dem Stichwort "Gramsci" im Personenregister des Buches).<br /> <br /> <br /> Solidarische Grüße<br /> <br /> <br /> Herbert<br />
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S
<br /> <br /> Danke. Weisst Du, ob das im Internet aufzutreiben ist ?<br /> <br /> <br /> <br />