Nordkorea - USA: Wer ist hier verrückt ?
Der Tod Kim Jong Ils und die Machtübernahme Kim Jong Uns war ein Ereignis, das in den westlichen Medien mit grosser Aufmerksamkeit bedacht wurde. Nordkorea ist ja ein kleines Land mit gerade einmal 24 Millionen Einwohnern, seine Wirtschaft spielt im internationalen Massstab keine Rolle, seine aussenpolitischen Ambitionen sind die bescheidensten, die ein Staat haben kann - der Selbsterhalt. Die Bedeutung des Landes liegt denn auch gar nicht in ihm selbst, sondern darin, dass es sich um eines der Länder handelt, die die USA ihrem Einfluss unterwerfen wollen - und dies nicht irgendwo in Afrika, sondern an einer Nahtstelle der grossen internationalen Konfliktlinien. Wenn es den USA gelänge, Nordkorea zu unterwerfen, würde die US-Armee direkt an der chinesischen und an der russischen Grenze stehen.
Die USA erkennen Nordkorea bis heute nicht diplomatisch an und hat bis heute seine Truppen, die auch über Atomwaffen verfügen, an der nordkoreanischen Grenze stationiert. Nordkorea ist gezwungen, für eine glaubwürdige Abschreckung einen erdrückend grossen Teil seines Nationalprodukts für die Verteidigungsbereitschaft zu verwenden. Die angesichts der USamerikanischen Atomwaffen in Südkorea und im chinesisch-japanischen Meer notwendige Entwicklung eigener Atomwaffen verschlang ebenfalls grosse Mittel. Das ganze gesellschaftliche Leben steht unter der Prämisse, sich nicht unterwerfen zu lassen.
Wer in das Norkorea-Bashing mit einstimmt - un das tun viele, bis weit hinein in die westliche Linke - sollte sich vergegenwärtigen, welche Erfahrungen die Nordkoreaner gemacht haben. Sie hatten im Koreakrieg von 1950 - 1953 9 Millionen Tote - ein Drittel der Bevölkerung. Das waren höhere Verluste, als sie irgendein Land im II. Weltkrieg hatte. Man muss bis zum Dreissigjährigen Krieg zurückdenken, um Ähnliches zu finden. Nordkorea wurde innerhalb drei Jahren praktisch vollkommen zerstört. Es gab keinen intakten Betrieb mehr und so gut wie keine unversehrt gebliebene Wohnung, keine befahrbare Strasse oder Eisenbahnlinie, keinen funktionsfähigen Hafen - nichts mehr. Es gibt keine Familie, die nicht Tote zu beklagen und Verstümmelte zu pflegen gehabt hätte.
In der westlichen Propaganda wird stets unterstellt, bei der nordkoreanischen Doktrin der Unabhängigkeit handele es sich um eine Marotte "des Regimes", das die Bevölkerung gegen deren mutmasslichen eigenen Willen zwinge, diese Politik zu unterstützen. Ich glaube nicht, dass das so ist. Die Traumatisierung durch die völkermörderische Kriegsführung der USA wird kaum nur die politische Führung erfassen, sondern die Masse der Nordkoreaner. Und die Aufwendungen für die Verteidigung sind nicht "verrückt" oder den Interessen des Militärs geschuldet, sondern angesichts der seit mehr als einem halben Jahrhundert bestehenden Bedrohung durch die USA eine bittere, aber vernünftige Notwendigkeit.
Die Abscheu vor "dem Regime" in Nordkorea ist stets begleitet von Vorwürfen, die Bevölkerung müsse aufgrund dessen doktrinärer Politik darben. Aber wer sich die Bilder von Nordkorea ansieht, sieht in Pjöng Jang eine moderne, saubere und gepflegte Grossstadt. Ich habe auf den Fotos der vielen Reiseberichte, die ich über Nordkorea gelesen habe und die gewöhnlich sehr missgünstig, vom Standpunkt westlichen Dünkels, geschrieben sind, keine verfallenen Behausungen auf dem Land gesehen. Es gibt offenbar keine Slums, keine Obdachlosigkeit, keine Bettler - Erscheinungen, wie es sie sogar im reichen Westeuropa und Nordamerika massenhaft gibt, von den armen Kontinenten ganz zu schweigen. Die grosse soziale Gleichheit verhindert existentielle Not. (Auch die gab es in den Hungerjahren nach den Naturkatastrophen und dem Ende der Wirtschaftsbeziehungen mit der Sowjetunion nach deren Untergang.) Die grosszügig angelegten Strassen, die jetzt mangels ausrecihend Treibstoff und Fahrzeugen kaum befahren sind, weisen darauf hin, dass für eine wohlhabende Zukunft gebaut wurde. Jedes Haus und jeder Betrieb ist nach dem schrecklichen Krieg gebaut worden, "unter dem Regime der Kims".
Wer darüber räsoniert, dass die Menschen in Nordkorea immer noch verhältnismässig arm sind, sollte sich überlegen: Unter welchen Bedingungen kann Nordkorea seinen Militäraufwand reduzieren ? Muss nicht, wenn von der "Abschottung" des Landes die Rede ist, zuallererst der von den USA verhängte Wirtschaftsboykott beseitigt werden ? Muss nicht gefordert werden, dass die DVRK diplomatisch anerkannt wird ? Dass ein Vertrag geschlossen wird, der garantiert, dass die USA das Land nicht angreifen ? - Das sind alles gerechte und unterstützenswerte Forderungen Nordkoreas, die zu erfüllen die USA aber nicht einmal in Betracht ziehen.
Eine Solidarisierung mit eigentlich selbstverständlichen Forderungen dieser Art wäre kein Altruismus. Denn dabei geht es auch immer um die Beseitigung eines Konfliktpunkts, an dem sich der nächste Weltkrieg entzünden kann. Das ist weit weg von Europa, aber niemand sollte glauben, dass Europa dabei unversehrt bleiben würde. Solidarität mit Nordkorea ist damit im eigenen Interesse der Bürger Westeuropas und Nordamerikas.
Es ist nicht Nordkorea, an das die Forderung nach Entspannung und Friedenssicherung zu richten sind. Es sind die USA und die "westliche Wertegemeinschaft", die mit der Ambition des "Regime Change" in Nordkorea und der Unterwerfung dieses Landes unter westliche Oberhoheit eine aggressive und kriegsträchtige Politik betreiben.
Dagegen steht die westliche Propaganda, die Nordkorea zu einer Monstrosität, zu einem "Überbleibsel des Stalinismus", zu einem angeblich "feudalen Regime" zeichnet. Dieses Propagandabild steht zwischen der Relität und einem vernünftigen Urteil über die Notwendigkeiten der Verhinderung eines Krieges an diesem Brennpunkt. Das ist der Zweck des Propagandabilds. Wer in die Hetze einstimmt, macht sich nicht nur zum Deppen dieses dreckigen Spiels, sondern geifert unfreiwillig die Bombardierung des eigenen Hauses herbei.
Michel Chossudovsky hat zu diesem Thema einen bedenkenswerten Text geschrieben - "North Corea versus United Staes: Who are the Demons ?":
http://www.4thmedia.org/2011/12/26/north-korea-versus-the-united-states-who-are-the-demons/