Schnappschüsse von China
Gestern hat mir ein Besucher sechshundert Fotos gezeigt, die er in diesem Sommer in verschiedenen chinesischen Städten aufgenommen hat. Mein Eindruck: Das ist ein gewaltig aufstrebendes Land.
Ist das Kapitalismus, ein junger, unverbrauchter vielleicht ? Mein Besucher meint, dass das nicht der Fall ist. Es handele sich um die ersten Anfänge einer sozialistischen Gesellschaft. Sie sei voll von Widersprüchen, aber die kapitalistischen Elemente seien einem Plan für den Aufbau des Sozialismus untergeordnet. Sie seien nicht Zweck, sondern Mittel.
Das widerspricht natürlich dem Bild, das man aus den westlichen Medien gewinnt. Danach ist China "fast schon kapitalistisch", ist die kommunistische Partei in eine Staatspartei verwandelt, die bloss noch dem Namen nach kommunistisch ist, ist ihre politische Dominanz ein Anachronismus, der bald von einem Mehrparteiensystem im Rahmen einer westlich-demokrattischen Verfassung abgelöst werden muss. Wir lesen vom Elend der Wanderarbeiter, von Arbeitsbedingungen, die an das 19. Jahrhundert erinnern, von Korruption und Immobilienblasen, von unzufriedenen Tibetern und Uiguren, Dissidenten und aufmüpfigen Bloggern.
Die Bilder, die wir über China im Kopf haben, sind wohl ziemlich schief. Die Proportionen sind verzogen. Und sie hinken der Wirklichkeit hinterher, weil sich das Land in einem so rasanten Tempo verändert, dass in zehn Jahren mehr passiert als anderswo in fünfzig. Nach dem neuen Fünfjahrplan wird sich das Durchschnittseinkommen bis 2015 verdoppeln. In zehn Jahren wird es in China bescheidenen Wohlstand geben - für alle. Wer heute in irgendeiner Kapitalistenklitsche rackert, kann sich die berechtigte Hoffnung machen, dass er sein Leben in absehbarer Zeit sehr verbessern können wird. - Wie anders muss da die "gesellschaftliche Stimmung" sein als heute in Europa, Nordamerika oder Japan; nicht Stagnation oder Rückgang des Lebensstandards, nicht die Angst vor der Zukunft, sondern Zukunftsoptimismus; eine Regierung mit einem strategischen Plan, der für alle nachvollziehbar auch tatsächlich realisiert wird. Das setzt Energien frei, treibt an, bringt die einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft vorwärts, vermute ich.
Ich spinne ein wenig voraus: Was wird sein, wenn die Chinesen tatsächlich in zehn Jahren sehr viel besser leben als die Milliarden Menschen in den armen Regionen ? Wird das "chinesische Modell" dann diesen Milliarden ein Ansporn sein, Ähnliches zu versuchen ? Wird dann der unerfüllbare Traum von heute vom Konsumniveau der reichen westlichen Länder dem erreichbaren, von einem Fünftel der Menschheit schon realisierten, weichen ? Mit welchen Augen werden die Philippinos, die Indonesier, die Nigerianer, die Mexikaner dann auf das "westliche Modell" schauen, das sie nicht aus dem Elend bringt - und auf das chinesische, das die Chinesen aus dem Elend gebracht haben wird ?
In der Geschichte setzen sich, übers Ganze gesehen, diejenigen Gesellschaftsordnungen durch, die eine höhere Produktivität erreichen als konkurrierende. Das haben die mit den entwickeltsten kapitalistischen Ländern konkurrierenden sozialistischen Staaten in Europa im 20. Jahrhundert nicht geschafft. Mit China scheint es anders zu sein. Das Land entwickelt sich unvergleichlich schneller als Indien, Russland, als irgendein lateinamerikanisches oder afrikanisches Land. Es drängt an die HighTec-Spitze auf Augenhöhe mit den reichen Zentren. Es wird sie in absehbarer Zeit in einer Reihe von Spitzentechnologien überflügeln. Irgendwo habe ich in den letzten Tagen gelesen, dass in irgendeiner chinesischen 12-Millionen-Stadt
- den Namen habe ich vergessen - mehr Solarzellen auf den Dächern installiert sind als auf allen Dächern Europas und dass die Haushalte dieser Stadt ihren kompletten Warmwasserbedarf mit Solarenergie erzeugen. Bis 2012 wird es fünf Millionenstädte geben, in denen kein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor mehr fahren wird, sondern nur noch elektrisch betriebene; - mal eben so ein kleines Experiment für eine Menschenzahl von, der Grössenordnung nach, zweimal Berlin ...
Mit dem von der kommunistischen Partei und der rätedemokratischen politischen Ordnung gesteuerten kapitalistischen Anteil in der Wirtschaft reiten die Chinesen, wie sie selbst sagen, den Tiger. Es ist noch nicht ausgemacht, ob er seine Reiter abwirft und frisst. Es ist auch nicht ausgemacht, dass die imperialistischen Staaten keinen Krieg anfangen, ehe eine Gesellschaft ausreifen kann, die der kapitalistischen Ordnung weltweit gefährlich werden könnte, einfach durch die Kraft ihres Beispiels.
Aber wenn, wie in der Perspektivplanung vorgesehen, China bis zur Mitte dieses Jahrhunderts ein Land mit etwa dem heutigen Wohlstand in Europa sein wird, wird der Kapitalismus ein Auslaufmodell sein.
Eigentlich wollt ich jetzt einen Haufen Zahlen bringen.Aber dann wird dieser Blogeintrag zu lang. Ich bring die Zahlen morgen (wenn ich dazukomme).