Über den Anschluss der DDR

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Unrühmlicher Glorienschein

 

Zur Heldenpose von Drahtziehern und Akteuren einer Konterrevolution

 

Am 3. Oktober jährt sich die „Wiedervereinigung“ zum 21. Mal. Nicht wenige Akteure von damals haben ihren Anspruch auf einen herausgehobenen Platz im Geschichtsbuch selbst bestimmt: Helmut Kohl in „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“, der Leipziger Pfarrer Christian Führer in „Die Revolution, die aus der Kirche kam“, sein Rostocker Amtskollege Joachim Gauck, der im Juni 2010 vom Amt des Staatsoberhauptes träumte, in „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Wie immer hat der „Erfolg“ viele Väter, und der „Ruhm“, 1989 etwas zum Untergang des Sozialismus beigetragen zu haben, bringt manchen Nutzen.

 

„Der Spiegel“ ließ zu verschiedenen Zeiten seine Reporter durch Osteuropa touren, um Antwort auf die Frage nach den „wahren Helden“ jener Ereignisse zu erhalten. Im Falle Rumäniens würdigte er Pfarrer Laszlo Tökes, „einen wortmächtigen und unerschrockenen Pastor aus der ungarischen Minderheit, der als „populärer Dissident“ berühmt wurde. Seine Reden und Taten seien der Ausgangspunkt für jene Entwicklung gewesen, an deren Ende der Sturz Ceausescus und dessen Erschießung standen.

 

Wie lagen die Dinge in Polen? Niemand bestreitet, daß Papst Johannes Paul II. eine Schlüsselfigur bei der organisierten

Zerschlagung des Sozialismus war. Lech Wałęsa drückte den Anteil des Papstes am Sieg der Konterrevolution sogar

rechnerisch aus: „Wenn ich in Prozentzahlen erklären sollte, wer wieviel zum Zusammenbruch des kommunistischen

Systems beigetragen hat, würde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Solidarność und Lech Wałęsa. Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow“, gab er dem „Spiegel“ 2004 zu Protokoll.

 

Werfen wir einen Blick auf den „Herbst 1989“ in beiden deutschen Staaten. Achten wir vor allem auf die Sprache der Akteure, die Begriffe und Losungen, welche die Massen bewegten.

 

Hans-Jochen Tschiche erklärte 1997: „Die Gruppe der Oppositionellen war, bei Licht besehen, nur eine kleine Minderheit.“ Er ging von 300 Personen aus. Jene, welche sich selbst zu „Bürgerrechtlern“ ernannten, sind nach 1990 in den Rang von Helden erhoben worden. Viele übten oder üben politische Funktionen aus: Rainer Eppelmann, Joachim Gauck, Heinz Eggert, Christian Führer, Steffen Heitmann, Manfred Stolpe, Friedrich Schorlemmer u. a. Esist erstaunlich, daß sich Gottes irdische Gehilfen als Klub von „Revolutionären“ entpuppten.

 

In der DDR liefen 1989 de facto mehrere Prozesse parallel und in Wechselwirkung ab. Ein beträchtlicher Teil der Bürger,

unter ihnen „Dissidenten“, Pfarrer und sogenannte Reformer in der SED traten gegen „Verkrustungen“ des „Regimes“ auf

und forderten Veränderungen. Den anderen Prozeß repräsentierte Kohl. Er lief darauf hinaus, die Schwächen der DDRFührung und die Oppositionsbewegung zu nutzen, um den sozialistischen deutschen

Staat zu Fall zu bringen.

 

Erst nachträglich ist zu ermessen, wie stark die Kirchen dabei als trojanische Pferde dienten. Nicht wenige Pfarrer bekennen sich inzwischen zu dieser höchstunchristlichen Rolle. Wie Egon Bahr in bezug auf 1953 sagen konnte, ohne den RIAS (an dem er selbst mitwirkte) hätte es den 17. Juni nicht gegeben, waren westliche Medien auch diesmal

Stimme und Rückhalt der „Opposition“.

 

Entscheidend war die Ausgabe von Losungen.

 

Im Oktober/November 1989 wurde die Parole „Wir sind das Volk“ in Umlauf gebracht. Die Forderung nach „Freiheit“

galt meist der „Reisefreiheit“, der Ruf nach „Demokratie“ meinte bürgerlichen Parlamentarismus. Kohls Sprachregler fanden den geeigneten Zeitpunkt, um die zentrale Losung inhaltlich zu verändern. In der Dresdener Rede des Kanzlers am 19. Dezember 1989 hieß der Slogan plötzlich „Wir sinde i n Volk“. Erstaunlicherweise tauchten unmittelbar

neben dem Rednerpult die Losungen auf: „Deutschland, einig Vaterland“ und „Modrow! Wiedervereinigung ins Programm!“

 

Man sollte bedenken: Mit dem Leitspruch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ hatte Hitler 1938 den „Anschluß“ Österreichs

an Deutschland propagandistisch vorbereitet. Mitte Dezember 1989 besaßen die Anhänger des „Beitritts“, der als „Wiedervereinigung“ getarnt wurde, unter DDR-Bürgern noch keine Mehrheit. Doch leider wurde die Tragweite des Kohl-Auftritts von der Partei- und Staatsführung nicht erkannt.

 

Das galt besonders für die verbalen Tricks des Kanzlers. Um den Dresdnern – und auch seinen eigenen Verbündeten in London, Paris und Rom – die Angst vor einem erstarkten einheitlichen Deutschland zu nehmen, leistete Kohl einen Eid auf den Frieden. Er gehöre zu jener Generation, die 1945 geschworen habe: „Nie wieder Krieg, nie wieder Gewalt! Ich möchte hier vor Ihnen diesen Schwur erweitern, indem ich Ihnen zurufe: Von deutschem Boden muß in Zukunft immer Frieden ausgehen – das ist das Ziel unserer Gemeinsamkeit!“

 

Kohl versprach demagogisch, das Selbstbestimmungsrecht der DDR-Bürger zu achten: „Wir werden jede Entscheidung,

die die Menschen in der DDR in freier Selbstbestimmung treffen, selbstverständlich respektieren …“ Schon

während seines Heidelberger Studiums hatte er erkannt: Wer die Begriffe definiert, bestimmt die Politik. Und er erfuhr

dort auch, daß der erste Satz des Naziprogramms – die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht des deutschen

Volkes – der Expansion des Faschismus Tür und Tor öffnete.

 

Was unterscheidet den „Anschluß“ der DDR von der Annexion Österreichs und des „Sudetenlandes“ in den späten 30er

Jahren? Das Dresdner Treffen diente nicht dazu, irgendwelche Probleme zu erörtern, Auseinandersetzungen

zu führen oder Lösungen zu suchen – es war die Rückkehr des Patriarchen in sein Reich. Kohl mußte „sein Volk“ allerdings zunächst wieder verlassen. Doch er drang darauf, die „deutsche Einheit“ nun um jeden Preis durchzusetzen. Im Wege standen ihm nur noch das Völkerrecht und gültige Verträge. Aber war nicht auch ein anderer deutscher Kanzler mit solchen Hindernissen fertig geworden?

 

Die Rolle und die Aufgaben der „friedlichen Revolutionäre“ änderten sich während und nach der Dresdner Show.

Mitglieder der dortigen „Gruppe der zwanzig“ und Kirchenleute mutierten zu Kohls willigsten Helfern. Hatten sie

ursprünglich von „Frieden schaffen ohne Waffen“ gesprochen, um die Massen gegen die Staatsmacht der DDR aufzubringen, so ging es ihnen jetzt nur noch um die Vorbereitung des „Anschlusses“ nach Bonner Fahrplan.

 

Zum Schlüsselwort wurde der Begriff „Wiedervereinigung“. Die Brüder und Schwestern eines Volkes sollten sich jubelnd in den Armen liegen, Krupp und Krause zueinander finden. Aus „Brüdern und Schwestern“, die man „befreien“ und „wiedervereinigen“ wollte, wurden über Nacht Sieger und Besiegte.

 

Die Konterrevolution kam 1989/90 in „Filzlatschen“ daher, wie Egon Bahr es ausdrückte. Dazu gehörte auch eine Tarnsprache. Gewisse Theologen in der DDR spielten die ihnen zugewiesene Rolle, während die Zentren der psychologischen Kriegführung und dieser dienende imperialistische Medien den entscheidenden Part übernahmen.

 

Die „Erinnerungsschlacht“ geht weiter.

 

Am 3. Oktober haben die Kämpfer gegen den „Unrechtsstaat“ und die Protagonisten der „friedlichen Revolution“ einmal

mehr Hochkonjunktur. Während der erste Begriff die DDR verteufelt, soll der zweite den unrühmlichen Glorienschein der Akteure erstrahlen lassen.

 

Erinnern wir uns an ein Wort Abraham Lincolns: „Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute

allzeit, aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht.“

 

Prof. Dr. Horst Schneider

 

Quelle: http://www.rotfuchs.net/Zeitung/Aktuell/RF-165-10-11.pdf

 

 

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Veröffentlicht in Geschichte

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K
<br /> <br /> genau!<br /> <br /> <br /> <br />
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K
<br /> <br /> Ja, so möge es nicht Gegenstand der Betrachtung gewesen sein, aber durchaus entscheidend für den Verlauf damaliger Entwicklungen. Was hier konstatiert<br /> wird ist eigentlich hinlänglich bekannt und wurde oft schon niedergeschrieben und gesagt, dabei wird die zweite Seite der Münze gern vergessen, nämlich die eigene Verantwortung! Die Ursachen im<br /> Land selbst, von denen die meisten Hausgemacht waren. Zu schreiben, das System des Kapitals war übermächtig, hatte seine Dienerschaft formiert und erfolgreich zum Einsatz bringen können, ist<br /> leicht, negiert aber nicht unerheblich die damalige Situation und ihre Ursachen. Dann sich noch zu wundern, dass den „Helden“ des Kapitals ein Glorienschein verpasst wird, Begriffe gezielt<br /> eingesetzt werden, ignoriert letztlich die eigentliche Dimension des Klassenkampfes, welchen die Arbeiterklasse 1989/90 verloren hat, weil er zum einen nicht als solcher begriffen wurde und nur<br /> von einer Seite konsequent geführt wurde. Nein, diesen Kampf hat die Arbeiterklasse verloren, weil sie ihn nicht geführt hat, warum sie ihn nicht geführt hat bleibt zu hinterfragen, hat aber in<br /> erster Linie etwas mit der führenden Rolle zu tun, welcher die Partei mit diesem Anspruch letztlich trotz ihrer hohen Mitgliederzahl nicht gerecht werden konnte. Die SED war zu einer Massenpartei<br /> verkommen und war keine Partei der Massen mehr.<br /> <br /> <br /> Den Aktöhren für das System des Kapitals wird ein rühmlicher Glorienschein verpasst, nicht zu<br /> vergessen in was für ein System wir heute leben. Dabei gibt es durchaus Beispiele wo auf „Helden der friedlichen Revolution“ heute zurückgegriffen wird, in der Hoffnung sie könnten helfen<br /> gegenwärtige gesellschaftlich Probleme zu lösen. Nicht berücksichtig wird oft, dank der Medien, dass heute die gesellschaftliche Situation eine andere ist, welche gerade auch diese Damen und<br /> Herren mit zu verantworten haben, da kaum davon auszugehen ist, dass sie nicht wussten was sie taten!<br /> <br /> <br /> Auch mögen Losungen nicht ohne Bedeutung sein, entscheidend ist in diesem Fall aber auch auf was für einen Boden sie Fallen und welche Taten sie zeugen!<br /> ...<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> "... dabei wird die zweite Seite der Münze gern vergessen ..." - Ja, da hast Du recht. Dabei geht es m. E. auch gar nicht darum, "abzurechnen", sondern aus dem negativen Beispiel für die Zukunft<br /> zu lernen.<br /> <br /> <br /> <br />
K
<br /> <br /> Interessanter Text, leider wird bei aller treffenden Beschreibung ein Aspekt außer acht gelassen, nämlich wie konnte es gelingen, dass die Konterrevolution so schnell, problemlos und ohne<br /> nennenswerten Widerstand siegte? Die Ursachen dafür waren Hausgemacht und so gab es nur wenige, welche den Argumenten des Gegners erfolgreich etwas entgegensetzen konnten. All zu schnell wurde<br /> sich angepasst, sich auf das Spiel eines Helmut Kohl eingelassen, gar eigene Fehler eingestanden, welche letztlich keine Fehler waren, eigene Schwächen aufgezeigt, welche keine Schwächen waren,<br /> hilflos wurde agiert und Asse aufs eigene Haupt gestreut, um letztlich dem eigenem Volk zu gefallen. Ja, über zwei Millionen Mitglieder hatte die SED, die DDR hatte 17 Millionen Einwohner. Die<br /> Konterrevolution konnte Siege, weil die überwiegende Zahl der vorgeblichen Revolutionäre alles andere als Revolutionär waren! Die Kräfte des Kapitals haben nicht an sich gezweifelt, viele Kader<br /> der SED hingegen schon und dieser Zweigel beflügelte ihr Handeln, sie überwanden Zweifel nicht konstruktiv, sondern ergaben sich all zu schnelle, in dem sie sich mit Illusionen trösteten. Ja,<br /> lasset uns die Ursachen ergründen, welche ein solches Handeln bedingten.<br /> <br /> <br /> Ansonsten ein guter Beitrag, treffend formuliert!<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Dass das fehlt, finde ich auch. Aber es war wohlk auch nicht der Anspruch des Textes, eine umfassende Analyse der Konterrevolution zu machen, sondern eben nur die ausgeführten Aspekte<br /> herauszustellen.<br /> <br /> <br /> <br />