Ueber den Fundamentalismus des Westens

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Man moechte meinen, die christliche Ideologie sei in den heutigen westlichen Gesellschaften eine Privatsache, der man anhaengen kann oder nicht. Aber man braucht nicht praktizierendes Mitglied einer Kirche zu sein, um die christlichen Denk-Schemata zu reproduzieren.

 

Darum geht es in dem folgenden Text. Ausserdem um das Verhaeltnis von Kirche und Staat und von Staat und Demokratie, um westliche Ueberheblichkeit und Intoleranz.

 

Mit allem bin ich nicht einverstanden. Aber ich finde, das ist ein Text, der es ermoeglicht, sich fuer einen Augenblick neben den gewoehnlichen westlichen Alltagsstandpunkt zu stellen und ihn sich gewissermassen von aussen anzuschauen. 

 

 

 

 

[ von Berndt Bleckmann ] Wenn einem das Eigene besser erscheint, ist das nicht so schlimm. Gefährlich wird es, wenn das Eigene zum einzig Wahren wird. (Valentin Falin)
Der „lupenreine Demokrat“ und seine russische Zuchtanstalt. Gemeint ist Putin. Mit dieser Überschrift, die Russland mit einem Zuchthaus assoziiert, wendet sich ein Chefredakteur im November 2007 an „liebe Sternleser“.

Warum westliche Medien und Politiker in dieser Weise gegen Russland ins Feld ziehen, ist mit den Vorgängen im Zielland der Kritik nicht zu begreifen.

Bisweilen muss man die Kritiker analysieren, um die Kritik zu verstehen. Woher kommt dieser Journalismus? Was treibt ihn um? Gewiss, aus Sicht der strategischen Interessen der USA und jener Europäer, die unter einer „pax americana“ existieren wollen, macht es Sinn, einen Keil zwischen Russland und EU-Europa zu treiben. Und es macht Sinn, Russland auch dadurch zu schwächen, indem man es provoziert (zum Beispiel durch Raketenabschussrampen in Polen) einen großen Teil seiner Ressourcen wieder in Aufrüstung zu stecken.

Aber es gibt kein zentrales Propagandaministerium, wie unter Goebbels, das per Tagesbefehl der Journalistenschar vorschreiben würde, ab sofort mit zweierlei Maß zu messen und Russland und seinen Präsidenten gnadenlos zu verurteilen. Daher bleibt die Frage, warum verhalten sich die meisten Medienleute so, als gäbe es diesen Tagesbefehl. Gibt es eine Disposition in der kollektiven Psyche des Westens, die uns hilft zu verstehen, warum Kolonnen von Journalisten und Politikern so schnell, so leicht und so willig in einen neuen Kalten Krieg marschieren?

Im religiösen Erbe des Westens steckt „Extremismus“

Genau betrachtet lebt der Westen in einer Art mittelalterlichneuzeitli-cher Schizophrenie. Das Weltbild ist den modernen Naturwissenschaften verpflichtet, nachgalileisch-humanistisch, während das Gottesbild, der göttliche Kosmos, archaisch-vorgalileisch geblieben ist. Hier soll nicht die Rede sein vom Neuen Testament, dem revolutionären, literarischen Debüt der Frühzeit, erst recht nicht von jenen kurzen Sätzen, die „Bergpredigt“ genannt werden, auch nicht vom Christentum der Theologen, sondern vom schlichten Glauben, der über die Jahrhunderte gewachsen ist und den jedes Kind kennt. Da gibt es Himmel und Hölle, Gott und den Teufel, Erlösung und Verdammnis.

Der erbsündige Christ lebt in einem permanenten Belagerungszustand durch das Böse. Zwar wird der gute Gott (der allmächtige Gott) dereinst siegen, aber der schlechte Gott (der gefallene Gott Luzifer, der Teufel) gibt nicht auf. In wechselnder Gestalt bedroht er die Guten und Gerechten unter dem Menschengeschlechte auf´s Neue. Götter mit guten und schlechten Eigenschaften gab und gibt es in vielen Religionen. Aber bei den alten Griechen, Römern und Nordländern sind sie doch irgendwie „Mensch“ geblieben, mit Stärken und Schwächen und ohne absolute Macht. Die Steigerung des Guten und des Bösen ins Extrem, Gott und Teufel, der ganze Pantheon gespalten in zwei feindliche Lager, miteinander ringend in einem totalen (kalten) Krieg, das ist eine Besonderheit der abendländisch-christlichen Glaubensvorstellung.

Dieser metaphysische Kosmos ist keine demokratisch verfasste Friedensordnung, sondern eine Theokratur im permanenten Kriegszustand. Es gibt Gebote und Verbote. Wer dagegen verstößt, wird bestraft bis hin zur ewigen Verdammnis – einer Potenzierung der Todesstrafe. Ein Rechtskodex, an den sich der göttliche Herrscher zu halten hätte, existiert nicht. Strafmilderung gibt es nur als Gnade des Herrschers. Ein demokratischer Rat der Götter, in einem auf Interessensausgleich angelegten, friedlich-harmonischen Kosmos, ist mit diesen christlichen Glaubensvorstellungen, die in gewisser Weise den Existenzkampf in der mittelalterlichen Gesellschaft widerspiegeln, unvereinbar.

Genau das aber, ein demokratischer Rat der Bürgerinnen und Bürger, gilt heute als höchstes Ideal in irdischen Angelegenheiten. Demokratie allüberall wird als unabdingbare Voraussetzung einer friedlichen Weltordnung betrachtet. Demokratie im Sein, Theokratur im Glauben, dieser Widerspruch wird formal dadurch geheilt, indem die Trennung von Kirche und Staat postuliert wird, was bedeutet, dass von nun an für den irdischen Kosmos andere Gebote gelten als für den himmlisch-höllischen Kosmos. Die Trennung von Kirche und Staat ist sozusagen ein historischer Kompromiss zwischen dem mittelalterlichen und dem neuzeitlichen Denken. Dieser Kompromiss wurde der Kirche in langen Auseinandersetzungen abgerungen. Noch 1864 verkündete eine päpstliche Enzyklika die „Unfehlbarkeit“ des Papstes und verlangte die unbedingte Unterordnung des Staates und der wissenschaftlichen Forschung unter die Autorität der Kirche, also, nach heutiger Diktion, einen „Gottesstaat“.

Man könnte die Auffassung vertreten, dass diese alten Glaubensinhalte im säkularisierten Westen keine Rolle mehr spielten. Hier wird versucht zu zeigen, daß westliches Verhalten in der Welt plausibler wird, wenn man annimmt, daß Dispositionen mittelalterlicher Weltsicht auch heute noch fortwirken.

Die Heilsbotschaft der Auserwählten

Die paulinische Version der Botschaft des Hebräers Jesus war auch außerhalb der jüdischen Gemeinde expansionsfähig. Die Durchsetzung des christlichen Glaubens war, wo nicht herrschaftliches Machtkalkül die Untertanen friedlich in den neuen Glauben führte, die Folge „heidnischer“ Niederlagen auf dem Schlachtfeld. Aber auch nach dem Sieg war die Christenheit nie eine harmonische Gemeinschaft. Die Geschichte des Christentums ist bekanntermaßen eine Geschichte von Fraktionskämpfen und Spaltungen. Durch die Jahrhunderte, von Arian bis Jan Hus, zieht sich eine blutige Spur des Kampfes um den rechten Glauben. Und sie ist eine Geschichte der Expansion. Nach außen schlug das Schwert den Missionaren die Schneise. Eroberung wurde mit der Verbreitung der christlichen Heilsbotschaft gerechtfertigt. Im Bewusstsein der Zeit war der Kampf stets geheiligt durch die Gewissheit, für den wahren Glauben zu streiten. Zweitausend Jahre Streitkultur prägen ihre Träger. Nur die Getauften werden eingehen in´s Paradies. So formuliert sich Auserwähltheitsglaube.

Im christlichen Abendland gab es stets nur ein Entweder-Oder: Entweder rechtgläubig oder Ketzer, entweder im Bunde mit Gott oder im Bunde mit dem Bösen. Ein tolerantes Nebeneinander von „Buchreligionen“, wie zum Beispiel im Islam, gab es in christlichen Landen nicht. Mit der neuzeitlichen Separation zwischen Kirche und Staat, zwischen Gott und der Welt, wurde diese Disposition der rechtgläubigen Auserwähltheit gewissermaßen in den irdischen Bereich mit hinein genommen und damit zusammenhängend der Gedanke der Expansion.

Die Auffassung, die moralisch-ethischen Normen und Werte des Westens seien das einzig Wahre, und erst mit deren Übernahme wird ein Volk ein vollwertiges Mitglied der „internationalen Gemeinschaft“ oder der „zivilisierten Völkergemeinschaft“, oder wie immer die vollmundigen Auszeichnungen lauten, die sich der Westen selbst verleiht, lässt sich als moderne Form christlicher Rechtgläubigkeit interpretieren. Und der christliche Expansionsgedanke findet sich wieder im militanten Impetus, mit dem die weltweite Verbreitung der spezifisch westlichen Form von Demokratie verfolgt wird. Man kann unterstellen, dass der Glaube an die (westliche Form von) Demokratie die säkularisierte Version der christlichen Heilsbotschaft ist, deren Mission auf der Tagesordnung steht.

Auf der Suche nach dem Teufel

In der Tiefe des abendländischen Bewusstseins lebt die Erinnerung an die Allgegenwart des Teufels. Die Welt ist gespalten, in gut und böse, hell und dunkel, schwarz und weiß, oben und unten. Für den mächtigsten Mann des Westens versteht es sich von selbst, wo sein Land in diesem Koordinatensystem steht. Die Gegner werden betitelt als „Reich des Bösen“ oder „Achse des Bösen“. In god´s own country scheint der humanistische Mutterboden über alttestamentarischem Gestein bisweilen besonders dünn zu sein. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ (G.W. Bush).

Warum gerade in den USA die religiösen Dispositionen vielfach altertümlicher geblieben sind als in Europa, mag damit zusammenhängen, dass in den englischen Kolonien Nordamerikas die Kirche als Widerpart republikanischer Bestrebungen von geringerer Bedeutung war – schon wegen ihrer Zersplitterung - als in vielen europäischen Ländern. Entsprechend milder wurden die Antithesen formuliert, und die Verbannung der Religion aus dem Alltagsleben verlief insgesamt halbherziger als im „alten Europa“.

In der abendländischen Geschichte wurde stets der reale äußere Feindstaat mit dem metaphysischen Bösen in Verbindung gebracht. Nach diesem Schema wird die Implosion der Sowjetunion als Sieg des (westlichen) Guten über das (östliche) Böse interpretiert. Der vermeintliche Sieg wird als Wink Gottes und als Ermunterung zu weiterer Eroberung verstanden. Die hastig errichteten US-Militärbasen in postsowjetischen Republiken scheinen Teil dieses Missionswerkes zu sein. Es sieht so aus, als ob im Urgrund abendländischen-westlichen Bewusstseins die Welt ohne den großen FEIND undenkbar ist. Die dunkle Ahnung des Bösen beunruhigt und weckt die Bereit-schaft, die Angst an einem äußeren Feindbild festzumachen.

Fast ein Jahrhundert lang hatte das Böse einen Namen: Kommunismus. Nach einer kurzen teufellosen Periode wurde wieder ein globaler Feind definiert: Al Kaida. Wollte man versuchen diese muslimische Bewegung mit dem Vokabular zu beschreiben, das NATO-Militärs für die eigene Praxis verwenden, dann würde das etwa so klingen: „Eine verdeckt oprierende Truppe, die robuste Einsätze im neuen asymetrischen Kampfstil ausführt, der sich vornehmlich gegen weiche Ziele richtet, wobei Kollateralschäden vernachlässigt werden.“

Wie bekannt, finden westliche Medien eine andere Sprache, wenn es um die Verurteilung des „internationalen Terrorismus“ geht. Auffällig ist, dass über die Entstehungsgeschichte, die Argumente und Ziele dieser Bewegung kaum berichtet wird. Dadurch wird eine Dämonisierung erreicht. Die Anschläge dieser Gruppen erscheinen, wenn sie im Westen erfolgen, als Wahnsinnstaten vom Bösen Besessener oder von religiösem Fanatismus Verblendeter. Anders ist die Berichterstattung, wenn Anschläge in Tschetschenien erfolgen. Hier wurde vielfach die russische Reaktion als „überzogen“ dargestellt.

Dennoch eignet sich Al Kaida als Weltfeind Nummer Eins nur bedingt. Die Strategie den Gegner zu Tode zu rüsten, wie einst die Sowjetunion, greift hier nicht. Den ins Unfassbare gestiegenen Militärausgaben der USA fehlt ein „symetrischer“ Gegner. Aus ideologischer und historischer Sicht bleiben für diese Rolle nur zwei Staaten übrig: China und Russland. In China verdienen zahlreiche US-Konzerne Milliarden. Bleibt Russland. Die alten Partituren sind vorhanden. Das antisowjetische Vokabular des Kalten Krieges lässt sich kurzerhand auf Russland übertragen. Und das Publikum merkt größtenteils den Etikettenschwindel nicht, so sehr wurden generationenlang antirussische Vorurteile verinnerlicht.

Die Entstehung der Individuen

Und eine weitere Besonderheit zeichnet das westliche Abendland aus. Mit der Wende zur Neuzeit entsteht im Bewusstsein der Menschen ein neues „Ich“. Das Gemeinsame der Sippe oder der Familie verliert, das Besondere des einzelnen gewinnt an Bedeutung. Das neue zeichnet sich dadurch aus, „daß man dem, wodurch sich die Menschen voneinander unterscheiden, ihrer Ich-Identität, einen höheren Wert beimisst als dem, was sie miteinander gemeinsam haben, ihrer Wir-Identität“, wie der Soziologe Norbert Elias 1987 in seinem Aufsatz „Wandlungen der Wir-Ich-Balance“ schrieb.

Entsprechend ist der nachreformatorische Gott nicht mehr der Gott eines Kollektivs sondern der Gott eines Individuums. Die göttliche Rechnungsstellung ist nicht mehr an eine Gemeinschaft adressiert, sondern der einzelne Mensch ist seinem Gott allein verantwortlich. Sippenhaftung wie im alten Testament oder im Mittelalter (Pest als göttliche Strafe trifft alle) gibt es nicht mehr. Die Trennung von Kirche und Staat ebenso wie der Begriff des Individuums sind also Ergebnis einer spezifischen historischen Entwicklung im Westen Osteuropas. Muslimen kann man daher schwer begreiflich machen, weshalb die Trennung von Kirche und Staat ein Fortschritt sei, zumal wenn sie Kraft aus ihrem Glauben beziehen und sehen, wie sich die Westler mit der Quadratur des Kreises abmühen, nämlich Weltbild und Gottesbild in Einklang zu bringen.

„Demokratiereife“

Um für die Demokratie westlicher Prägung „reif“ zu werden, muss in den Menschen selbst und in ihren sozialen Beziehungen eine Veränderung vor sich gehen. Die naturwüchsigen, sozialkulturellen Bindungen an Großfamilie, Sippe, Stamm oder an Dorf-, Tal- und andere regionale Gemeinschaften müssen weichen zugunsten einer vernunftsgeleiteten Identifikation mit einer Staatsidee. Der Wir-Identifikation als Staatsvolk muss ein höherer Stellenwert beigemessen werden als der Wir-Identität als Stamm oder religiöse Gemeinschaft. Aus Gefolgschaften müssen Wahlvölker werden. Die Befreiung bzw. der Verlust von Bindungen ist erforderlich, weil idealtypischerweise Demokratie so funktioniert, dass unabhängige, bindungslose Staatsbürger eine rein vernunftgeborene Entscheidung für oder gegen ein politisches Programm, beziehungsweise dessen Repräsentanten, treffen und nicht ein immer gleiches Votum abgeben nach Herkunft und Zugehörigkeit. Das verlangt von den Betroffenen, dass sie die Sphären persönlicher Beziehungen und Identifikationen, in denen vielerlei Gefolgschaftsmagnetismen und Gefolgschaftsabhängigkeiten wirken, aufgeben können zu Gunsten einer versachlichten, unabhängigen Wählerhaltung.

Das ist aber nur unter bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen möglich, wie sie nur in den entwickelten Industrieländern anzutreffen sind. In Ländern, in denen diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, kann die Propagierung des westlichen Gesellschaftsmodells als Werteverlust erlebt werden und als Bedrohung althergebrachter Traditionen und der Kultur insgesamt. Die intensivere Hinwendung zu religiösen Traditionen, die bewußt „orthodox“ ausgelegt werden, ist eine der möglichen Reaktionen.

Demokratie als Produkt einer spezifischen historischen Entwicklung

Die heutige Form der westlich-bürgerlichen Demokratie entstand im Laufe von Jahrhunderten. In ihren älteren Formen ein demokratischer Rat besitzender Bürger, später ein Rat der männlichen Erwachsenen, wurde sie schließlich zur Demokratie der Männer und der Frauen einer Gesellschaft. Die demokratischen Rechte wurden nach und nach in langen Kämpfen den feudalen Inhabern der Staatsmacht abgetrotzt. Als letzter Schritt in diesem Prozess ging das staatliche Gewaltmonopol in die Hände demokratischer Regierungen über.

Nirgendwo wurde durch die Einführung der Demokratie ein Gewaltmonopol erst geschaffen, sondern umgekehrt war die Existenz eines staatlichen Gewaltmonopols in feudaler Hand die Voraussetzung für die Entwicklung der Demokratie (die „Feudalstaatsflüchtlinge“ in den englischen Kolonien Nordamerikas haben sich den Weg in die Demokratie etwas abgekürzt). Die Demokratie war die friedliche oder gewaltsame Transformation eines bestehenden Gewaltmonopols aus den Händen von Minderheiten in die Hände von Mehrheiten. Das geschah, früher oder später, dort, wo der grundbesitzende Adel durch die handwerklich-industrielle und kaufmännische Entwicklung an Macht verlor zugunsten des Bürgertums einerseits und der Arbeiterschaft andererseits. Demokratie ist auch eine Methode des Interessen-ausgleichs zwischen diesen beiden Kräften. Die Tendenz zum Zweiparteiensystem in vielen Industrieländern mag damit zusammen hängen. Auf die Machtbalance zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft sind die Regulationsmechanismen des bürgerlichen Demokratiemodells zugeschnitten. So ist die westliche Demokratie abermals das Produkt einer sehr spezifischen historischen Entwicklung.

Demokratie und private Medienmacht widersprechen sich

Die westliche Demokratie basiert auf der Annahme, dass der vernunftbegabte Mensch in den öffentlichen Angelegenheiten seine Vernunft walten läßt und dass die Summe mehrerer vernunftgeborener Entscheidungen weiser ist als die Entscheidung eines einzelnen. Daher soll die Mehrheit entscheiden. Richtige Entscheidung beruht auf richtiger Information. Letztere ist gleichsam der Sauerstoff im Blutkreislauf der Demokratie. Je größer der Radius wird, je weiter das Thema von der unmittelbaren Anschauung entfernt ist, desto mehr ist das Wahlvolk auf Medieninformationen angewiesen.

Die grundlegenden, ihr Leben bestimmenden politischen Entscheidun-gen, fällt die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger auf Grund von Informationen, die durch Medien vermittelt werden. Demokratie setzt daher ein Mediensystem voraus, dessen Wesenseigenschaften denen der Demokratie adäquat sind. Das Produkt muss den ethischen Normen der Demokratie entsprechen. Die Güte der Demokratie und die Wahrhaftigkeit der Medien sind zwei Seiten einer Medaille. Mischen sich giftige Gase zum Sauerstoff, dann erkrankt der Körper.

Die Prinzipien denen die großen, privaten Medieninhaber – nicht die Journalisten! - verpflichtet sind, widersprechen im entscheidenden Punkt denen der Demokratie, weil sie in einer anderen Werte-Gemeinschaft spielen. In der internationalen Kampfarena der Kapitalinteressen herrschen die archaischen Prinzipien des Kampfes aller gegen alle. Hier geht es um fressen oder gefressen werden. Hier siegt, wer am raffiniertesten und rücksichtslosesten seine eigenen Interessen vertritt. Die Medienkonzerne müssen in diesem Kampf bestehen. Nicht zuletzt geht es um Zuschauer- oder Auflagenzahlen. Der Konzentrationsprozess in den oberen Etagen der Medienwelt zeigt, wie hart hier der Verdrängungswettbewerb geführt wird.

Demgegenüber stammen die Ideale der Demokratie mit den Zielen der Fairness und des gerechten Ausgleichs aus einer anderen Welt (öffentlich-rechtliche Medien machen den Mangel nicht wett, weil sie an Zahl unterlegen sind, im Konkurrenzkampf mit privaten Medien stehen und in ihren Führungsgremien Kräfteverhältnisse widerspiegeln, die durch Wahlentschedugen zustande kamen, die von privaten Medien beeinflusst wurden).

Es ist das Dilemma der westlichen Demokratie, dass die Ideale einer humanistischen Moderne verpflichtet sind, während die Welt, deren Teil die Medien sind, den archaischen Regeln des Kampfes aller gegen alle gehorcht. Diese Kampfregeln bedingen es, dass der Wahrheit in der Berichterstattung nur ein relativer Wert zukommt, kein absoluter. Lässt sich damit die Auflage steigern ist die Wahrheit willkommen, andernfalls nicht. Konflikte zwischen Herausgebern und aufrechten Journalisten, um der Wahrheit Willen, sind bekannt, Anpassung an die „Linie“ des Hauses ebenso.

Wenn die Wahrheit zur Manövriermasse im politischen Kalkül wird, lässt sich per Medien jede gewünschte Wahlentscheidung herbei führen. Ein Beispiel ist die Zustimmung der Bevölkerung in den USA zu einem Krieg gegen ein Land, das angeblich Massenvernichtungswaffen besaß. Inzwischen, nach über 3000 toten GI´s, lässt sich die Auflage eher mit der Kritik an diesem Krieg steigern und „Amerika denkt um“ und mit ihm, die um die Macht im Weißen Haus rivalisierende, politische Fraktion.

Die westliche Werte-Illusion

Der Westen hat also zwei sich widersprechende Seinsweisen. Einerseits das archaische Wesen des sogenannten ökonomischen Wettbewerbs, der immer ein Ausscheidungskampf auf Leben und Tod ist - wachsen oder schwinden, fressen oder gefressen werden, töten oder sterben - also eine Wolfsgesetz, in dem einzig das Recht des Stärkeren gilt und andererseits die humanistische Seinsweise, mit ihren Idealen der Menschenwürde, Freiheit und des gerechten Ausgleiches. Die Kardinalfrage ist nun, wer dient wem, wer ist Ross und wer ist Reiter?

Selbstbild und Propaganda des Westens sehen das humanistische Wesen, die westliche „Wertegemeinschaft“ als das Bestimmende an. Die Welt, in der wir leben, wird aber erst dann plausibel, wenn man den umgekehrten Fall annimmt. Die humanistischen Ideale dienen dem Wettbewerb und nicht andersherum. Sie gelten nur dort um ihrer selbst Willen, wo sie den Wettbewerb nicht stören. Sie dienen vielfach auch dazu, den brutalen Charakter des Ausscheidungskampfes zu verschleiern. Der Westen gibt zwar vor, Richtschnur und Antrieb seines Handelns wären ausschließlich die humanistischen Ideale, aber die faktensetzende Gewalt des ökonomischen Wettbewerbs, also des kapitalistischen Ausscheidungskampfes, bestimmt letztendlich die Beziehungen zwischen den Völkern und prägt die innerstaatlichen Beziehungen.

Ein diktatorisches Regime in der Demokratie

Die Übergänge zwischen Demokratie und Diktatur sind fließend. In den Vereinigten Staaten von Amerika herrschen im kleinregionalen Bereich, im Radius der persönlichen Sinneswahrnehmung der Bürgerschaft, gewiss demokratische Verhältnisse. In einem Ein-Parteienstaat wie China bestimmt die Parteielite, welche Kandidaten dem Wahlvolk zur Bestätigung angeboten werden. Auf Bundesebene bestimmen in den USA die beiden politischen Fraktionen der Elite, Demokraten und Republikaner, welche Kandidaten dem Wahlvolk zur Auswahl angeboten werden. In monatelangen Show-Kämpfen werden die Sieger der jeweiligen Mannschaften ermittelt, die dann als Präsidentschaftskandidaten gegeneinander antreten. Das von vornherein als Medienspektakel inszenierte Geschehen erinnert bisweilen an die Austragung einer europäischen Fußballmeisterschaft – auch was das Verhältnis von Informationen zu Emotionen angeht.

Weder in China noch in den USA bestimmt „der kleine Mann“, oder die Zivilgesellschaft, oder wie immer man die Basis der Gesellschaftspyramide nennen will, wer sich zur Wahl stellen soll. In China lenkt die Elite das Wahlgeschehen über den Parteiapparat. In den USA lenken die beiden Fraktionen der Elite den Prozess über die Zuteilung finanzieller Mittel. Wer kein Geld hat oder nicht gesponsert wird, ist chancenlos, weil er nicht in den Medien präsent ist. „Diesmal wird jeder der beiden Kandidaten... wohl mehr als 500 Millionen Dollar ausgeben müssen.“ (ZDF-Internetmitteilung vom 9.1.2008). Das heißt, der eigentliche Ausscheidungskampf wird mit Scheckbüchern geführt und nicht mit Stimmzetteln. Hinter scheinbar demokratischen Wahlvorgängen agiert ein plutokratisches Regime. Das Humanistische dient der Camouflage des Archaischen.

Demokratie ein Exportartikel?

Wir sehen, dass in Ländern, in denen ein staatliches Gewaltmonopol nicht etabliert oder schwach ist, sei es weil Stammes- oder Sippeninteressen oder partikularistische Interessen dem entgegenstehen, oder sei es, weil der Zusammenbruch einer diktatorischen Herrschaft ein Vakuum hinterlassen hat, dass in all diesen Fällen die Einführung der Demokratie „von oben“ nicht gelingt. Demokratie entsteht nicht spontan. Spontan entstehen Gefolgschaftsgruppierungen, hierarchisch gegliederte Führer-Gefolgschaftsbündnisse. Das sind relativ stabile, durch persönliche Bekanntschaft verbundene und durch wechselseitige Abhängigkeiten verzahnte, soziale Geflechte mit eigenen Normen und Sanktionsmethoden.

Die jeweiligen historischen Gegebenheiten entscheiden, um welchen personalen Kern die Gefolgschaften sich kristallisieren und welche Strukturen sich im Kristallisationsprozess herausbilden. In der europäischen Geschichte wurden Gefolgschaftsgruppierungen von einer (wieder) erstarkenden Zentralmacht dort, wo sie nicht vernichtet werden konnten, integriert und in einen konstitutionellen Rahmen eingebunden. Wenn weder Integration noch Vernichtung gelang, blieb die Kriminalisierung übrig. Nicht nur im weltlichen sondern sogar im kirchlichen Bereich lässt sich das zeigen.

Die Geschichte der katholischen Sekten und Orden ist ein Beispiel dafür (Franz von Assisi). Gefolgschaftsgruppierungen sind immer eine Art „Staat im Staate“ und stehen daher ihrer Natur nach in Gegnerschaft zu einer Zentralgewalt. Die flächendeckende und durchgängige Errichtung der Zentralgewalt setzt die Integration oder „Befriedung“ der Gefolgschaftsgruppierungen voraus. Erst danach ist das Feld für demokratische Wahlvorgänge bestellt. Andernfalls sind Wahlen nur eine Fortsetzung des Kampfes zwischen Zentralmacht und Gefolgschaftsgruppierungen („Oligarchen“) mit anderen Mitteln.

Wo Stammes- und Sippenbeziehungen stärker sind als die Identifikation mit dem (neuen) Staatswesen, wo die Magnetismen der persönlichen Gefolgschaften noch stark sind, werden politische Ämter in erster Linie dazu benutzt, um der eigenen Gefolgschaft, dem Stamm, der Sippe Vorteile zu verschaffen, weil das Leitbild des guten Patrons stärker ist als das Leitbild des überparteilichen Staatsrepräsentanten. Der Westen nennt das Vetternwirtschaft und Korruption ohne zu unterscheiden, ob in die eigenen Taschen gewirtschaftet oder als „guter Patron“ gehandelt wird, und ohne zu verstehen, was da eigentlich passiert.

Wo die spezifischen Voraussetzungen nicht gegeben sind, bringt die formale Durchführung demokratischer Wahlen nicht Frieden und Ordnung sondern unter Umständen das Gegenteil, weil der Sieg einer politischen Partei bedeuten kann, dass nun ein Clan oder ein Stamm oder eine Religionsrichtung Dominanz über andere gewinnt, wo vorher möglicherweise durch Stammesführer, Ältestenräte, religiöse Führer oder das Regime einer diktatorischen Gewalt die Macht ausbalanciert wurde. Der Sieg wird eben nicht nur als Sieg einer politischen Wahlpartei wahrgenommen, die allen offensteht, sondern als der Sieg eines Gegners, der nun die staatlichen Ressourcen zugunsten seiner Gefolgschaften verwenden kann, so wie es der Ehrenkodex von Führern gegenüber Gefolgschaften vorsieht. In der Wahrnehmung der Unterlegenen handelt es sich nicht nur um die politische Niederlage ihrer Partei, sondern um die existentielle Niederlage ihres Clans oder ihres Volkes oder ihrer Religionsgruppe. Deren Existenzgrundlagen und Lebensperspektiven werden durch die Niederlage gefährdet. Blutige Auseinandersetzungen, Ausschreitungen und bürgerkriegsartige Zustände sind oft auch ein Zeichen, dass demokratische Spielregeln eingeführt wurden, wo die Voraussetzungen fehlten. [ Berndt Bleckmann/russland.RU ] 
 

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Veröffentlicht in Westliche Werte Boerse

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L
<br /> <br /> Zwei Dinge zu deinem Artikel:<br /> <br /> <br /> - "Warum gerade in den USA die religiösen Dispositionen vielfach altertümlicher geblieben sind als in Europa, mag damit zusammenhängen, dass in den englischen<br /> Kolonien Nordamerikas die Kirche als Widerpart republikanischer Bestrebungen von geringerer Bedeutung war – schon wegen ihrer Zersplitterung - als in vielen europäischen Ländern. Entsprechend<br /> milder wurden die Antithesen formuliert, und die Verbannung der Religion aus dem Alltagsleben verlief insgesamt halbherziger als im „alten Europa“.<br /> <br /> <br /> Einer der Gründe ist eben auch, dass viele der rückständigen, nein, rechtgläubigen, Christen in die Kolonien ausgewandert (worden) sind. Während hier also die<br /> Renaissance und die Aufklärung ein wenig Platz hatte, machten sich dort vor allem von hier vertriebene angstbesetzte Christen breit. Über diese und die von dort im späten 19. Anfang 20. Jhdt<br /> Zurückgekehrten liesse sich einiges mehr von meiner Seite her aus eigener Anschauung sagen, aber bereiten wir doch den Mantel des Schweigens darüber.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Zum zweiten:<br /> <br /> <br /> Interessant ist auch, dass hier in der Nachkriegszeit seltsamerweise der Rückgriff auf das Christentum als moralische Instanz gelungen ist. Und passenderweise<br /> andere individuelle Ansätze zur Ethik nicht wirklich rezensiert wurden: Vom Existenzialismus hat man Sartre noch gekannt, aber Camus wurde hier komplett übersehen - obwohl er im Gegensatz zu<br /> Sartre den Schritt wagte, eine Ethik zu begründen. Eine Ethik die das Individuum eine Gemeinschaft begründen lässt ohne sich auf irgendeine Transzenenz einzulassen. Ein sehr interessanter Ansatz<br /> in genau dieser Zeit.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Schönes Abenland,<br /> <br /> <br /> Levi R. Goldstein<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Zum ersten Ding:<br /> <br /> <br /> Das liest sich plausibel. An einer Stelle im verlinkten Artikel heisst es ja auch - in der selben Richtung -dass die Kirche(n) in Nordamerika weniger als die den Feudalismus<br /> repraesentierende Institution funktionierten und daher die Trennung von Kirche und Staat nicht so dringlich war.<br /> <br /> <br /> Zum zweiten:<br /> <br /> <br /> Also. im Deutschland der 1960er Jahre hat Camus an den Gymnasien durchaus eine gewisse Rolle gespielt. Ich erinnere mich, dass er das Antidot meines Deutschlehrers war, mit dem er die<br /> angehenden Revoluzzer gegen Sartre geimpft hat. (Nei mir hat die Impfung nicht gewirkt.)<br /> <br /> <br /> <br />