Unvergessen: oesterreichische Widerstandskaempfer gegen die Nazis

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Anlaesslich des 100. Geburtstags von Hedy Urach eriinnert Willi Weinert an den unbeugsamen Kampf der oesterreichischen Kommunisten gegen die Nazi-Besatzung:

 

 

"Ich bin ein Kind der Arbeiterklasse" - Zum 100. Geburtstag von Hedy Urach (20.8.1910 - 7.5.1943)
 
von Willi Weinert

 

Der organisierte Widerstandskampf gegen den Nazifaschismus in Österreich wurde zum weitaus überwiegenden Teil von Kommunisten getragen. Schon von daher erklärt sich auch, dass viele Frauen aktiv eingebunden waren. Wenngleich ihr Anteil in Bezug auf die Männer signifikant geringer war, so leisteten sie eine kaum zu überschätzende Arbeit im Kampf gegen dieses menschenverachtende Regime.

Die Nazis wussten, wer politisch ihre größten Gegner waren - die Kommunisten. Dementsprechend konzentriert setzten sie einen ungeheuren Apparat gegen sie in Bewegung. Davon blieben auch die Frauen nicht ausgenommen, wie die gegen sie geführten Hochverratsprozesse zeigen. Über dreißig führende österreichische Kommunistinnen, die als Funktionärinnen organisierend am Widerstandskampf teilnahmen, wurden zwischen 1941-1945 zum Tode verurteilt und - der Großteil in Wien - geköpft. Das Altersspektrum reichte von der bei ihrer Verhaftung noch Jugendlichen Anni Gräf (1925-1944; sie wurde noch vor ihrem 19. Geburtstag mit der Guillotine ermordet) bis zur 53jährigen Anna Wala (1891-1944), die den jungen GenossInnen vom KJV bei deren Versendung von illegalen Materialien an Frontsoldaten half.

Der in den Todesurteilen zum Ausdruck kommende tiefe Hass (sehr oft auch der sprachliche Zynismus und die in Worte gekleidete Menschenverachtung) der Nazis gegenüber ihren Gegnern manifestierte sich auch in jenen Terrorurteilen, mit denen beide Elternteile hingerichtet wurden und Waisen zurück blieben. Wie das im Falle von Maria (1903-1943) und Rudolf Fischer (1905-1943), von Hermine (1905-1943) und Lothar Dirmhirn (1895-1943), sowie bei Toni Mück (1912-1942) der Fall war. Die Tochter der Fischers war 11 Jahre, die beiden Töchter der Dirmhirns gingen noch nicht in die Schule. Die Tochter von Toni Mück war bei deren Hinrichtung acht Jahre. Ihren Mann, Josef Mück (1906-1942), deportierte man nach Auschwitz, wo er 1942 ermordete wurde. Die Zahl der durch die Todesurteile zu Waisen oder Halbwaisen gewordenen Kinder und Jugendliche - manche Väter, wie Alfred Rabofsky (1919-1944), haben ihre nach ihrer Verhaftung geborenen Kinder, nie zu Gesicht bekommen - wurde nur noch durch das dadurch hervorgerufene, oft lebenslange Leid dieser Menschen übertroffen.

Hedy Urach war ein begabtes Kind und dementsprechend eine gute Schülerin. Aus einem Arbeiterelternhaus kommend, erlernte sie nach der Pflichtschule das Schneiderhandwerk. War sie anfänglich noch in Wien-Hietzing, wo sie wohnte, bei den sozialistischen Kinderfreunden, und seit 1925 im Arbeiter- Turn- u. Sportverein organisiert, fand sie den Weg zum KJV, wo sie bald in höhere Funktionen aufstieg. Konsequent, ihrer politischen Sozialisation entsprechend, organisierte sie sich 1930 in der Gewerkschaft der Schuh- u. Lederarbeiter. 1931 wurde sie vom KJV ausgewählt und nach Moskau an die Internationale Leninschule geschickt. Der Gestapo erzählte sie dann, damals in der Schuhfabrik Rosa Luxemburg beschäftigt gewesen zu sein. "Nach ihrer Behauptung" - wie die Gestapo, eine Legende vermutend - betonte und es in den Prozess gegen sie einfließen lies.

 

1932, nach ihrer Rückkehr von der Leninschule, wurde sie ins ZK des KJV gewählt, dessen Sekretär damals Leo Gabler (1908-1944) war, mit dem sie eine persönliche Freundschaft verband. Nach dessen Verhaftung (1935) wurde ihr diese Funktion übertragen und sie nahm in dieser Eigenschaft auch im selben Jahr am 6. Kongress der Kommunistischen Jugend Internationale teil. Bereits im März 1937 wird sie erstmals wegen Betätigung für die KPÖ verhaftet und für vier Monate eingesperrt. Da die Beweise fehlten, musste man sie ohne Verfahren auf freien Fuß setzen. Kurz nach der Annexion Österreichs, am 7. April wird sie in Schutzhaft genommen und am Tag ihres 29. Geburtstag wieder enthaftet. Diese Vorgänge waren der Grund, dass die Partei sie von dieser Funktion abgezogen und durch den bereits längere Zeit in Österreich im illegalen KJV tätigen Deutschen Bruno Dubber ersetzt. Im Mai verließ sie sicherheitshalber Österreich in Richtung Belgien, wo sie als Kindermädchen arbeitete, sich aber auch im Verband "Hilfe zur Unterstützung österreichischer Emigranten" betätigte. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgien (Mai 1940) wird sie, wie alle Emigranten, für einige Zeit interniert.

 

Nachdem die erste und zweite Leitung der Partei in Österreich von der Gestapo aufgedeckt und deren Mitglieder verhaftet wurden, darunter auch Bruno Dubber, kehrte sie im Sommer 1940 aus Belgien nach Österreich zurück und gehörte der dritten Leitung der KPÖ an. Sie wohnte in der Stolzenthalergasse 16 in Wien-Josefstadt, wo sie auch am 18. Juli 1941, drei Tage vor dem Überfall auf die Sowjetunion, von der Gestapo verhaftet wurde. Sie war die Letzte einer Verhaftungsreihe, die am 27.Jänner mit Alfons Peschke (1905-1943) begann, mit der Verhaftung von Friedrich Nesvadba (1911-1943) am 6. Mai sich fortsetzte, am 9. Mai Wladimir Zoul (1914-1943) und am 21. Mai Karl Tesarik (1912-1943) traf./1/

Ihnen wurde, wie in der Anklageschrift zu entnehmen ist, vorgeworfen, ein "hochverräterisches Unternehmen" betrieben zu haben, dessen Ziel es gewesen sein "ein zum Reich gehöriges Gebiet vom Reich loszureißen und mit Gewalt die Verfassung des Reiches zu ändern". Das war die - gebrochen durch das Prisma der Nazijuristen - Widerspiegelung jener Losung, die, aufbauend auf Alfred Klahrs (1904-1944) herausgearbeiteten Theorie einer österreichischen Nation, den Kampf um die Wiedererringung einer demokratischen Republik, eines selbständigen Österreichs zur Kampflosung des kommunistischen Widerstandes machte. Sie taten alles, so in der Anklageschrift formuliert, um "einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen und aufrechtzuerhalten (...) Die Angeschuldigten haben am Wiederaufbau der KPÖ gearbeitet. Sie sind vor allem im XVII. Wiener Gemeindebezirk, Peschke als Leiter, Nesvadba als sein Vertreter und Nachfolger, die Urach durch Unterhaltung der Verbindung zur Stadtleitung, Zoul und Tesarik als Kassierer und Schriftenverteiler tätig gewesen.".

Eineinhalb Jahre später, Mitte Dezember 1942 wird den erwähnten Angeklagten in Krems vom 5. Senat des Volksgerichtshof der Prozess gemacht./2/ Alle Angeklagten werden zum Tode verurteilt.

 

Zu diesem Zeitpunkt lief die Mordmaschine der Nazis auf Hochtouren und die Mörder in ihren Blutroben ließen oft dutzendweise an manchen Tagen ihre Gegner köpfen. Die Blitzkriegsillusionen waren schon seit einem Jahr Schimäre, die Eroberung Moskaus noch vor der Jahreswende 1941/42 gescheitert. Statt deutscher Panzer rollten die der Roten Armee am Jahrestag der Oktoberrevolution vorbei an der Tribüne und darüber im Himmel flogen russische Kampfflugzeuge und nicht deutsche Stukas über den Roten Platz, auf dem die Führung der Sowjetmacht mit Josef Stalin an der Spitze die Parade abnahm. Und als im Kremser Landesgericht die deutschen Blutrichter noch glaubten, sie könnten mit Todesurteilen das Ende Nazideutschlands verhindern, zeichnete sich schon in Stalingrad die nächste große Niederlage der faschistischen Landräuber und Massenmörder ab.

Als man Hedy Urach und ihre Mitkämpfer am 17. Mai 1943 (Peschke am 16. Juni) 1943 im Wiener Landesgericht köpfte, war die Rote Armee bereits am Vormarsch und befreite Zug um Zug das Territorium des ersten sozialistischen Staates von den Besetzern. Die zum Tode Verurteilten wussten darüber auch hinter Kerkermauern Bescheid. Als geschulte Kommunisten war ihnen schon seit einem Jahr klar: Deutschland hat diesen Krieg bereits verloren, wie es auf der bekannten Postkarte hieß, die der KJV Ende 1941 produzierte und vertrieb.

Noch während ihrer Haftzeit erfährt sie, dass ihr langjähriger Freund "Heini" Gabler, der ebenfalls wie Puschmann aus Moskau ins Land gekommen war, verhaftet worden ist. In Kassibern wendet sie sich an die Genossen und ersucht diese inständig, alles zu tun, um die bestmögliche Verteidigung zu organisieren und so vielleicht sein Leben zu retten. Das musste Illusion bleiben. Nach langen Tortouren haben ihm die Nazis am 7. Juni1944 ebenfalls im Wiener Landesgericht den Kopf abgeschlagen.

 

In ihrem letzten Brief formulierte Hedy Urach: "Sollte das Schicksal entscheiden, fünf Minuten vor zwölf abzutreten, dann Euch, meine Lieben, Gruß und all meine grenzenlose Liebe für alles Gute und Schöne. (...) Seid nicht traurig, es ist nur ein Soldat der gerechten Sache abberufen worden. Meine Liebe gehört Euch, Euch und der Arbeiterklasse, dessen Kind ich mit heißen Herzen bin, ein Teil von jener wundervollen Schichte des Volkes, von der alles Leben kommt."

Ihren Leichnam - oder das, was von ihm nach seiner Verwertung durch das Anatomische Institut der Universität Wien übrig geblieben ist - hat man am Wiener Zentralfriedhof in der Gruppe 40 eingescharrt, wo ein Gedenkstein an diese aufrechte Kämpferin und Kommunistin ebenso erinnert wie eine Straße in Hietzing, die nach ihr benannt wurde, und jene Gedenktafel an der Straßenseite des Straßenbahn-Betriebsbahnhofs in der Hetzendorfer Straße 188, also in unmittelbarer Nähe ihres Wohnhauses auf Nr. 184.

 

An sie und all die anderen Frauen und Männer zu erinnern, die unter Einsatz ihres Lebens gegen den Nazifaschismus gekämpft haben, bleibt unabdingbar für all jene Menschen, die gleich ihnen davon überzeugt sind, dass der Kampf um eine gerechtere Welt nicht vom Kampf um eine, den Kapitalismus überwindende sozialistische Weltordnung zu trennen ist.

 

Anmerkungen:

 

1/ Bereits am 22. Jänner war Erwin Puschmann (1905-1943) verhaftet worden, der aus Moskau nach Wien gekommen war, um die teils zerschlagenen Strukturen wieder aufzubauen, um parallel agierende und z.T. zerstrittenen Parteigruppierungen wieder zusammenzuführen.

2/ Darin hieß es u.a.: "Der Ausgang dieses Krieges wird entscheidend dafür sein, ob es in Zukunft noch eine deutsche Volksgemeinschaft geben wird. Jeder, der den Versuch macht, die Geschlossenheit des deutschen Volkes zu untergraben, muss als solcher behandelt werden. Deshalb verlangt das gesunde Volksempfinden, dass gegen die Angeklagten die schwerste Strafe verhängt wird, die das Gesetz zulässt. (...) Die Angeklagte Urach ist nach ihrer ganzen Verteidigung offenbar auch heute noch überzeugte Kommunistin und mit Rücksicht auf ihre überdurchschnittliche Intelligenz als solche gefährlich. (...) Bei dieser Sachlage hat der Senat entsprechend dem Antrage des Vertreters der Anklagebehörde bei sämtlichen Angeklagten die Todesstrafe als einzig schuldangemessene Sühne erkannt."

 

 

 

 

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Veröffentlicht in Geschichte

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A
<br /> <br /> Sind notorische Frühaufsteher und dafür gerade im Kratien-Urlaub gerügt worden von der 70-jährigen Vermieterin, die auch sonst Haare auf den Zähnen hatte;-))<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Na, wenn die Vermieterin was gegen Fruehaufsteher hat, waer das nichts fuer mich.<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> <br /> Hallo Sepp, nur ein technischer Hinweis diesmal:<br /> <br /> <br /> Gelegentlich wird in Deinen Artikeln, so wie in diesem hier, der Text farbig hinterlegt. Der Kontrast von Orange zu Schwarz ist so gering, dass das Lesen schwierig wird. Längere Texte möchte man<br /> sich da eher nicht antun...<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Danke fuer den Hinweis. Werde es aendern.<br /> <br /> <br /> P.S.: Du bist also auch ein Fruehaufsteher, faellt mir auf.<br /> <br /> <br /> <br />