Venezuela: Staat und Revolution
Nach der russischen Oktoberrevolution wurde die zaristische Staatsmaschinerie, die nach der Februarrevolution fuer die kurze Zeit bis zum Oktober von Buergerlichen uebernommen worden war, zerschlagen. Die Raetestrukturen, die sich in der Zeit der "Doppelherrschaft" zwischen Februar und Oktober 1917 parallel zum "offiziellen" Staat entwickelt hatte, wurden zum neuen Staat der Arbeiter- und Bauernmacht.
Damit wurde auch ein theoretischer Streit entschieden, der , von 1917 aus gesehen, schon seit zwei Jahrzehnten innerhalb der - urspruenglich revolutionaeren - sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ausgetragen wurde.
- Der von marxistischen Positionen auf reformistische uebergegangene Teil behauptete, der Staat habe nicht per se einen Klasseninhalt, sondern sei eine gewissermassen klassenneutrale Institution, und es komme nur darauf an, wer ihn beherrsche - die Arbeiterklasse oder die Bourgeoisie. Erstere koenne ihn - vorzugsweise durch Wahlen - erobern und ihn danach fuer sich benutzen.
- Der auf marxistischen Positionen verbleibende Teil dagegen hielt an dem fest, was Marx und Engels herausgearbeitet hatten: Jeder Staat ist Staat einer herrschenden Klasse, mithin nicht klassenneutral, so dass die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse die Zerschlagung des alten Staatsapparats und die Errichtung eines neuen nach sich ziehen muesse, der anders - naemlich nach den Beduerfnissen der Arbeitenden - sein und funktionieren muesse als der alte Ausbeuterstaat. Dieser neue Staat wurde mit der Oktoberrevolution zum ersten Mal - abgesehen von der kurzlebigen Pariser Commune - geschaffen, als Raete-Republik. Wenn auch vielfach nach den jeweiligen nationalen Gegebenheiten variiert, blieb das im 20. Jahrhundert das Muster des sozialistischen Staatsaufbaus nach gelungenen Revolutionen, von Osteuropa bis China, Vietnam und Kuba.
Was heute von den Linksregierungen in Suedamerika - Venezuela, Bolivien und Ecuador - versucht wird, ist etwas Neues, oder doch eine bedeutende Modifizierung. Sie kamen nicht in einer Volksrevolution an duie Macht, sondern mittels Wahlen im Rahmen der buergerlich-demokratischen Republik. Und, an der Macht, machen sie sich nicht sofort an die Zerschlagung der alten Staatsmaschinerie und den Ausfbau eines neuen Staates, sondern fahren sozusagen eine "Doppelstrategie". Sie "benutzen" den alten Apparat und foerdern gleichzeitig demokratische Strukturen, in denen das Volk anfaengt, sich selbst zu organisieren, sich selbst verwalten und regieren zu lernen. In unterschiedlichen Entwicklungsstadien entsteht die Volksmacht neben dem "offiziellen" Staatsapparat, soll diesem allmaehlich seine Funktionen und Kompetenzen abnehmen, und - logisch weitergedacht - schliesslich ersetzen.
Im Unterschied zur russischen Revolution handelt es sich bei diesen Versuchen nicht um eine kurze Zeit des Nebeneinander-Existierens zweier gegensaetzlicher Machtapparate, sondern um eine laengere Periode, wobei der alte Apparat unter dem Kommando einer revolutionaer gesinnten Regierung/Parlamentsmehrheit steht.
Chavez hat das Wort vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" populaer gemacht. Es steht auch fuer diese eigenartige Koexistenz des alten buergerlich-demokratischen Staatsapparats mit der neben ihm aufwachsenden Volksmacht.
Ersetzt dieses Konzept die Marx/Engelsche, von Lenin auf den letzten Stand gebrachten Revolutionstheorie ?
Die junge welt hat zwei Artikel gebracht, die diese Frage auf unterschiedliche Weise beantworten. (Wie sie wirklich beantwortet wird, wird sich allerdings nicht ueber solche Einschaetzungen entscheiden, sondern in der Praxis.) Helge Buttkereit beantwortet diese Frage in seinem Artikel Von unten auf eher mit einem Ja. Andre Scheer zeigt dagegen mit seinem Artikel Mit Chavez gegen Lenin am Beispiel des politischen Denkens von Chavez auf, dass dieser sich, belehrt von den praktischen Erfahrungen, eher "zu Lenin hin" bewegt.
Hier die beiden Artikel:
Zunaechst Buttkereit, "Von unten auf":
Debatte. In Lateinamerika zeigt sich: Die »Neue Linke« stellt das Leninsche Revolutionsmodell in Frage. Heute geht es um den Aufbau von Rätestrukturen durch Basisbewegungen und Staat ...
Von Helge ButtkereitInsofern ist eine »Rückkehr der Rechten«, von der Günter Pohl in jW schreibt (siehe jW-Thema vom 22. Juni 2010), in der Tat zu konstatieren. Eine Rückkehr auf dem Wahlzettel und durch den Wahlzettel, ebenso wie der Aufschwung der Neuen Linken in den vergangenen Jahren durch Wahlen gekennzeichnet war und auch noch ist. Denn Morales und die Bewegung zum Sozialismus (MAS) gewannen trotz der Erfolge der Opposition die Parlaments- wie auch die Regionalwahlen 2009 und 2010, Rafael Correa im vergangenen Jahr die Präsidentschaftswahlen in Ecuador, und ein Sieg der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) im Bündnis mit der kommunistischen Partei ist bei den im September anstehenden Parlamentswahlen zumindest zu erwarten. Insofern steht einer »Rückkehr der Rechten« eine weiterhin starke Linke gegenüber, die Pohl auch durchaus wahrnimmt.
Es stimmt ebenfalls, daß es – wie er in Unsere Zeit. Zeitung der DKP vom 25. Dezember 2009 schreibt – dauere, bis politische Veränderungen sichtbar werden. Ebenso richtig ist seine schon früher gemachte Aussage, daß Wahlen zwar einen Zwischenstand von politischen Stimmungslagen gäben, »aber nur selten erlauben sie eine Aussage über den Klassenkampf und noch weniger über die Aussicht auf eine sozialistische Gesellschaft«. Dies gilt aber für beide Seiten. Während Pohl dies nur auf die Linke münzt, muß man das auch auf mögliche Wahlerfolge der Rechten übertragen. Gerade in Ländern wie Venezuela oder Bolivien, in denen die Wandlungsprozesse schon einen gewissen Fortschritt erreicht haben, ist eine Rückkehr zur alten Politik nicht so einfach möglich. An der Basis gerade in Venezuela haben Prozesse von Selbstorganisation und teilweise von Selbstregierung eingesetzt, die eine rechte Regierung nicht übergehen kann. So kann das neue Gesetz über die Consejos Comunales nur über eine Zweidrittelmehrheit in der Nationalversammlung geändert werden.
Der Opposition stünde bei einem – derzeit wenig wahrscheinlichen – Wahlsieg ein zumindest in Teilen politisch selbstbewußtes Volk gegenüber, das, und hier liegt der Hauptwiderspruch zur Position Pohls, sich derzeit in einem sozialrevolutionären Prozeß neuen Typs befindet. Einem Prozeß, der das hergebrachte Revolutionsverständnis der Linken in Frage stellt und der neue Wege für die Überwindung des Kapitalismus aufzeigt. Die Menschen in Venezuela kämpfen Tag für Tag gegen alte und neue Bürokratie, privatwirtschaftlichen wie staatswirtschaftlichen Kapitalismus. Während Chávez und die bolivarische Bewegung in den ersten Jahren auf die politische Veränderung der Verhältnisse und eine neue Verfassung gesetzt haben, sind sie nun zu der von Pohl herausgestellten Erkenntnis gelangt, »daß die Dialektik zwischen nationaler und sozialer Befreiung bewirkt, daß, wer glaubt, die zweite nicht zu brauchen, auch die erste verliert«.
Er kritisiert insbesondere die Auffassung, Sozialismus sei durch Wahlen und ein »Hineinwachsen« zu erreichen. Die unausgesprochene, aber logische Schlußfolgerung dieser Aussage wird wenig später durch das zustimmende Zitat des kubanischen Lateinamerikaspezialisten Roberto Regalado deutlich. Denn dieser konstatiert, daß für eine Revolution gegen das Kapital »irgendeine Art revolutionärer Gewalt« ausgeübt werden müsse. All dies deutet darauf hin, daß Pohl nur eine solche Revolution als Revolution anerkennt, in der eine kommunistische Partei als Avantgarde den Staatsapparat übernimmt und von dort aus die Gesellschaft von oben umgestaltet.
Selbst wenn man dieses hier grob beschriebene leninistische Revolutionsmodell noch differenzieren müßte, so hat die Geschichte doch eines gezeigt: Genau dieses Modell hat immer wieder zum Scheitern einer Revolution geführt, war die Ursache dafür, daß die Menschen, die doch eigentlich befreit werden sollten, unterdrückt wurden und die Konterrevolution sie leicht für sich gewinnen konnte. Ein solches mechanistisches Verständnis von Revolution läßt die Dialektik der Veränderung der Umstände und der Selbstveränderung der Revolutionäre außer acht, die Marx in der »Deutschen Ideologie« einst so beschrieben hat: »In der revolutionären Tätigkeit fällt das Sich-Verändern mit dem Verändern der Umstände zusammen.«
Ausgehend von dieser Kritik am staatszentrierten Modell des Ostblocksozialismus werde ich mich im folgenden auf Venezuela beschränken, denn die bolivarische Revolution ist im Verhältnis zur Neugründung in Bolivien und zur Bürgerrevolution in Ecuador am weitesten fortgeschritten. Die Analyse von Chancen und Grenzen der Revolution als Prozeß ist hier am ehesten möglich. Marta Harnecker, linke Soziologin aus Chile, hat dabei den bolivarischen Prozeß im Januar 2003 als »Revolution sui generis« definiert: »Wenn wir meinen, daß Revolution Übernahme von Macht und die Zerstörung des reaktionären Staatsapparates sowie die Durchführung dramatischer ökonomischer Maßnahmen zur Enteignung der Besitzer der Produktionsmittel bedeute, dann ist, was in Venezuela passiert, zweifelsohne keine soziale Revolution. Wenn wir aber davon ausgehen, daß Revolution ein Prozeß ist, in dem politische Macht von einer sozialen Gruppe auf eine andere übergeht und dann grundlegende Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft erfolgen, und wenn wir glauben, daß es die Hauptaufgabe eines solchen Prozesses ist, die wichtigen Subjekte dieser alternativen Gesellschaft zu bilden, dann kann man sagen, daß der bolivarische Prozeß tatsächlich ein revolutionärer Prozeß ist.«
Mittlerweile haben die Protagonisten des Prozesses eine solche Stärke erreicht, daß sie zum einen die Selbstregierung konsequent ausbauen und zum anderen den reaktionären Staatsapparat in einer Doppelherrschaft bekämpfen oder auch zersetzen können. Außerdem gibt es immer mehr Kämpfe zur Übernahme der Kontrolle über die Produktionsmittel. Das, was laut Günter Pohl notwendig ist, nämlich »nicht nur die Existenz, sondern auch der Willen des nach oben zu wälzenden Subjekts sowie einer Kraft, die den Weg zum Sozialismus theoretisch und die Revolution praktisch anpackt«, ist vielerorts vorhanden.
Der Aufgabe einer theoretischen Durchdringung, der Kritik und Selbstkritik des Prozesses, die die revolutionäre Organisation zu leisten hat, wird zwar die PSUV derzeit kaum gerecht, die Protagonisten des Kampfes an der Basis verlangen an vielen Stellen diese Rolle von der Partei. So fordert der Direktor des Netzes der kommunalen Räte in Caracas, Wilder Marcano, angesichts der zwei Hauptkampflinien der Basisbewegung in Venezuela – Kampf um Arbeiterkontrolle in den Betrieben und Kampf um die Volksmacht in den Consejos Comunales – die Vereinigung der beiden Bereiche und von seiner Partei die führende Position in diesem Kampf.
Und hier der Text von Andre Scheer:
Mit Chávez gegen Lenin?
Debatte. Die Bolivarische Revolution in Venezuela hat viel erreicht, aber unumkehrbar ist sie auch heute noch nicht
Von André ScheerEuropa hat vor zwanzig Jahren sehr deutlich zu spüren bekommen, daß revolutionäre Prozesse sogar nach sieben Jahrzehnten noch nicht unumkehrbar sein müssen. War es im Fall der Sowjetunion und der europäischen realsozialistischen Länder vermutlich unvermeidlich, daß sich von links bis rechts kaum jemand vorstellen konnte, wie ein solch fest erscheinendes Lager praktisch in wenigen Monaten in sich zusammenfallen konnte, überraschen im nachhinein die Illusionen, denen sich viele nach der Wahlniederlage der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN in Nicaragua am 25. Februar 1990 hingaben. So kommentierte Ralf Leonhard seinerzeit in der tageszeitung, das an die Regierung gekommene konterrevolutionäre Bündnis UNO müsse »sandinistische Prinzipien wahren«, da die »Grundprinzipien des Staatswesens« Verfassungsrang hätten: »›Das nicaraguanische Volk hat das Recht, sich zu bewaffnen, um seine Souveränität, seine Unabhängigkeit und seine revolutionären Errungenschaften zu verteidigen. Der Staat ist verpflichtet, das Volk anzuführen, zu organisieren und zu bewaffnen, um dieses Recht zu garantieren.‹ Das verfügt Artikel 93 der nicaraguanischen Verfassung, mit der die künftige Rechtsregierung leben müssen wird.«1
Die folgenden Jahre zeigten sehr schnell, daß Gesetze und Erklärungen eine Revolution nicht gegen ein konterrevolutionäres Regime verteidigen konnten. Die FSLN zerlegte sich in Flügelkämpfen selbst, während die linken Feigenblätter der Konterrevolution wie die »Sozialistische« und die »Kommunistische Partei Nicaraguas« in der Versenkung verschwanden2. Um so erstaunlicher ist es, wenn zwanzig Jahre später ganz ähnliche Illusionen gepflegt werden.
»Der Opposition stünde bei einem – derzeit wenig wahrscheinlichen – Wahlsieg ein zumindest in Teilen politisch selbstbewußtes Volk gegenüber, das, und hier liegt der Hauptwiderspruch zur Position Pohls, sich derzeit in einem sozialrevolutionären Prozeß neuen Typs befindet. (…) Mittlerweile haben die Protagonisten des Prozesses eine solche Stärke erreicht, daß sie zum einen die Selbstregierung konsequent ausbauen und zum anderen den reaktionären Staatsapparat in einer Doppelherrschaft bekämpfen oder auch zersetzen können.« (jW-Thema vom 18.8.2010) Das schreibt Helge Buttkereit über den bolivarischen Prozeß in Venezuela. Gab es das »zumindest in Teilen politisch selbstbewußte Volk« 1990 in Nicaragua nicht? Hatten »die Protagonisten des Prozesses« dort nicht elf Jahre zuvor sogar durch bewaffneten Kampf »den reaktionären Staatsapparat« – die Somoza-Diktatur– zerschlagen können? Sind elf Jahre Sandinistische und zwölf Jahre Bolivarische Revolution so grundsätzlich verschieden, daß sich die Entwicklung Nicaraguas nach der Wahlniederlage der Sandinisten nicht wiederholen könnte?
Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat die Bedeutung der Rätestrukturen von unten erkannt und auch schon versucht, sie in feste Formen zu gießen. Sein Projekt einer Verfassungsreform 2007 hatte genau dieses Ziel. Festgeschrieben werden sollte eine Parallelstruktur gegenüber dem traditionellen Staatsaufbau. So sah Chávez‹ Vorschlag vor, in Artikel 70 der Magna Charta als Organe zur Machtausübung durch das Volk unter anderem »die Räte der Volksmacht (Kommunale Räte, Arbeiterräte, Studierendenräte, Bauernräte und andere)« sowie »die demokratische Führung jedes Unternehmens in direktem oder indirektem gesellschaftlichen Eigentum durch die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen« festzuschreiben3. Gegenübergestellt werden sollten in Artikel 141 zwei »Kategorien der öffentlichen Verwaltung«, nämlich »die bürokratischen oder traditionellen öffentlichen Verwaltungen« und »›die Missionen‹, gebildet durch Organisationen verschiedener Natur«.
Diese Verfassungsreform wurde jedoch in einer Volksabstimmung knapp abgelehnt. Dafür gab es mehrere Gründe, aber der wichtigste dürfte die Verschlimmbesserung der Chávez-Initiative durch die nachfolgenden Beratungen im Parlament gewesen sein. Obwohl das bolivarische Lager durch den Wahlboykott der Oppositon 2005 über eine überwältigende Mehrheit verfügte, selbst wenn wir die zu den Regierungsgegnern übergelaufene Partei Podemos abziehen, schrieben die Abgeordneten in das Reformpaket so unsinnige und undemokratische Regelungen hinein wie eine Einschränkung der Meinungsfreiheit im Falle des Ausnahmezustands oder eine Erhöhung der geforderten Prozentquoten für Volksabstimmungen. Das und nicht etwa die Frage der Wiederwahl des Präsidenten ein Jahr später war der Grund, weshalb sich auch ein Großteil der Chávez-Unterstützer nicht für die Verfassungsreform begeistern konnte. Die Ablehnung der Verfassungsreform war kein Sieg der Opposition, die ihre Unterstützung von 4,3 Millionen Stimmen bei der Präsidentschaftswahl ein Jahr zuvor nur um 200000 Stimmen ausbauen konnte. Vielmehr war es eine Niederlage der revolutionären Bewegung: Von 7,3 Millionen Venezolanern, die 2006 für Chávez gestimmt hatten, unterstützten fast auf den Tag genau zwölf Monate später nur noch gut 4,3 Millionen Menschen die Reform – weniger, als die von Chávez gegründete Vereinte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) als Mitgliederzahl angab.
Ein anderes Beispiel ist die Rolle der Missionen. Diese Sozialprogramme wurden von der Regierung ab 2003 entwickelt, um auf die drängenden Mißstände in der venezolanischen Gesellschaft zu reagieren. Möglich wurde dies durch die Rückgewinnung der Kontrolle über den staatlichen Erdölkonzern PDVSA nach den Auseinandersetzungen 2002/03. Die dadurch verfügbaren Einnahmen wurden zu einem Großteil in diese sozialen Aktivitäten gesteckt, angefangen bei der äußerst erfolgreichen Alphabetisierungskampagne »Mission Robinson«, durch die sich Venezuela 2005 zum nach Kuba zweiten vom Analphabetismus befreiten Gebiet Lateinamerikas erklären konnte. Von ebenso entscheidender Bedeutung war und ist die medizinische Mission »Barrio Adentro« in ihren verschiedenen Stufen, die für kostenlose ärztliche Betreuung der Bevölkerung sorgt. Das Internetportal der venezolanischen Regierung, Gobierno en Línea, zählt derzeit 28 solcher Missionen auf, die sich um ganz unterschiedliche Bereiche kümmern4.
Für die Probleme in diesem Bereich gibt es viele Gründe, und die venezolanische Regierung bemüht sich aktiv darum, diese Programme wieder vernünftig ins Laufen zu bekommen. In unserem Zusammenhang belegen diese Skandale jedoch, daß die Missionen in ihrer heutigen Verfaßtheit eben nicht als Beispiel dafür dienen können, daß die Basis tatsächlich die Macht in Venezuela ausübt. Oder anders formuliert: Wenn die Basisbewegungen bereits heute, unter den Bedingungen einer revolutionären Regierung, nicht in der Lage sind, Bürokratismus und Korruption zu besiegen, wie sollte dies dann unter den Bedingungen eines konterrevolutionären Regimes gelingen können? Ganz nebenbei: Selbst in den nach den Regionalwahlen 2008 an die Opposition gefallenen Bundesstaaten wie Miranda oder Carabobo ist es kaum gelungen, die revolutionären Positionen gegen Angriffe der rechten Regionalregierungen zu verteidigen. Immer wieder mußte hier die Zentralmacht mit Verordnungen und Gesetzesänderungen eingreifen. Was wäre, wenn es keine revolutionäre Zentralmacht mehr gäbe?
Bei Lenin, dessen »Revolutionsmodell« Helge Buttkereit so sehr ablehnt, wird dieses Ziel in »Staat und Revolution« (1917) etwas anders formuliert: »Wenn aber das Proletariat und die arme Bauernschaft die Staatsgewalt in ihre Hände nehmen, sich vollkommen frei in Kommunen organisieren und das Wirken aller Kommunen vereinigen, um das Kapital zu schlagen, den Widerstand der Kapitalisten zu brechen und das Privateigentum an den Eisenbahnen, Fabriken, an Grund und Boden usw. der gesamten Nation, der gesamten Gesellschaft zu übertragen – wird das etwa kein Zentralismus sein? (…) Bernstein kann es einfach nicht in den Sinn kommen, daß ein freiwilliger Zentralismus, eine freiwillige Vereinigung der Kommunen zur Nation, eine freiwillige Verschmelzung der proletarischen Kommunen zum Zweck der Zerstörung der bürgerlichen Herrschaft und der bürgerlichen Staatsmaschine möglich ist.« (LW 25, S. 443)
Gut möglich, daß Chávez seine von Helge Buttkereit zustimmend zitierte Formulierung vom »kommunalen Staat« genau aus diesem Werk Lenins übernommen hat. Jedenfalls hat Hugo Chávez am 7.Juni 2010 dieses Buch komplett zum Download auf seiner Homepage eingestellt8. Schon im November 2009 hat das venezolanische Ministerium der Volksmacht für Kommunikation und Information »Staat und Revolution« in Massenauflage als Broschüre veröffentlicht, im März 2010 gefolgt von Lenins »Was tun?« Mit Chávez gegen Lenin funktioniert also nicht, auch wenn Chávez’ Einschätzung der sowjetischen Realitäten durchaus distanziert ist. Diese hätten sich unter Stalin zu einem »despotischen Staat«9 entwickelt und sich ab den 60er Jahren »ganz ähnlich wie der nordamerikanische Imperialismus« verhalten.10 Trotzdem habe das Verschwinden des realsozialistischen Lagers »ein wirklich universelles Erdbeben« verursacht, durch das auch eine »Form von Bremse gegen die imperialistische und kapitalistische Aggression der Vereinigten Staaten von Nordamerika« verschwunden sei11.
Das war keine Wahlkampfphrase. Eleazar Díaz Rangel, der Chef der auflagenstärksten venezolanischen Tageszeitung Últimas Noticias, hat darauf hingewiesen, daß Chávez in den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal öffentlich den »US-Imperialismus« angegriffen hatte, obwohl in diese Zeit unter anderem der Putschversuch 2002 fiel, in den Washington eindeutig verwickelt war. Trotzdem: »Kein einziger Angriff auf die Regierung Bush oder die Vereinigten Staaten vom 2. Februar 1999, als er die Präsidentschaft übernahm, bis zum 1. März 2004.«14 Erst danach folgten am 16. Mai 2004 die Proklamation des »antiimperialistischen Charakters der Revolution« und am 30.Januar 2005 beim Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre der noch ganz vorsichtige Aufruf, man müsse über den Sozialismus diskutieren, »einen neuen Sozialismus des 21. Jahrhunderts«. Ein Bekenntnis zum Marxismus hat Hugo Chávez übrigens zum ersten Mal im Dezember 2009 bzw. Januar 2010 abgegeben und sich damit von seiner über mehr als ein Jahrzehnt vertretenen These verabschiedet, er sei »weder Marxist noch Antimarxist«.
Die Entwicklung von Hugo Chávez von einem Reformisten, der mit revolutionären Worten nicht mehr als einen »humanistischen Kapitalismus« erreichen wollte, hin zu einem Marxisten, der den Sozialismus aufbauen will, war ein Prozeß der ständigen Analyse und des ständigen Suchens nach Antworten auf die Herausforderungen, denen sich der bolivarische Prozeß gegenübersah. Es ist hier nicht der Platz, diesen – durchaus auch widersprüchlichen – Entwicklungsweg detailliert nachzuzeichnen. Es ist aber offenkundig, daß sich Hugo Chávez bewußt ist, daß die Bolivarische Revolution auch nach zwölf Jahren noch nicht unumkehrbar ist. Derzeit würde eine Niederlage bei einer Präsidentschaftswahl ausreichen, um den revolutionären Prozeß abzuwürgen. Noch gibt es in Venezuela eine Doppelherrschaft zwischen der revolutionären Bewegung mit Chávez an der Spitze und der mit dem US-Imperialismus verbündeten Kapitalseite. Hugo Chávez hat begriffen, daß in diesem Klassenkampf Marx und Lenin keine untauglichen »Modelle«, sondern auch heute noch sehr brauchbare Instrumente geliefert haben. Ob die venezolanische Revolution es verstehen wird, diese Instrumente auch so zu benutzen, daß sie ihr Ziel erreicht, ist die Frage, vor der sie steht. Beantwortet ist sie noch nicht.
1 taz – die tageszeitung, 6. März 1990, S. 9
2 Die »Kommunistische Partei« PcdN entstand 1967 als Abspaltung der »Sozialistischen Partei«, weil sie den bewaffneten Kampf gegen die Somoza-Diktatur befürwortete. Heute gehört sie der sozialdemokratischen »Sozialistischen Internationale« an und hat sich mit Nicaraguas Liberalen in der »Alianza PLC« verbündet.
3 Vgl. archiv.venezuela-aktuell.de/index.php?option=com_content&task=view&id=415&Itemid=28
4 Vgl.www.gobiernoenlinea.ve/miscelaneas/misiones.html
5 Vgl. www.minci.gob.ve/noticias-embajadas/1/176967/embajadora_portocarrero_destaclogros.html
6 Vgl. www.vtv.gov.ve/noticias-culturales/34566
7 Vgl. www.rnv.gov.ve/noticias/index.php?act=ST&f=21&t=108579
8 www.chavez.org.ve/temas/libros/estado-revolucion-vladimir-lenin/
9 Las Líneas de Chávez: Cruz de Mayo, Cruz de Cristo, Mai 2009; www.minci.gob.ve/las_lineas_de/82/188812/%C2%A1cruz_de_mayocruz.html
10 Hugo Chávez: Rede vor dem Antiimperialistischen Tribunal während der XVI. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 2005; in: ders. Selección de Discursos, Caracas 2005, Bd. 7, S. 460f.
11 Hugo Chávez: Rede zur Eröffnung der XVI. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 2005; ebenda, S. 416
12 Agustín Blanco Muñoz: Habla el Comandante, Caracas 1998, S. 19
13 Ebenda, S. 69
14 Eleazar Díaz Rangel: Todo Chávez, Caracas 2006
aus:
http://www.jungewelt.de/index.php
geklaut von:
http://rote-predigt.over-blog.com/pages/Venezuela_neu-3546417.html