ver.di streikt

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Heute sind 80 000 Kolleginnen und Kollegen in NRW und Berlin im Ausstand. Letzte Woche haben sich 130 000 an den Warnstreiks beteiligt, in dieser  sind  es  schon am Mittwoch 138 000. Die Gewerkschaft mobilisiert, und die Mitglieder zeigen sich kampfbereit. Noch handelt es sich um Warnstreiks. Bleiben die "Arbeitgeber" stur, kommt es zu Urabstimmung und unbefristetem Streik. Die Gewerkschaftsführung hat versprochen, dass sie kein Schlichtungsverfahren akzeptieren wird.

 

ver.di fordert 6,5 % mehr Lohn, mindestens aber 200 E imMonat mehr für jeden, die Übernahme der Auszubildenden in ein festes Arbeitsverhältnis anstatt "Auslese" und befristete Verträge.

 

Die Gegenseite hat zunächst überhaupt kein Angebot gemacht und inzwischen ein provokantes: 1,77 %. Eine zusätzliche Frechheit ist der Versuch, die Leute für dumm zu verkaufen, indem behauptet wird, das Angebot bestehe in 3,3 %. Vielleicht im Gegensatz zu den Sesselfurzern in den höheren Amtsstuben können die Kollegen aber rechnen und fallen auf den Dummenfang nicht herein. 

 

In Augsburg hat sich gestern einer dieser Seselfurzer erlaubt, auszusperren. Der Bursche kann eine so provokante Entscheidung nicht ohne die Rückendeckung des Bürgermeisters und des Arbeitgeberverbands getroffen haben. "Wer aussperrt, gehört eingesperrt", ist eine alte Gewerkschaftsparole. Davon sind wir im Arbeitgeberland Deutschland weit entfernt. Aber die Entscheider solcher Provokationen sollten sich vorsehen. Die Unzufriedenheit hat einen Grad erreicht, bei dem solche nicht mehr einschüchtern können, sondern Öl ins Feuer giessen.

 

Hier einige Streiknachrichten der Gewerkschaft:

 

http://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++f2daf06c-7356-11e1-4541-0019b9e321cd 

 

Die Tarifbewegung wird begleitet von einem Angriff auf das Streikrecht im öffentlichen Dienst. Eine Gruppe rechter Professoren hat sich "Vorschläge" ausgedacht, wie das ohnehin europaweit repressivste Streikrecht in Deutschland noch weiter eingeschränkt werden könnte:

 

 http://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++e8f89c40-729b-11e1-4541-0019b9e321cd 

 

Ob die ver.di-Kolleginnen und -Kollegen ein ordentliches Ergebnis erreichen, ist nicht nur für sie von Bedeutung. Es geht auch darum, ob die Reallohnverluste, die seit mindestens zehn Jahren Jahr für Jahr den Lebensstandard einschränken, gestoppt werden können. Ein gutes Ergebnis wäre auch gut für die anderen Branchen. Nicht zuletzt wäre das auch eine Unterstützung für die Kollegen in anderen europäischen Ländern wie z. B. Griechenland, in denen inzwischen der Angriff auf Lohn und Lebensstandard der Lohnabhängigen zu regelrechter Verarmung führt und Löhne nicht mehr ausgehandelt, sondern Tarife vom Staat gedeckelt oder praktisch ausser Kraft gesetzt werden. (Hier kann übrigens jeder, der meint, Gewerkschaft und Tariflohn nicht zu brauchen, besichtigen, wohin man kommt, wenn "Arbeitgeber" und Staat "durchgreifen".) Mit einem guten Ergebnis würde sich ver.di gegen diesen europaweiten Trend stemmen, der auch Deutschland erreichen wird, wenn er nicht im gewerkschaftlichen und politischen Kampf gebrochen wird.

 

Tarifrunden und Streiks sind immer auch eine Gelegenheit, das eigene Verhalten zu überdenken. Wer sich als Lohnabhängiger nicht gewerkschaftlich organisiert, ist praktisch ein Trittbrettfahrer. Er profitiert von Tarifverträgen, überlässt es aber anderen, sie durchzusetzen. Hier stehen einige Argumente für die Organisierung:

 

http://www.verdi.de/ueber-uns/mitmachen 

 

Wer sich vom weiteren Verlauf der gegenwärtigen ver.di-Tarifbewegung ein Bild machen möchte, ist besser onformiert, wenn er sich nicht nur auf Tagesschau und Zeitung verlässt, sondern wenigstens auch gegen-checkt, was die Gewerkschaft zu sagen hat:

 

http://www.verdi.de/ 

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R
<br /> @ Rainer:<br /> <br /> <br /> 1. Es handelt sich hier um die Tarifauseinandersetzung Öffentlicher Dienst Kommunen (TV ÖD). Da gibt es keine Unis. (Universitäten als Landeseinrichtungen unterliegen dem TV Länder, kurz TV L.)<br /> Gerade der TV ÖD, als einem der größeren Tarifverträge, hat eine erhebliche Breitenwirkung, die über den ÖD hinausgeht, da viele Haus- und Branchen-TV an ihn angelehnt sind, also dessen Entgeld-<br /> und Manteltarifregelungen weitgehend übernehmen.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> 2. Das "Angebot" der AG im TV ÖD liegt weit untehalb der Inflationsmarke, bedeutet also Reallohnverlust. (Auch im 2011 verhandelten TV L lag das Angebot der AG unterhalb der Inflationsmarke. Der<br /> Abschluss letztlich bedeutet auch faktischen Reallohnverlust. Aufgrund des äußerst schwachen Organisationsgrades konnte auf Bund/Länder Ebene in der Tarifrunde auch nicht wirklich viel rausgeholt<br /> werden. Vgl. http://oeffentlicher-dienst.info/tv-l/tr/2011/beamte.html )<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> 3. Uni-Beschäftigte, also Kollegen im Dienstleistungsbereich, sind nicht unbedingt Kernbereich der klassichen Arbeiteraristokratie. Der wesentliche Teil der Arbeiteraristokratie bildet sich<br /> vornehmlich im Industrieproletariat, also dort, wo auch der Hauptteil des Mehrwerts geschaffen wird. Gerade dort braucht die Bourgeoisie ihre Transmissionsriemen in die Arbeiterklasse hinein.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> 4. Wenn in Deiner Firma schlechte Entgeldabschlüsse vereinbart werden, dann liegt das vermutlich am schlechten gewerkschaftlichen Organisationsgrad bei euch im Betrieb bzw. auch in der gesamten<br /> Branche. Ohne kampfbereite Belegschaft werden auch die erzielten Tarifergebnisse tendenziell schlecht ausschauen.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> 5. Ist es nicht borniert, Kolleginnen und Kollegen, die gerade in einer Tarifauseinandersetzung stehen und durch bisher sehr gelungene Warnstreikaktionen endlich mal wieder etwas mehr<br /> Kampfbereitschaft zeigen, blöd anzupflaumen, ihnen ginge es zu gut? - Wenn im ÖD gekämpft wird und am Ende sogar ein respektables TV-Ergebnis zustande kommen sollte, dann ist das auch gut für<br /> alle anderen anstehenden Tarifauseinandersetzung der kommenden Monate. Gleiches gilt für die Metall- und Elektrobranche, wo die IGM gerade die Tarifauseinandersetzung führt.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> 6. Denn durch den systematischen Reallohnverlust der letzten 15 Jahre in diesem Land und durch begleitende staatliche Umverteilung von unten nach oben (insb. die Agenda 2010 und alles, was damit<br /> zusammenhängt) konnte die deutsche Monopolbourgeoisie überhaupt erst die Unmengen von Kapitalüberschuss anhäufen, mit dem dann aggressiver Kapital- und Warenexport im deutschen Hinterhof (MOE,<br /> Balkan) möglich wurde. Erst der Reallohnverlust (= Steigerung der Profitrate) schafft der deutschen Bourgeoisie die Waffen, mit denen sie auf Raubzug gehen kann.<br />
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R
<br /> Ich halte diese ständige Aufregung um die Tarifabschlüsse für verfehlt. Immerhin kommen am Ende Lohnerhöhungen zustande, von den denen viele der nicht tariflich Beschäftigten nur träumen können.<br /> Die Einkommensentwicklung an einer Uni hat jedenfalls nach meiner Beobachtung keinen Reallohnverlust zur Folge. Ich selbst habe als Entwicklungsingenieur einer kleinen Firma deutlich weniger<br /> Gehalt als jemand mit ähnlichem Beschäftigungsprofil an der Uni. Warum werden immer nur diese "Aristokraten" als Repräsentanten der Arbeiterklasse gesehen? Denen geht es doch vergleichsweise gut.<br /> Revolutionäre Kräfte wird man dort sicher nicht finden.<br />
Antworten
S
<br /> <br /> Rainer: "Immer kommen am Ende Lohnerhöhungen zustande, von denen viele der nicht tarfiflich Beschäftigten nur träumen können." - Es gibt kein besseres Argument für gewerkschaftliche Organisierung<br /> und die Durchsetzung von Tarifverträgen.<br /> <br /> <br /> <br />