Wohlstand: Gespräche am Wochenende
In einer Kleinstadt in Bayern
"Letzten Monat hab ich 190 Stunden gearbeitet. Was meinst du, was ich rausgekriegt hab ? 1250 Euro."
Die Frau ist Anfang Dreissig, alleinerziehend, zwei Kinder um die Zehn, Pflegehelferin in einem Altersheim, Schichtarbeit.
"Du zahlst doch für die Miete schon 650 ? Brauchst ein Auto. Das gibts doch nicht, dass du damit hinkommst."
"Klar nicht. Da ist halt noch das Kindergeld. Und der Job nebenbei, du weisst schon. Damit komm ich dann auf 1900. Damit komm ich grad so rum."
"Vollschicht, Überstunden, zwei Kinder, und noch einen Job nebenbei ?"
"Klar. Was soll ich machen ?"
"Du machst dich kaputt."
"Klar. Weiss ich selber, das kannst du mir glauben. Was soll ich denn machen ? Glaub mir, wenn die Kinder nicht wären ... Ich würd hinschmeissen und abhauen. Irgendwohin. Das ist doch kein Land zum Leben."
Ein Telefonat
"Am Dienstag hab ich eine Show-Stunde. Da hocken sie dann in der Klasse, Rektor und alle. Beobachten jede Bewegung, analysieren jede Minute Unterrichtsstunde. Hinterher machen sie dich fertig."
Die Frau ist Anfang Dreissig, Referendarin Grundschullehramt, der Mann ist auch Lehrer, an einer Privatschule, zwei Kinder, die Hypothek fürs Reihenhaus kostet 1500 im Monat.
"Was kriegst du eigentlich ?"
"900 im ersten Jahr. Dafür arbeit ich 60 Stunden in der Woche. mindestens. Eigentlich mag ich die Arbeit mit Kindern. Das wollt ich immer. Aber sie machen einem die Freude am Beruf kaputt."
"Nachher wirst du Beamtin. Dann wirds ruhiger, und das ist ja immer noch gut bezahlt."
"Ich weiss nicht, ob ich das durchhalt. Zwei Jahre, das ist der Horror. Ach, wenn das Sinn machen würde ... Aber es geht gar nicht drum, dass sie dir beibringen, wie man den Unterricht gut macht. Sie sieben aus. Du weisst, du brauchst den und den Notendurchschnitt. Wenn du den nicht hinkriegst, gibts keine feste Stelle. Verbeamtung schon gar nicht. Ein Grossteil erreicht den Schnitt nicht. Aber du willst dabei sein. dann musst du dir so ziemlich alles gefallen lassen."
"In meiner Generation gabs da noch die Gewerkschaft."
"Kannst du vergessen. In meiner Seminargruppe gibts niemanden, der da drin ist, glaub ich. Ich ja auch nicht."
"Dann seid ihr blöd."
"Du hast halt keine Ahnung, wie´s ist. Bei uns gehts ja noch. Aber ich kenn da Leute aus einer anderen Schule, da mobben sich die Referandare regelrecht. Jeder kämpft gegen jeden. Ein Teil packts nicht, und du willst nicht bei dem Teil sein. Du klotzt ran. Und wenn´s der Kollege nicht sogut packt, bist du im Vorteil. ... Darum geht´s, verstehst du ? Es geht gar nicht um Leistung, guten Unterricht machen und so. Doch, das schon auch. Aber das andere ist, sie bringen dir survival of the fittest bei. Wer am besten kuscht und die beste Show abzieht ist im Vorteil."
"Schöne Vorbilder seid ihr für die Kinder. Der alte deutsche Kadavergehorsam."
"ich weiss wirklich nicht, ob ich die Scheisse fertig mache. Wenn die Kinder nicht wären und die Hypothek ... Und die Stelle von M. ist ja auch nicht sicher. Sicher schon, er wird jetzt stellvertretender Schulleiter. Aber wie lang er noch durchhält, weiss ich nicht."
Besuch
Die Wohnung ist schick. Zwei Etagen, unten kleine feine Küche, Wohnzimmer mit Essecke, Elternschlafzimmer, Bad, oben die zwei Kinderzimmer, zweites Bad, alles Ikea plus, Abstellraum und Tiefgaragenplatz, kleines Auto.
"Hübsch habt ihr´s hier."
"Brauchst dich nicht verstellen. Weiss schon, dass du das spiessig findst."
"Wo ist F. ?"
"Der kommt gleich runter. Hat die Kinder ins Bett gebracht."
"Und ?"
"Naja, geht nicht schlecht. Wir sind alle ganz glücklich mit der neuen Wohnung. Bei F. läuft der Job. Der Kleine ist jetzt im Kindergarten. Jetzt kann ich bischen zuverdienen."
"F. ist immer noch bei der Firma ?"
"Ja. Weisst du, dass das jetzt schon fünfzehn Jahre sind ?"
"Tatsächlich, fünfzehn Jahre, Wahnsinn."
"Inzwischen verdient er nicht mehr so schlecht. Klar, die Wohnung kostet neunhundert, dann das Auto, die Kinder ... Aber wir kommen gut über die Runden, und jetzt verdien ich ja auch bischen dazu."
"Hallo F. Na, hast du ihnen ein Schlaflied gesungen ?"
"Hi. Wie gehts dir ?"
"Naja, schlag mich so durch. Aber bei euch läufts ganz gut, hör ich ?"
Es gibt Pizza, selbstgemacht, das ist F.s Spezialität, Chianti. Ein Gespräch über dies und das, über wie das Leben so ist, so geworden ist. F. sagt, dass die Niederlassung gut läuft.
"Der Job ist sicher ?"
"Ja, schon. Naja, was heisst sicher, man weiss nie, was denen einfällt. Du bist halt immer im Stress. Ich organisier jetzt gut hundert Transporter, zehn LKWs. Alles Subunternehmer, wir haben selbst kein einziges Fahrzeug. Das ist schon scheisse mit den Subs, weisst du. Wir lassen sie grad so knapp überleben. Das ist schon Wahnsinn, was wir aus denen rausholen. Und sie machen es praktisch für nichts, nur fürs Überleben. Ich würd das im Leben nicht machen. Aber ich muss denen alles aufdrücken."
Vorarlberg
Ein Touristen-Kunstort auf 1400 Meter Höhe, wunderschöne Gebirgslandschaft. Die Gipfel da drüben, das ist schon Italien, und da drüben, das ist schon Schweiz. Ein Pulk Leute quillt irgendwie von unten, über eine Rolltreppe, auf die Strasse raus. Über dem Ausgang hängt ein Schild, ein weisses U auf blauem Grund. Ich mach ein Spässchen und sag:
"Ihr habt wohl eine U-Bahn hier ?"
Das ist aber gar kein Spässchen. U. sagt:
"Was meinst du denn, klar haben wir eine U-Bahn. Vier Stationen. Dorfeingang, Kirche, Supermarkt, Seilbahn. Autos sind ja verboten, und alles zu Fuss wär zu weit."
Heute hat U. ihren freien Tag. Dann kommen wieder sechs Tage Dienst. Service im Fünfsterne-, Dreihauben-Hotel, neun Stunden am Tag, öfter mal mehr, öfter mal fällt der freie Tag aus. Festgehalt, Überstunden und ausgefallene freie Tage werden nicht zusätzlich bezahlt. Das gehört halt dazu, wenn man im Hotel arbeitet.
"Schicker Schuppen."
"Na, was meinst du denn ?! Darf ja auch sein. Weisst du, was die Nacht hier kostet ? Fünfhundert Euro fürs Doppelzimmer, allerdings inklusive Halbpension beim Dreihaubenkoch."
"Und was kriegst du ?"
1350 im Monat, plus Unterkunft und Verpflegung."
"Findest du das in Ordnung ?"
"Blödmann. Was soll ich denn machen. Sags mir, was denn ?"