Zahlen und Menschen: Beispiel Rumanien
"Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefaelscht hast", heisst ein Witzchen, da unter Statistikern umgeht. Die Hohe Schule der Statistikfaelscher ist die Wirtschafts- und Sozialstatistik. Dabei ist freilich zu unterscheiden zwischen den Zahlen fuers grosse Publikum und denen, die man fuer geschaeftliche Entscheidungen braucht. Die Pflege des Massenbewusstseins und faktengestuetzte Geschaeftspolitik erfordern jeweils andere Statistiken. Beispiel:
http://innopas.eu/fileadmin/innotrans/Laenderinfos/Die_zwei_Neuen.pdf :
Angaben zur wirtschaftlichen Lage in Rumaenien:
BIP 2003. 49,1 Mia E
BIP 2005: 72,7
BIP pro Kopf 2003: 2260 E/Jahr
BIP pro Kopf 2005: 3351
Reales BIP-Wachstum 2005: 4,1 %
Na, es geht doch aufwaerts mit den Rumaenen ... Wenn sie so weitermachen, wird noch was aus ihnen. - Ist ja auch klar, jetzt, wo sie die freie Marktwirtschaft wiederhaben, werden sie mit der Zeit aus dem vom Sozialismus hinterlassenen Elend schon herauskommen ...
Sogar die Arbeitslosigkeit ist nicht wirklich schlimm:
5,8 % im Jahr 2005
weist die Statistik aus.
- Die Zahlen vermitteln ein Bild, das das ziemlich genaue Gegenteil der Wirklichkeit ist. Rumaenien ist nach der Ruckkehr zum Kapitalismus nicht reicher, sondern aermer geworden. Die Masse der Bevoelkerung lebt nicht besser, sondern viel schlechter. Die Abhaengigkeit des Landes von fremden Regierungen ist nicht geringer, sondern viel groesser geworden. Rumanien kann nur noch mit grossen Einschraenkungen ein souveraenes Land genannt werden.
Die zitierte innopas-Seite weiss dazu das Folgende:
Die in Rumänien gezahlten Niedrigst- und Mindestlöhne liegen unterhalb der gewöhnlichen Lebenshaltungskosten.
In der Folge haben sich breite Unterschichten herausgebildet, die etwa
70% der Bevölkerung ausmachen sollen.
Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb des Existenzminimums in tiefer Armut, d.h. mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 50 € monatlich.
Ein weiteres Drittel der Gesellschaft lebt in Armut mit monatlichen Einkünften
zwischen 50 und 150 € pro Person.
Als Mittelschicht (mit Einkommen zwischen 250 und 350 € pro Haushaltsmitglied) kann ein Zehntel der Bevölkerung eingestuft werden.
Zur oberen Mittelschicht mit Einkommen zwischen 500 bis 1.000 € pro Person zählen etwa 3% der Gesellschaft.
Diejenigen, die als Oberschicht angesehen werden können und die insbesondere in den letzten 10 Jahren teils sehr beträchtliche Vermögen angehäuft haben, machen nur rund 1% der rumänischen Bevölkerung aus.
In keinem anderen EU-Land sind die gesellschaftlichen Gegensätze so fundamental wie auch augenfällig: Auf der einen Seite stehen die vom wirtschaftlichen Strukturwandel begünstigten städtischen Großräume, in denen Beschäftigung und Einkommensmöglichkeiten stärker wachsen und deren Bevölkerung sich überdurchschnittlich stark nach Westen ausrichtet. Auf der anderen Seite gibt es eine Bevölkerungsmehrheit, die arm ist, bei der die Modernisierung der Wirtschaft kaum ankommt, die nur geringe Aussicht auf Arbeit hat, deren Sozial- und
Lebensstandard folglich sehr gering ist und die in den ländlichen Milieus von ökonomischen und sozialen Verbesserungen kaum erreicht wird..
Was die angeblich relativ niedrige Arbeitslosigkeit angeht, weiss die innopas-Seite noch:
... brachten der Zusammenbruch der Wirtschaft und die damit einhergehenden Arbeitsplatz- und
Einkommensverluste eine regelrechte Stadtflucht mit sich. Mittlerweile leben und arbeiten über
40% (1990 etwa 30%) der Bevölkerung von und in der Landwirtschaft. Ein weiteres
Bevölkerungsdrittel betreibt Nebenerwerbsland- und Gartenwirtschaft, mit denen Lohn- und
Renteneinkommen ergänzt werden.
Mit "Zusammenbruch der Wirtschaft" ist die Rueckkehr zum Kapiatlismus gemeint. Die angeblich niedrige Arbeitslosenzahl geht - abgesehen davon, das diese auch noch im engeren Sinn gefaelscht ist - darauf zurueck, dass ein bedeutender Teil der Bevoelkerung sich auf dem Land mit Subsistenzwirtschaft am Leben halten muss.
In dem Zusammenhang zur Landwirtschaft:
Das gaengige Bild ist, die Landwirtschaft sei in ihrer Verfasstheit als Genossenschaften oder Staatsbetriebe in den sozialistischen Zeiten unproduktiv gewesen, und die privat betriebene Landwirtschaft sei der sozialistischen ueberlegen. Die Zerschlagung der Genossenschaften und Staatsbetriebe wúrde nach der Konterrevolution in Osteuropa als angebliche Errungenschaft gefeiert. Ueber den rumaenischen Fall schreibt innopas dagegen:
Diese erwerbsstrukturell hohe Konzentration in der Landwirtschaft hat zwei hausgemachte Ursachen: Zum Einen wurden im Zuge der Auflösung der Genossenschaften und Staatsfarmen durchaus rentabel wirtschaftende Großbetriebe in mehr als 3,5 Millionen private Höfe und Kleinstbetriebe zerschlagen, die dann wirtschaftlich kaum (über-)lebensfähig waren und die deshalb auch überwiegend für den Eigenbedarf wirtschaften. Im Ergebnis hierzu sank die landwirtschaftliche Produktion rapide und das Agrarland Rumänien musste selbst Grundnahrungsmittel aus dem Ausland importieren.
Fuer die ueberwiegende Mehrheit der Rumaenen bedeutete die Rueckkehr zum Kapitalismus eine Verschlechterung ihrer Lebensverhaeltnisse, und fuer einen betraechtlichen Teil den Absturz in existentielle Armut. Aber wenigstens wachsen das BIP und das BIP-pro-Kopf recht ordentlich. In der Statistik.