Zwangslügner in der BRD zur Zwangsarbeit in der DDR
Mit mehreren in den letzten Tagen erschienenen Artikeln führt die FAZ zur Zeit eine kleine Nebenbei-Kampagne in Sachen "Unrechtsstaat DDR", in der es darum geht, dass IKEA in der DDR habe Möbel fertigen lassen, die von "Zwangsarbeitern" produziert worden seien (Im letzten dieser gewissenhaft journalistischen Erzeugnisse wird auch Kuba Zwangsarbeit verordnet.) "Zwangsarbeit" im "Unrechtsstaat DDR", na, was denn sonst !?
Die Lügenkampagne hat mir ein Erlebnis aus den 1970er Jahren wieder ins Gedächtnis gerufen. Ich nahm als junger Student an einer Delegation in die DDR teil, die vom der DKP nahestehenden Marxistischen Studentenbund Spartakus organisert wurde. Unter anderem besichtigten wir einen Betrieb, in dem Heizkörper produziert wurden. Zufällig kam ich mit einer jungen Arbeiterin, sie mochte Mitte Zwanzig sein, in ein längeres Gespräch. Zwischen uns war wohl "Sympathie auf den ersten Blick".
Sie erzählte mir aus ihrem Leben. Das war nicht gerade das Bilderbuchleben einer Arbeiterin in der DDR. Sie hatte gerade zwei Jahre gebrummt, wegen eines nicht schönen Delikts. In diesen zwei Gefängnisjahren hatte sie gearbeitet und dafür normalen Lohn erhalten, von dem zwar ein kleinerer Teil für die Versorgung im Gefängnis abgezogen wurde, der grössere Teil aber ausgezahlt bzw. auf ein ihr gehöriges Konto gelegt wurde. Nach Verbüssung der Strafe hatte sie ein Sümmchen, das den Übergang in ein normales Leben erleichterte. Noch während der Haftzeit wurde ihr eine Arbeitsstelle, eben in besagtem Heizkörper-Betrieb, und eine Wohnung vermittelt. Die Gewerkschaft vermittelte ihr nach Arbeitsantritt ausserdem einen "Paten", einen älteren Kollegen, der sie ein wenig in seine Familie einbezog und ihr dabei half, sozialen Anschluss zu finden. Die junge Frau war recht zuversichtlich, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.
So gut, wie das bei ihr gelaufen ist, ist das wahrscheinlich nicht immer gelaufen. Aber die im Vergleich zu Westdeutschland minimale Rückfallquote von Straftätern in der DDR spricht dafür, dass es meistens so gelaufen ist. Vielleicht war in Wirklichkeit auch in ihrem Fall nicht alles so ideal, wie die Frau es mir darstellte. Aber unbestreitbar ist, dass in der DDR viel getan wurde, um straffällig gewordene Bürger wieder zu integrieren, und dass dies mit grossem Erfolg getan wurde.
Vor Beginn des Studiums hatte ich als Wehrdienstverweigerer im Bezirkskrankenhaus Haar (bei München) gearbeitet. Dort gab es sogenannte Arbeitstherapien. Die Therapie bestand darin, die Insassen - so muss man sie nennen, denn sie wurden wie Gefängnisinsassen behandelt - Elektrostecker zusammenschrauben, Ringbücher und dergleichen herstellen oder Tüten kleben zu lassen, und zwar durchaus nicht therapeutisch, sondern im Fliessbandbetrieb und durchaus mit Druck auf gehörigen Produktionsausstoss hin. Die kranken Leute erhielten dafür "Löhne" so zwischen zwei und acht DM - pro Woche. Das war wirkliche Zwangsarbeit im Sinn des Wortes, praktisch Sklavenarbeit.
So viel zu Unrechtsstaat und Zwangsarbeit. Ach ja, eine kleine Bitte noch an die gewissenhaften FAZ-Journalisten: Wie wäre es mit einer Recherche über Zwangsarbeit in der BRD ? Die Geschichte muss doch "aufgearbeitet" werden, nicht wahr ? Und doch nicht nur die Geschichte der DDR ? Oder muss die Geschichte umgelogen werden ? Und wer nicht ordentlich lügt, riskiert seinen Job ? Die Freiheit, jeden beliebigen dämlichen Schmarren zusammenzulügen - ist es das, was ihr unter Pressefreiheit versteht ?