Arm ab

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Durch die spanischen Medien geht seit zwei Tagen diese Geschichte: Ein Arbeiter in einer Brotfabrik, ein junger Mann aus Lateinamerika ohne Papiere und vom Unternehmer "schwarz" beschaeftigt, hat sich an einer Maschine den Arm abgeschnitten. Man verband den Stummel, warf den Arm in die Muelltonne, und brachte den Verunfallten in die Naehe eines Krankenhauses. Die letzten zweihundert Meter dorthin musste er allein zuruecklegen. Man schaerfte ihm ein, ja nicht zu sagen, dass er seinen Arm in der Brotfabrik verloren habe.

An Letzteres hielt sich der Verunfallte nicht, so dass die Medien jetzt fuer ein paar Tage eine Geschichte ausschlachten, ueber die sich jedermann aufregen kann. Es wurde bekannt, dass der Unternehmer alle Sicherheitseinrichtungen an den Maschinen hatte abschalten oder demontieren lassen, weil sie die Produktionsgeschwindigkeit behinderten. Der Betrieb ist jetzt zugesperrt ,und auf den Unternehmer wird "die ganze Haerte der Gesetze fallen", wie der Arbeitsminister versichert.

Das wird auch so sein, in seinem Fall. Die oeffentliche Aufregung ist trotzdem heuchlerisch. Denn jedermann weiss, dass Zustaende wie in dieser Brotfabrik gang und gaebe sind, bloss dass sich erst darueber aufregt wird, wenn jemand seinen Arm verliert. Bei Arbeitsunfaellen verlieren aber jaehrlich ungefaehr tausend Menschen ihr Leben, von den Verstuemmelten nicht zu reden. Darueber hoert man aeusserst selten etwas. Die Kontrollbehoerde, die die Einhaltung der Gesetze ueber Arbeitssicherheit ueberwachen soll, laesst die zum Himmel schreienden Rechtsverstoesse der Unternehmer zu. Die Regierung weiss von nix. Die Proteste der Gewerkschaften laufen ins Leere.

Der Arbeits- und Lebensalltag ist fuer einige Millionen Menschen in Spanien nicht weit von den Verhaeltnissen entfernt, die im 19. Jahrhundert der Stoff fuer die Geschichten von Charles Dickens waren.- Unglaubliche Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten bis zu 16 Stunden am Tag, Loehne von weniger als drei Euro die Stunde, ein Bett in einer ueberfuellten Wohnung zum Wucherpreis, sogar knapp zu essen. Und nach der offiziellen Statistik sind 3,6 Millionen arbeitslos, in Wirklichkeit viel mehr.

Das ist die rueckwaertige Seite des "spanischen Wirtschaftswunders" der letzten Jahrzehnte. So kommt die Glitzerfassade ueberhaupt erst zustande.

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Veröffentlicht in Spanien

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