Reformunfaehigkeit im Gesundheitswesen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner



Die Koalitionsunterhaendler haben ein Loch in der Finanzierung des Gesundheitswesens entdeckt. 2,9 Milliarden der laufenden Kosten fuer dieses Jahr koennen nur ueber einen Kredit gedeckt werden. Im Vergleich mit den Summen, die der Staat den Banken und Spekulanten nachschmeisst, sind das Peanuts. Aber das passt zu den jahraus, jahrein gefuehrten Klagen ueber die "Kostenintensitaet" der medizinischen Versorgung und zu den horrenden Beitragssaetzen der Krankenkassen.

Die Gruende fuer die "Kostenintensitaet" liegen auf der Hand. Es liegt am zum groessten Teil privat organisierten Gesundheitswesen. Es liegt daran, dass ein allgemeines Beduerfnis zum Feld der Profitwírtschaft gemacht worden ist. Mehrere hundert Krankenkassen machen sich gegenseitig Konkurrenz . Jede hat einen eigenen Verwaltungsapparat. Jede muss Gewinn erwirtschaften. Anderenfalls wird sie von der kapitalkraeftigeren Konkurrenz geschnappt. Die Pharmakonzerne rechnen Phantasiepreise ab.  In Spanien kostet das selbe Bayer-Produkt oft nur zwanzig Prozent des in Deutschland vertriebenen, und man darf sicher sein, dass Bayer auch in Spanien trotzdem noch satte Profite macht. Die Macht der Pharmakonzerne und ihre Moeglichkeiten, die Aerzte zu bestechen, bewirken, das die Heilmethoden einseitig auf chemische Mittel ausgerichtet sind. Die privaten Aerzte muessen wie Unternehmer handeln, weil sich ihre Praxen anderenfalls nicht rechnen. Wenn sie jemanden gesund machen, schneiden sie sich das eigene Geschaeft ab. So geraet der Eid des Hippokrates in Konflikt mit dem Zwang zum Geschaeftemachen. Es ist klar, wer in der Regel gewinnt.

Die Loesungsmoeglichkeit des Problems liegt ebenfalls auf der Hand: Verstaatlichung der medizinischen Versorgung und der medizinischen Industrie; Versorgung der Bevoelkerung mit medizinischen Leistungen zu den wirklichen Kostpreisen; nicht aerztliches Unternehmertum, sondern Aerzte als staatliche Angestellte. Die Aerzte und das medizinische Hilfspersonal haben einen verantwortungsvollen Beruf, leisten vielfach Schichtdienst und machen bei Bedarf Ueberstunden. Das muss gut bezahlt werden. Es spricht auch nichts gegen Privatpraxen, wenn diese sinnvoll in das oeffentliche Gesundheitssystem eingebunden werden. Nun werden die meisten Aerzte auch heute nicht reich. Diejenigen aber, die sich mit dem Gesundheitsgeschaeft zu Multimillionaeren machen, braucht kein Mensch.

Gerade in Deutschland gibt es eine jahrzehntelang erprobte Erfahrung mit einem staatlichen Gesundheitswesen. Das gab es in der DDR. Die Erfahrungen koennten ausgewertet und genutzt werden.

Aber es handelt sich eben nicht um ein Problem, bei dem die Interessen der Bevoelkerung und der Beschaeftigten des Gesundheitswesens die Entscheidungskriterien sind. Die Entscheidungen ueber Inhalt und Organisation des Gesundheitswesens folgen Kriterien, die damit gar nichts zu tun haben - der neoliberalen Religion, dass alles ueber den Markt geregelt werden und alles Profit bringen muesse. Diese Religion hat ihre Priesterschaft. Das sind diejenigen, die den Profit machen und diejenigen, die politisch durchsetzen, dass sie ihn machen koennen und das weitere Geschaeft garantiert bleibt - die Lobby der Pharma-Industrie und der Industrie fuer medizinische Geraete; die privaten Krankenkassen; die jenigen Aerzte, die mehr Unternehmer als Aerzte sind; und die politischen Garanten dieses disfunktionalen, seinen Augaben nicht gerecht werdenden und auch noch voellig ueberteuerten Systems.

Richtung USA oder Richtung DDR: So steht die Frage; nicht nur im Gesundheitswesen. 


 
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Veröffentlicht in Deutschland

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G
<br /> <br /> Ich möchte noch etwas ergänzen.<br /> <br /> <br /> Durch den Zwang zur  Provit-Orientiertheit der Ärzte, geht das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient vollkommen den Bach herunter. Wenn der Arzt etwas verschreibt oder anordenet,<br /> kann der Patient in der Zwischenzeit nicht mehr erkennen, hat der Arzt dies getan, damit es ihm, dem Patienten hilft, oder damit des dem Arzt, seinem Geldbeutel hilft.<br /> <br /> <br /> Als weiteres, sagt jede ärztliche Logik, Vorbeugen ist billiger als Heilen. Betrachtet man sich unter dem Gesichtspunkt das Gesundheitssystem, ich schreibe extra nicht "unser Gesundheitssystem",<br /> so muß der Patient heute schon fast alle Vorsorgeuntersuchungen selbst bezahlen. Mit anderen Worten st die von den Pharmakonzernen gegängelte Krankenkasse an einem Vorbeugen, an einer<br /> Kranken-Früherkennung, nicht interessiert. Sie würde die Gewinne der Pharmakonzerne schälern.<br /> <br /> <br /> Vor vielen Jahren, als die Leistung für Brillen aus dem Angebot der Kassen komplett gestrichen wurde und gleichzeitig die Voruntersuchung zum Grauen Star für jeden Kostenpflichtig wurde, habe ich<br /> dazu schon einmal meine Krankenkasse angeschrieben.<br /> <br /> <br /> Vorbeugen ist billiger als Heilen - in dem Fall nicht - da auch die Blindenbrille vom Blinden selbst getragen werden muß spart die Krankenkasse wirklich<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Gruß<br /> <br /> <br /> Günther Wassenaar<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> "Vertrauensverhaeltnis zwischen Arzt und Patient vollkommen den Bach runter": Genau. Bei der gegenwaertigen Organisation des Gesundheitswesens kann das auch gar nicht anders sein. Die Einrichtung<br /> oder Uebernahme einer Privatpraxis z.B. kostet ab 500 000 Euro aufwaerts. Das ist eine "Investition", die sich anschliessend "amortiseren" und letzten Endes ja auch noch Gewinn abwerfen muss. Das<br /> zerreist den Arzt in einerseits Arzt, andererseits Unternehmer. Und Arzt kann er nur sein, wenn er "erfolgreich", d.h. profitabel, als Unternehmer agiert. - Voellig klar und zwangslaeufig, was<br /> dabei in aller Regel herauskommt. Ich kenne ein paar Aerzte, die darueber selbst ganz ungluecklich sind, aber sie kommen dem System eben nicht aus, koennen allerbestenfalls die Folgen der<br /> Profitwirtschaft ein wenig mildern, indem sie die Ethik nicht ganz vergessen - und sich dabei ins eigene Fleisch schneiden. Das ist einfach absurd; aber im Sinn der kapitalistischen Verhaeltnisse<br /> "logisch". - Das heisst, es sind diese kapitalistischen Verhaeltnisse, in dem Fall im Gesundheitsbereich, die absurd sind.<br /> <br /> <br />