Der Ford-Hungermarsch von 1932
Diesen Text habe ich im RotFuchs, Ausgabe August 2010, gefunden:
Der Ford-Hungermarsch von 1932
Eine legendäre Klassenschlacht der USA-Autoarbeiter
Am 7. März 1932 wurde eines der blutigsten Kapitel in der Geschichte der Arbeiter von Detroit geschrieben: der Ford- Hungermarsch.
Im Oktober 1929 war in New York der Aktienmarkt zusammengebrochen. 1930 hatten
Millionen im amerikanischen Mittelwesten keine Arbeit mehr. Am härtesten traf es die Autometropole Detroit, die weltweit als Beweis der Prosperität des Kapitalismus galt.
Für den 6. März 1930 riefen die Liga für Gewerkschaftseinheit, die KP der USA und deren Jugendverband YCL sowie die kurz zuvor gebildeten Arbeitslosenräte zu einer nationalen Protestdemonstration auf.
Unter deren Millionen Teilnehmern befanden sich auch 100 000 kampfbereite Männer und Frauen der Autoarbeiterhochburg Detroit, das man in den USA als Motor City bezeichnete.
Die Polizei griff die Demonstranten brutal an, schlug viele von ihnen zusammen und
verhaftete Hunderte Proletarier.
Zwei Jahre später hatte sich die Krise noch mehr vertieft und ausgeweitet. Jeden Tag
starben vier Detroiter an Hunger. Arbeitslosenunterstützung wurde nicht gezahlt.
Nachdem zwei Drittel der Autowerker auf die Straße geworfen worden waren, erklärte Henry Ford – damals der reichste Mann der Welt – in Westerwelle-Manier, die Erwerbslosen seien an ihrem Elend selbst schuld, da sie nicht hart genug geschuftet hätten.
Das Netzwerk der Detroiter Arbeitslosenräte entwickelte sich zum effektivsten in den USA und rettete durch die von ihm organisierte Solidarität unzählige Familien vor dem Absturz ins nackte Elend. Inzwischen bestanden über 80 Gliederungen dieser Räte. Sie riefen für den 7. März 1932 zu einem Marsch auf den in Dearborn (Michigan) gelegenen River-Rouge-Komplex
des Fordkonzerns auf. Auch die damals revolutionäre Gewerkschaftszentrale United Auto Workers (UAW) unterstützte die Aktion.
Es wurden 14 Forderungen erhoben:
Jobs für alle entlassenen Fordarbeiter;
sofortige Auszahlung des halben
Lohnes;
Siebenstundentag ohne Kürzung
der Bezüge;
Verringerung der Arbeitshetze;
zwei fünfzehnminütige Pausen pro
Schicht;
keine Diskriminierung schwarzer
Kollegen;
Einführung eines medizinischen
Dienstes;
kostenlose Behandlung beschäftigter
und erwerbsloser Fordarbeiter und
ihrer Familien im Krankenhaus des Unternehmens;
fünf Tonnen Kohle und Koks
für den Winter;
Abschaffung der Service
Men, wie Fords Privatarmee aus Spitzeln
und Streikbrechern firmenoffiziell hieß;
keine Schließung der Arbeiterheime des
Unternehmens;
sofortige Auszahlung von
50 Dollar als Winterzuschuß;
ungekürzte Löhne für Zeitarbeiter;
Abschaffung des Bestechungssystems bei Neueinstellungen;
Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Tausende Fordarbeiter nahmen an dem Protestmarsch teil. Ihnen gingen Solidaritätsadressen
aus dem In- und Ausland zu. Die Demonstranten forderten Freiheit für die Scottsboro Boys – neun junge Schwarze, die grundlos der Vergewaltigung zweier weißer Frauen bezichtigt wurden.
„Hände weg von China!“ skandierten die Teilnehmer, wobei sie sich gegen die Lieferung von Schrott an Japan wandten, der umgeschmolzen dessen Aggression gegen China diente.
Der Detroiter Marsch begann zunächst ohne Zwischenfälle. In Dearborn, Henry Fords persönlicher Zitadelle, sah es dann ganz anders aus. Der Cousin des Magnaten,
Bürgermeister Clyde Ford, ließ die Demonstranten schon an der Stadtgrenze mit Tränengas attackieren. Ein Steinhagel auf die Polizisten war die Antwort. Am Eingang zum Fordkomplex spitzte sich die Situation noch mehr zu. Hier kamen auchFeuerwehreinheiten mit ihren Schläuchen und Fords privater „Service“ zum Einsatz. Die Polizei feuerte Salven in die
Menge. Mehrere Arbeiter – unter ihnen der 19jährige Bezirksleiter des Kommunistischen
Jugendverbandes, Joe York – wurden getötet. Man zählte etwa 50 Verletzte.
Als Alfred Goetz, der Vorsitzendedes Detroiter Arbeitslosenrates, den geordneten Rückzug einleiten wollte, schoß Fords Privatarmee mit Maschinengewehren in die Menge. Der als rechte Hand des Autobosses geltende SicherheitschefHarry Bennett wurde als Drahtzieher dieses Feuerüberfalls ausgemacht und durch Steinwürfe verletzt. Bennett selbst schoss daraufhin zwei Revolvermagazine leer. Er und seine Leute ermordeten den 16jährigen Jungkommunisten Joe Bussel und verwundeten etliche Demonstranten. 48 Arbeiter wurden festgenommen, einige davon in ihren Hospitalbetten.
Weitere Repressalien folgten. Hunderte Fordler wurden entlassen, weil sie linke Literatur besessen oder einen Beitrag zu den Beisetzungskosten geleistet hatten. Die bloße KP-Mitgliedschaft war ein Verhaftungsgrund.
Als Joe Bussel zu Grabe getragen wurde, spielte eine Band die Internationale. 80 000 folgten seinem Sarg durch die Straßen Detroits.
Im Juni 1932 erlag Curtis Williams, ein schwarzer Arbeiter, seinen schweren Verletzungen. Der herrschende Rassenterror ließ es nicht zu, daß er gemeinsam mit seinen Genossen bestattet
wurde. Das Beerdigungskomitee charterte daraufhin ein Kleinflugzeug, von dessen Bord aus die Asche des Toten über dem Friedhof verstreut wurde. Der Anwalt Maurice Sugar konnte die
Grand Jury nach monatelangem Tauziehen dafür gewinnen, von einem Strafverfahren gegen die verhafteten Fordarbeiter abzusehen.
Erst 1941 setzten die United Auto Workers ihre Anerkennung als rechtmäßige Vertreter der Fordbelegschaften durch.
1992 kauften die Arbeitsveteranen des UAWOrtsvereins 600 fünf Grabsteine – darunter
einen für Williams – und stellten sie auf die vier Grabstätten. Jeder von ihnen trug die Inschrift „Sie gaben ihr Leben für die Gewerkschaft“.
Inzwischen hat sich die Lage für Amerikas Autowerker nach Jahren der Konjunktur abermals dramatisch verschlechtert. Da dürfte der Gedanke naheliegen, daß bei so manchem die Rede auch wieder auf den Ford-Hungermarsch von 1932 kommen
könnte.
RF, gestützt auf „Workers World“ (USA)
http://www.rotfuchs.net/Zeitung/Aktuell/RF-151-08-10.pdf