Deutschland greift nach der Hegemonie in der EU

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Erkenntnisse einer neuen Zeit
Deutschland greift nach der Hegemonie in der EU
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BERLIN (02.09.2011) - Mit Besorgnis registrieren US-amerikanische Leitmedien das immer offenere deutsche Dominanzstreben in der EU. Zur Bewältigung der Euro-Krise versuche Berlin "seinen Willen in der europäischen Politik in einer Weise durchzusetzen, wie es dies nie zuvor getan" habe, heißt es in einem aktuellen Überblicksartikel in der New York Times. Anlass sind die deutschen Diktate in Sachen "Schuldenbremse" ebenso wie etwa die Forderung, Kreditempfänger müssten ihre Haushaltssouveränität preisgeben. Inzwischen drohen zudem eine wachsende Anzahl von Bundestagsabgeordneten, den von der EU beschlossenen Europäischen Krisenmechanismus EFSF zu Fall zu bringen - ein schwerer Schlag für die vom Staatsbankrott bedrohten Länder. Der Streit zwischen Deutschland und der Mehrzahl der Euro-Staaten erstreckt sich über ein kaum noch zu überblickendes Themenspektrum, das von der Frage, ob "Eurobonds" eingeführt werden sollen, über die EZB-Geldpolitik und die Durchsetzung einer restriktiven Etatpolitik bis hin zur Forderung nach gravierenden Kürzungen bei den Sozialausgaben reicht. Inzwischen stellen Teile des Berliner Establishments sogar zentrale Elemente der "europäischen Integration", etwa den Euro, in Frage.

Vetorecht für Deutschland

Die Auseinandersetzungen um die deutsche Politik in der Euro-Krise spitzen sich zu. Kurz nach der Zustimmung des Kabinetts zur Ausweitung des Europäischen Krisenmechanismus EFSF (European Financial Stability Facility) sind einflussreiche Parlamentarier aus den Regierungsfraktionen mit der Forderung an die Öffentlichkeit getreten, in der entsprechenden Bundestagsabstimmung den Fraktionszwang aufzuheben. Wolfgang Bosbach (CDU) erklärt, es handele sich um eine "Entscheidung von fundamentaler Bedeutung", bei der jeder Abgeordnete "nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden" müsse.[1] Mehrere Abgeordnete aus CDU und FDP machten ihre Zustimmung von umfassenden Mitspracherechten des Bundestages bei künftigen EFSF-Rettungsaktionen abhängig - bis hin zu einem deutschen Vetorecht. FDP-Generalsekretär Christian Lindner erklärt: "Das ist für uns wesentlich, weil es sicherstellt, dass Hilfen einen Ultima-ratio-Charakter behalten und dass Hilfen in Europa nicht gegen Deutschland beschlossen werden können."[2] Inzwischen kursieren Berichten zufolge im Bundestag die Namen von 23 Koalitionsabgeordneten, die der Regierung die Gefolgschaft verweigern wollen. Damit wäre das Kabinett Merkel ohne Mehrheit. Die offene Rebellion in Teilen der Regierungskoalition wird von konservativen Leitmedien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder vom einflussreichen Springer-Verlag unterstützt, die neue finanzielle Verpflichtungen ablehnen. Die Ausweitung des EFSF ginge mit einer Erhöhung der entsprechenden Staatsgarantien von 440 Milliarden Euro auf 780 Milliarden einher; der deutsche Anteil würde sich von 123 Milliarden auf 211 Milliarden Euro vergrößern.

Souveränität preisgeben

Der eskalierende Streit in der Bundesregierung findet seine Entsprechung in Auseinandersetzungen in den großen Wirtschaftsverbänden. Ende August erneuerte Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, seine Forderung nach der Einführung von gemeinsamen Anleihen in der Euro-Zone ("Eurobonds")[3]: Nur mittels dieses "starken Signals" könnten die Finanzmärkte beruhigt werden. Andernfalls drohe eine Eskalation der Schuldenkrise, die zu "einer Rezession, im schlimmsten Fall zu einer weltwirtschaftlichen Depression" führen könne. Der Außenwirtschaftsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, sprach sich hingegen klar gegen Eurobonds aus. Sie würden eine "unsolide" Haushaltspolitik in der Euro-Zone befördern; erst wenn die von der Pleite bedrohten Staaten bereit seien, ihre haushaltpolitische Souveränität preiszugeben, könne man über die Einführung von Eurobonds reden.[4]

Die Welt des 21. Jahrhunderts

Der harte Kurs der Bundesregierung, der mit ungeschminkter Dominanz über die EU verbunden ist und auch darüber hinaus mit verstärkten Großmachtbestrebungen einhergeht (german-foreign-policy.com berichtete[5]), bildet den Hintergrund für die jüngsten Angriffe zweier Ex-Kanzler gegen die Regierung Merkel. Die "Westbindung" Berlins habe jahrzehntelang zum Fundament bundesdeutscher Außenpolitik gehört; die aktuelle Entwicklung werfe jedoch die Frage auf, "wo Deutschland heute eigentlich steht und wo es hin will", schrieb Helmut Kohl in einem Beitrag für die Zeitschrift Internationale Politik: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alles verspielen. Wir müssen dringend zu alter Verlässlichkeit zurückkehren". Helmut Schmidt schloss sich seinem Amtsnachfolger an: "Für mich ist der Kernsatz in Kohls Kritik: Man muss sich auf die Deutschen verlassen können. Und das ist gegenwärtig weder in Paris noch in London noch in anderen Hauptstädten in Europa der Fall".[6] Außenminister Guido Westerwelle räumte indirekt eine Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik ein: "Für uns ist nicht nur entscheidend, dass wir alte Partnerschaften pflegen, Freundschaften vertiefen, sondern in der Welt des 21. Jahrhunderts ist es auch notwendig, die neuen Kraftzentren der Welt ernst zu nehmen und neue strategische Partnerschaften aufzubauen." Hierbei soll es sich laut Westerwelle allerdings nicht um einen "Kurswechsel", sondern um die "schlichte Erkenntnis einer neuen Zeit" handeln.[7]

Ökonomische Verschiebung

Die in der Euro-Krise deutlich zutage tretende rücksichtslose Durchsetzung deutscher Interessen in der EU wird im Ausland aufmerksam rezipiert. Seit seiner wirtschaftlichen Erholung 2010 fühle sich Deutschland frei, "seinen Willen in der europäischen Politik in einer Weise durchzusetzen, wie es dies nie zuvor getan" habe, urteilt etwa die New York Times.[8] Dabei würden Deutschlands "nationale Interessen - und sogar die politischen Interessen seiner Anführer - vor die Einheit" Europas gestellt, die Berlin zuvor so lange gefördert habe. Die New York Times schreibt diese Umorientierung ökonomischen Ursachen zu. Da weite Teile Europas in Stagnation verharrten und "mit einer Schuldenkrise konfrontiert" seien, habe Deutschland verstärkt sein "Geld und seine Energie außerhalb der Eurozone eingesetzt, um sein robustes Wachstum anzutreiben".[9] Die Eurozone bleibe zwar weiterhin der wichtigste Markt der deutschen Exportindustrie, doch sinke ihr Anteil beständig. Diese "ökonomische Verschiebung" habe "wichtige Konsequenzen" innerhalb Europas: "Während Deutschland weniger abhängig von den Märkten der Eurozone ist, gibt es Anzeichen dafür, dass es auch strikter mit seinen angeschlagenen Partnern wie Griechenland, Italien und Portugal umgeht, was den Druck auf die ohnehin angespannte Europäische Union verstärkt."

Nach deutschem Modell

Der aus der der rasch voranschreitenden Krisendynamik resultierende Druck innerhalb der EU entlädt sich in immer neuen Angriffen deutscher Spitzenpolitiker auf EU-Institutionen und -Mitgliedstaaten. Jüngst griff Bundespräsident Christian Wulff die Europäische Zentralbank (EZB) in ungewöhnlich scharfer Form an. Er forderte die EZB auf, die Aufkäufe von Staatsanleihen zur Stützung der südeuropäischen Schuldenstaaten rasch einzustellen. Wulff nannte diese oftmals als "Quantitative Easing" bezeichnete Praxis "rechtlich bedenklich".[10] Ähnlich argumentierte gestern Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der überdies abermals vor einem "Marsch in die Transferunion" warnte.[11] Inzwischen prescht auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen mit neuen Forderungen vor.[12] Von der Leyen verlangt von denjenigen Eurostaaten, die aufgrund der enormen deutschen Außenhandelsüberschüsse[13] nun vor der Staatspleite stehen und durch Notkredite gestützt werden müssen, "Sicherheiten" in Form von Goldreserven oder Industriebeteiligungen. Inzwischen kann Berlin bereits handfeste Erfolge bei der Umgestaltung der EU nach deutschem Modell verbuchen: So haben Spanien und Portugal eine "Schuldenbremse" in ihren Verfassungen verankert.[14]

Gegen Null

Dabei ist Deutschland selbst von neuen Krisen bedroht. Seine rasche ökonomische Erholung ist auf seine extreme Exportfixierung zurückzuführen. Nach dem Kriseneinbruch 2008 wurden weltweit Konjunkturprogramme im Umfang von rund drei Billionen US-Dollar aufgelegt, von denen gerade die deutsche Exportindustrie profitieren konnte. Ihr gelang es - durch jahrelange Niedriglohnpolitik gestärkt - besonders gut, diese durch staatliche Verschuldung generierten Mittel zu nutzen. Die weltweit aufgelegten Konjunkturprogramme, die in den USA und in China den größten Umfang hatten, liefen zumeist Mitte 2010 aus; seitdem befindet sich die globale Konjunktur im Sinkflug. Die EU, die in Relation zum BIP weit geringere Mittel aufwandte als die USA und China, befindet sich bereits am Rande der Rezession - und auch beim Krisenprofiteur Deutschland mehren sich die konjunkturellen Warnsignale. Dabei wirkt die Exportfixierung der deutschen Industrie prozyklisch, weshalb der Wirtschaftseinbruch in Deutschland 2009, aber auch die anschließende Erholung weitaus heftiger als in anderen Industrieländern verliefen. Da die meisten Industriestaaten aufgrund der ausufernden Schuldenkrise heute kaum noch Möglichkeiten haben, weitere Konjunkturpakete aufzulegen, dürfte der nun einsetzende globale Abschwung auch Deutschland bald hart treffen. Die ersten ökonomischen Schockwellen dürften aber auch die ohnehin geringe Kompromissbereitschaft Berlins in den innereuropäischen Konflikten gegen Null tendieren lassen.


Anmerkungen:
-1, -2 Abgeordnete sollen bei Euro-Rettung frei entscheiden; www.abendblatt.de 31.08.2011
-3 s. dazu Der Krisenprofiteur
-4 Tomasz Konicz: Pulver verschossen; www.konicz.info 27.08.2011
-5 s. dazu Alleingänge und Renationalisierung
-6 Nach Kohl rügt auch Helmut Schmidt Schröders Politik; www.welt.de 31.08.2011
-7 Merkel weist Kohl-Kritik zurück; www.ftd.de 25.08.2011
-8 Germany; topics.nytimes.com
-9 Europe's Economic Powerhouse Drifts East; The New York Times 18.07.2011
-10 Wulff kritisiert Europäische Zentralbank; www.abendblatt.de 25.08.2011
-11 Weidmann kritisiert Europas Regierungen - und die EZB; www.handelsblatt.com 01.09.2011
-12 s. auch Die Germanisierung Europas
-13 s. dazu Die deutsche Transferunion
-14 Portugal will Schuldenbremse einführen; www.handelsblatt.com 31.08.2011


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R
<br /> <br /> @ almabu:<br /> <br /> <br /> Du schriebst: "Um es klar zu sagen, Deutschland kann nicht realistischerweise ohne die EU existieren!"<br /> <br /> <br /> Das halte ich für eine sehr verhängnisvolle These. Die EG/EU ist in den 1950ern gegründet worden als Zweckbündnis zwischen Deutschland und Frankreich. Beide wollten mittels Kerneuropa-Strategie<br /> mehr ökonomischen und politischen Spielraum gegenüber den USA erhalten. Deutschland ging es zudem darum, sich mittels dieser Partnerschaft schrittweise wieder zur vorherigen Stärke<br /> hochzuarbeiten. Bei Frankreich war ging es hingegen auch darum, den deutschen Konkurrenten einzubinden, damit der nicht wieder einmal einen Alleingang macht. Nach 1990 mit dem Anschluss der DDR<br /> ist der deutsche Imperialismus wieder derart erstarkt, dass neben der Kerneuropa-Strategie mittlerweile auch die zweite Option eines Alleingangs möglich wurde. Zuerst hat das deutsche<br /> Monopolkapital sich Mittelost-Europa ökonomisch einverleibt, gleichzeitig den eigenen Militärapparat weg von der Angriffsstellung gegen den sozialistischen Osten hin auf international operierende<br /> deutsche Kampfverbände umstrukturiert. Mittels des 2001 eingeführten Euro hat sich Deutschland dann auch andere Teile der EU massiv durchdrungen per massivem Waren- und Kapitalexport. Allein von<br /> 2001 bis 2010 hat Deutschland einen Handelsüberschuss von insg. 726 Mrd. EUR im Euro-Raum erzielt. Deutschland hat wesentlich mehr aus EU und Euro herausgeholt als Frankreich, das von Deutschland<br /> ökonomisch mittlerweile deutlich abgehängt wurde. Somit kann es sich Deutschland, das einen sicheren Hinterhof Mittelosteuropa besitzt, dazu noch enge ökonomische Beziehungen zum (Engergie- und<br /> Rohstofflieferanten) Russland pflegt und an führender Stelle im ostasiatischen Handel mitmischt, viel eher als Frankreich leisten, den Euro aufzukündigen oder gar die EU zu verlassen.<br /> <br /> <br /> Wie Lenin schon richtig erkannte, ist die Losung der Vereinigten Staaten von Europa entweder unmöglich oder reaktionär. Denn es kann sich letztlich nur um ein temporäres Zweckbündnis handeln.<br /> Entsprechend ja auch die hitzigen Kämpfe um Eurobonds und Euro-Rettungsschirme. Alle wissen, dass es auf mittlere Sicht die EU zerreißen wird. Deswegen haben Frankreich und Großbritannien<br /> mittlerweile ihre Marinekooperation ausgebaut, während Deutschland den russischen Markt enger an sich bindet. Während es im französischen Hinterhof (Nordafrika) derzeit brennt und Frankreich zum<br /> Bombenterror gegen Libyen aufrief, hat sich der deutsche Imperialismus deutlich dagegen positioniert: Die deutsche Außenpolitik zeigt klar, dass sie nur noch für eigene und nicht für französische<br /> Interessen in den Krieg zieht. Ich finde, das sagt schon sehr viel über das derzeitige Verhältnis zwischen diesen beiden imperialistischen Staaten aus.<br /> <br /> <br /> Um noch mal auf den eingangs zitierten Satz zurückzukommen: Die Sache verhält sich ergo andersherum. Deutschland kann sehr wohl ohne die EU existieren, die EU aber nicht ohne Deutschland. Sobald<br /> Deutschland (oder Frankreich) die EU verlassen, wird das ganze Konstrukt zusammenfallen. Momentan geht es noch darum, wer aus der Restmasse am meisten Gewinn herauszieht. Dabei ist meines<br /> Erachtens ebenfalls Deutschland führend, denn das deutsche Monopolkapital will mehrheitlich offenbar lediglich für mögliche Verluste deutscher Banken Staatshilfe gewähren, nicht für die der<br /> EU-Partner.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Und noch eine kurze Bemerkung zum "transnationalen" Kapital. Das Monopolkapital agiert natürlich global, muss es ja letztlich auch, wenn es bestehen will. Aber damit ist das Monopolkapital als<br /> solches natürlich nicht "transnational". Das Monopolkapital weiss ganz genau, wo sein jeweiliger Nationalstaat ist und wo es Hilfe bei der Durchsetzung der eigenen Profitinteressen erhalten kann.<br /> Die Finanzkrise hat das sehr plastisch gezeigt, wie die weltweit agierenden Unternehmen jeweils bei ihrem Nationalstaat aufgelaufen sind, um staatliche Rettungsschirme, Exporthilfen oder<br /> staatlich organisierte Nachfragekampagnen (z.B. die deutsche PKW-"Abwrackprämie") zu bekommen. Und hier ist das deutsche Monopolkapital sogar noch (in Relation zu ihren imperialistischen<br /> Konkurrenten) gestärkt aus der Krise hervorgegangen, weil in den Vorjahren ein enormer Kapitalzufluss aus der EU nach Deutschland floss und zudem mittels jahrelang praktiziertem Reallohnverlust<br /> die Lohnstückkosten massiv gesenkt werden konnten.<br /> <br /> <br /> Das Gerede also von "transnationalem Kapital", wie es einige propagieren, ist letztlich eine Luftnummer. Monopolkapital ist stets national verankert, hat dort seine Hausmacht und Rückhalt. Erst<br /> dadurch wird es überhaupt möglich, auf dem internationalen Handelsparkett zu agieren. Denn notfalls muss der eigene bürgerliche Staat (also "ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte<br /> der ganzen Bourgeoisklasse" seines Landes verwaltet) mittels Kanonenbootpolitik die Interessen seines Kapitals zur Geltung bringen.<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
A
<br /> <br /> Hallo Sepp,<br /> diese Differenz sehe ich so eigentlich nicht? Ich sehe einerseits schon die eigentlichen globalen Klasseninteressen und -kämpfe und andererseits die nationale Organisation der ganzen Welt und<br /> natürlich auch Europas. Die meisten Menschen denken sicher zuerst als Deutsche, Franzosen, Engländer und scheinbar ist Politik zunächst auch „national“ organisiert. Dass wirtschaftliche<br /> Globalisierung und entfesseltes, weltweit floatendes Kapital diese scheinbar heile nationale Welt längst aufgebrochen haben, ist immer noch nicht allen klar.<br /> Eine Deutschland AG, eine deutsche Industrie im Sinne des letzten Jahrhunderts, die gibt es längst nicht mehr. Die Aktien sind weltweit gestreut. Deren Besitzer sitzen in Asien, Amerika, (ja,<br /> auch!) Afrika. Die Werkbänke dieser Industrie sind längst in Billiglohnländer disloziiert. Beispiel: Heute kaufst Du einen VW oder einen Mercedes als Marke und nicht mehr primär als Made in<br /> Germany. Der parallel zur Globalisierung laufende Abbau sozialer Errungenschaften und die Verschlechterung der Lage von Millionen Menschen auch in Deutschland ist aber auch dem Wegfall des<br /> „gesellschaftlichen Gegenmodells“ im Ostblock zu verdanken. Man brauchte jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen, kann allerdings auch einem unbotmäßigen Linken nicht mehr ein hämisches „dann geh’<br /> doch nach Drüben“ hinterher rufen;-))<br /> <br /> Ich bin deshalb selbstverständlich nicht nur gegen den US-Imperialismus sondern auch gegen jeden anderen nationalen, also gegen JEDEN!<br /> <br /> Was meine Europakritik betrifft, richtet sie sich gegen die undemokratische Kopfgeburt die auch schon während des Zweiten Weltkrieges in SS-Wirtschaftskreisen diskutiert wurde und die sich gegen<br /> ein Europa richtet, das national und kapitalistisch organisiert wurde. Es hat in den 50er Jahren, den Weltkrieg in frischer Erinnerung, geradezu zu einer Europa-Euphorie der Jugend geführt. Was<br /> dann real gebaut wurde hat Schritt für Schritt die Unterstützung der Bevölkerungen der EU-Nationen verloren. Die Leute sind halt doch nicht blöd! Diese Wirtschaftsunion hat aber den Europäern<br /> Frieden untereinander gebracht. Diesen Frieden sehe ich jetzt massiv gefährdet, wenn Deutsche pauschal faule, betrügerische Griechen zum Sparen auffordern. Ein europäischer Bürgerkrieg ist für<br /> mich eine reale Möglichkeit und Merkel ist m. E. auf dem Weg dahin...<br /> Also, was muss geschehen? Europa muss sozial und demokratisch legitimiert werden, oder es könnte nur als eine EU-Diktatur gewaltsam überleben. Die gemeinsamen Interessen der Europäer müssen in<br /> den Völkern so stark sein, dass sie nicht wie jetzt, bei Bedarf beliebig von aussen gesprengt werden können.<br /> Das ist meiner Meinung nach der einzige Weg der uns den Frieden und eine soziale Mindestsicherung erhalten kann. Länder mit 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit zum Sparen zu zwingen ist für mich<br /> asozial im wahren Sinne des Wortes. Dazu gehören auch die Vorschläge eines Ex-Kanzlers, Basta!<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Hallo almabu.<br /> <br /> <br /> Zu den Eigentumsverhältnissen (am Bsp der 100 grössten deutschen Konzerne) habe ich Dir gerade einen Link geschickt (in einem Kommentar zu dem Eintrag in DEinem Blog). Für den Fall,<br /> dass nicht alle Mitlesenden zu Dir "rüberklicken" ( http://almabu.wordpress.com/2011/09/09/was-soll-nur-aus-europa-werden/ ), hier nochmal der Link:<br />  http://kritische-massen.over-blog.de/article-wem-gehoren-die-100-grossten-deutschen-konzerne-79389575.html .<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> <br /> Die Tendenz der Vorwürfe in diesem Artikel hinterlässt bei mir eine gewisse Ratlosigkeit, Sepp! In einer nicht nur national oder europäisch sondern auch global Kapitalvernetzten, arbeitsteiligen<br /> Wirtschaft scheint es mir schwer, wenn nicht unmöglich einen deutschen Eigenweg zu praktizieren oder auch nur zu formulieren? Wer in Deutschland könnte dies und wie könnte er es gegebenenfalls<br /> tun?<br /> <br /> <br /> Die angeführten Beispiele, z.B. die Härte bei den Rettungspaketen, könnten doch 1:1 vom IMF und den Amis kommen. Nicht, dass ich die extremen Sparforderungen teilen würde, aber der IMF verlangte<br /> doch gerade erst von Österreich, es solle wegen seiner Verschuldung die Renten-, Gesundheits- und Sozialleistungen kürzen!<br /> <br /> <br /> Dann mutet es seltsam an, dass gerade EU-Länder wie Frankreich und England, die seit der Gründung der EU konsequent und knüppelhart nationale Interessen verfolgt haben, nun Deutschland ein<br /> ähnliches Verhalten zum Vorwurf machen wollen?<br /> <br /> <br /> Um es klar zu sagen, Deutschland kann nicht realistischerweise ohne die EU existieren! Aber diese EU muss nicht für alle Zeiten unverändert so bestehen wie zur Zeit. An ihrer Änderung zu arbeiten<br /> und dabei wie England und Frankreich und andere Länder auch nationale Agenden zu verfolgen ist zumindest legitim, wenn vielleicht auch nicht langfristig klug. Da müssen Kompromisse gefunden<br /> werden, wenn’s auch schwer fällt!<br /> <br /> Ich will hier nicht zum hundertsten mal wiederholen warum der „halbgare“ Euro so zwangsläufig scheitern muss. Entweder man harmonisiert erheblich mehr in der EU als bisher in Wirtschafts-,<br /> Fiskal- und Sozialpolitik oder man akzeptiert auf Dauer den ansteigenden Finanztransfer an die südlichen Peripheriestaaten, oder man schafft eine Euro-Kernzone und ein Europa der<br /> unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Rein theoretisch könnte man einer Gemeinschaftswährung auch völlig den Rücken kehren und zur Vor-Euro-Zeit der ECU, der Europäischen Verrechnungseinheit<br /> zurückkehren. Dies hat schließlich recht gut und „ohne Krieg“ funktioniert, allen durchsichtigen Unkenrufen der New York Times zum Trotze...<br /> <br /> Jetzt einfach einem demokratisch ungenügend legitimierten Bürokratiemonster mehr Kompetenzen und Rechte zu übertragen, wie z.B. auch von Gas-Gerd Schröder gefordert und dies verbunden mit dem<br /> Recht eigene, direkte EU-Steuern zu erheben, löst das Problem nicht und wäre zudem der falsche Weg. Die Akzeptanz der EU in den Bevölkerungen der Mitgliedsstaaten zu erhöhen bedarf es mehr<br /> soziale Gerechtigkeit, Mindestlöhne, ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit. Dies meidet der Kapitalismus wie der Teufel das Weihwasser. Er lebt, er bedingt geradezu, die Niveauunterschiede<br /> zwischen der Wirtschaften der Einzelstaaten und innerhalb dieser. Daraus folgt, diese EU müsste um breit akzeptiert zu werden, sozialer, gerechter, weniger kapitalistisch werden.<br /> <br /> Die Banken, zumindest deren Schulden, gehören uns ja schon fast vollkommen, da kann man den Rest doch auch vergesellschaften, oder?<br /> <br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Hallo almabu.<br /> <br /> <br /> An dem Thema wird, denke ich, klar, dass wir eine Differenz in diesen Fragen haben. Wenn ich Dich richtig verstehe, betrachtest Du sie unter dem Aspekt, was "wir" - Deutschland oder die EU -<br /> "besser machen" könnten oder "schlecht machen". Ich spüre dabei auch immer "mitschwingen", dass Du die EU als ein Mittel gegen den US-Imperialismus verstehst und Deine Kritik an der EU und<br /> Deutschlands Rolle dabei hauptsächlöich darin besteht, dass sie diese mögliche Rolle unzulänglich wahrnimmt.<br /> <br /> <br /> Ich sehe das aners. Ich bin ein Gegner des Imperialismus in dem Sinn, dass ich gegen die "westliche" Gesellschaftsordnung überhaupt bin. Dabei ist mir der US-Imperialismus und beispielsweise der<br /> deutsche )oder französische, englische etc.) Jacke wie Hose. Da ich aber nun einmal in Deutschland lebe, lasse ich mir den deutschen besonders angelegen sein - "Der Hauptfeind steht im eigenen<br /> Land".<br /> <br /> <br /> Das zum "Grundsätzlichen". Zum Einzelnen:<br /> <br /> <br /> Ich denke auch, dass es für die deutsche Grossbourgeoisie, die die deutsche Aussenpolitik bestimmt, schwer ist, das "Projekt" EU hinter sich zu lassen und zu offeneren Formen der<br /> Hegemonialpolitik in Europa zurückzukehren, wie sie in der Weimarer Republik (Stresemann u. Co) entwickelt worden und von den Nazis radikalisiert und ins nationale Desaster geführt worden sind.<br /> Die EU ist ein Staatenbündnis, das - unabhängig von und zum Teil im Gegensatz zu den Veträgen - "nach dem Kapital, nachder Macht" organisiert ist und nicht anders organisiert sein kann, weil die<br /> Konkurrenz zwischen kapitalistischen Staaten eben dies unabänderlich zur Grundlage hat. (Alle Wünsche nach einem "sozialen Europa" sind m. E. eine Rechnung ohne den Wirt.) Diese Art der<br /> "europäischen Einigung" produziert beständig Widersprüche (die Austragung von Interessensgegensätzen zwischen den Bourgeoisien der beteiliigten Staaten), die immer wieder zuden bekannten<br /> "EU-Krisen" führen.<br /> <br /> <br /> In der jetzigen scheint mir ein Punkt erreicht zu sein, in dem es tatsächlich um den Bestand geht - oder um die "Vertiefung", Zerfall oder vorwärts. - Und eine attraktive Alternative gibt es auch<br /> nicht. Vor diesem Dilemma steht die deutsche Bourgeoisie (und ihre "Klassengenossen" in den anderen EU-Staaten) zur Zeit, und das macht den Herrschaften erhebliches Kopfzerbrechen. MIr scheint,<br /> das "wie weiter" ist noch nicht entschieden. Wahrscheinlich wird es auch gar nicht rational (vom Standpunkt der Bourgeoisie aus rational) entschieden, weil das "Regulierungspotential" das gar<br /> nicht hergibt. "Es" wird halt irgendwie werden.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> <br />