"Es lebe die Deutsche Demokratische Republik !"

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Klaus Steiniger, Chefredakteur der inzwischen ziemlich vielgelesenen Monatszeitschrift RotFuchs schreibt im Leitartikel der Oktoberausgabe zum 20. Jahrestag der Einnahme der DDR.

  

 

Eine quicklebendige Tote

 

 

Als der Pariser Metallarbeiter Jean-Pierre Timbaud – ein Funktionar der Gewerkschaftszentrale CGT – am 22. Oktober 1941  im Steinbruch von Chateaubriant vor dem Erschiessungskommando der hitlerfaschistischen Okkupanten stand, rief er mit lauter  Stimme: „Vive le Parti Communiste Allemand!“ –Es lebe die Kommunistische Partei Deutschlands! Selbst im Angesicht des  Todes wuste er als proletarischer Internationalist zwischen dem guten und dem schlechten Deutschland zu unterscheiden. Die  Strasse im Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain, die das gute Deutschland nach diesem kommunistischen Helden der franzosischen Resistance benannt hatte, wurde vom schlechten Deutschland nach dessen temporarem Sieg vor zwei Jahrzehnten ubrigens bald wieder mit einem anderen Namen bedacht.

 

So sind wir direkt beim Thema: Vor 20 Jahren wurde die Deutsche Demokratische Republik –das gute Deutschland –von der Konterrevolution zu Fall gebracht und der imperialistischen BRD –dem schlechten Deutschland –einverleibt. Ihrem abrupten, nicht vorhersehbaren Untergang lag nicht in erster Linie mangelnde Fuhrungskunst der eigenen Spitze zugrunde. Das Debakel hatte tiefergehende politisch-ideologische und okonomisch-strukturelle Grunde, wobei neben inneren vor allem auch ausere Faktoren den Ausschlag gaben. Ohne die sich seit langem abzeichnende und von der antisowjetischen KPdSU-Fuhrung um Gorbatschow bis zum Ausersten vorangetriebene Erosion der UdSSR, von deren Weiterbestehen die Existenz der anderen sozialistischen Staaten Europas in entscheidendem Masse abhing, ware auch die DDR nicht sang- und klanglos von der Buhne abgetreten.

 

Trotz ihrer keineswegs in Abrede gestellten Schwachstellen und Fehlleistungen sowie ungeachtet des beschamenden Ausgangs der Ereignisse bleibt die DDR das hochste Gut und die grosste Errungenschaft in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und des deutschen Volkes. Ihre historische Leistung besteht nicht nur darin, dem Kapital in einem Drittel Deutschlands fur vier Jahrzehnte die politische Macht und das ausbeuterische Eigentum an Produktionsmitteln entzogen zu haben, sondern auch im Aufbau einer ausbeutungsfreien sozialistischen Gesellschaft und der Schaffung eines Staates, den die arbeitenden Menschen zu Recht als ihr Vaterland betrachten konnten. Er gehorte –im ubertragenen Sinne –nicht nur den DDR-Burgern, sondern stand auch den Klassengenossen und Weggefahrten in aller Welt offen, darunter jenen auf der anderen Seite der Elbe.

 

Marxisten sind durchaus keine Tagtraumer, die einer unwiederbringlich verflossenen Zeit in tatenloser Nostalgie nachtrauern. Fur uns ist die DDR –der deutsche Friedensstaat, der seine „Freiheit“ nicht am Hindukusch zu „verteidigen“ vorgab, sondern in Europa als verlasslicher Partner des Warschauer Vertrages zur Zugelung potentieller Aggressoren beitrug –naturlich ein Stuck Geschichte. Aber sie ragt, wie jeder taglich erfahren kann und spurt, weit in die Gegenwart hinein und entwirft Umrisse fur die Zukunft. In diesem Sinne bleibt die DDR auf immer und ewig unser Vaterland. Wir waren trotz mancher Irr- und Umwege im Prinzip auf der richtigen Spur.

 

„Vaterlandslose Gesellen“ hat eine ihnen dann das Sozialistengesetz auf den Hals schickende imperiale Obrigkeit einst die revolutionaren deutschen Proletarier und deren unter der Fahne von Marx und Engels versammelte sozialdemokratische Vorkampfer um August Bebel  und Wilhelm Liebknecht genannt. „ie Arbeiter haben kein Vaterland“, scholl es ihr aus der linken Ecke entgegen. Das gilt –bei allem  Wandel der Verhaltnisse und angesichts mehrfach ausgetauschten Personals –bis in unsere Tage. Verkorpert etwa die BRD mit ihrer massakerfahrenen Afghanistan-Truppe und ihrer als Demokratie daherkommenden Diktatur der Monopole, mit dem klaffenden Abgrund

zwischen prassenden Millionaren und Millionen an der Elendsschwelle Vegetierenden, mit Elite-Universitaten und grassierendem  Bildungsnotstand, mit Massenarbeitslosigkeit und als Gesundheitsfursorge bezeichneter Profitmacherei der Pharmakonzerne ein  Vaterland, zu dem man sich bekennen sollte? Nein, die kapitalistische BRD, deren Staatsburger wir wider Willen sind, kann nicht als  die geistig-moralische Heimat aller Deutschen betrachtet werden. Wir sind –wie jedes andere Volk der Welt –stolz auf das grose positive  Erbe unserer Geschichte, unserer Kultur, Kunst und Wissenschaft. Dazu bekennen wir uns ohne jede Einschrankung, wobei wir nicht in  chauvinistischen Taumel verfallen und allenthalben schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken.

 

Noch ein Wort des Dankes an den deutschen Imperialismus, dessen Regierung, dessen Parteien und dessen stets einsatzbereite Medien!  Niemand tragt so dazu bei, die Deutsche Demokratische Republik im Bewustsein der Massen am Leben zu erhalten, wie jene, welche 20  Jahre nach deren staatlichem Ende Tag fur Tag, Stunde fur Stunde alle Register der Luge, des Hasses und der Verleumdung ziehen. Jede Schlammflut, die sich uber die DDR ergiesst, wirkt wie ein Bad in Sekt. Warum?

 

Uber Tote sagt man nichts Schlechtes, weis der Volksmund. Auf Tote zielt man nicht, gehort zum militarischen Einmaleins. Und: Totgesagte leben langer, heist es. Ware die DDR politisch-ideologisch, mental und historisch so mausetot, wie das die Schreier und Schmaher unablassig verkunden, dann hatte es keiner von ihnen notig, der Verblichenen auch nur einen einzigen Fluch hinterherzuschleudern. Sie konnten mit einem schlichten „Ruhe sanft!“ von der Gewesenen scheiden. Doch die Gruft bleibt geoffnet. Aus ihr steigt jenes „espenst“, welches Marx und Engels schon vor mehr als 160 Jahren beim Nachdenken uber ein Kommunistisches Manifest entdeckt haben. Die Verfolger konnten seiner trotz aller Schlaue und Schliche nicht habhaft werden! Es begegnet den hochmutigen Rittern des Kapitals wie deren buntem Tross unablassig in ihren Wach- und Alptraumen.

 

So hort sich die Kakophonie des antikommunistischen Schauorchesters der DDR-Hasser am Ende wie eine wunderschone Melodie an. Eine mit Schaum vor dem Mund gesungene Ode auf jene langst Gestorbene, die ihren Tod uberdauert hat.

 

Es lebe die Deutsche Demokratische Republik!

 

Klaus Steiniger

 

 

  Quelle: http://www.rotfuchs.net/Zeitung/Aktuell/RF-153-10-10.pdf

 

 

 

 

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Veröffentlicht in Geschichte

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