Kirgistan - noch ein Failing State ?
Die kirgisische Interims-Regierung hat zur Zeit die Kontrolle ueber den Suedwesten/Sueden des Landes verloren. Die Pogrome, bei denen ganze Stadtviertel eingeaeschert wurden und Zehntausende Usbeken vertrieben wurden, haben das Land an den Rand des Buergerkriegs gebracht.
Die Interims-Regierung sagt, die Riots seien von aussen provoziert. Afghanen, "Bewohner des Nord-Kaukasus" (vermutlich eine verklausulierte Formulierung fuer Georgien) und "Buerger baltischer Staaten" haetten sich "aktiv eingemischt". Ein ehemaliger hoher Funktionaer des gestuerzten Premierministers Bakijew soll als einer der Raedelfuehrer verhaftet worden sein. Angeblich hat er im Auftrag des juengsten Sohns Bakijews gehandelt, dem eine Anzahl Wirtschaftsverbrechen zur Last gelegt werden und der angeblich in Grossbritannien verhaftet worden ist. Nach einer Meldung der iranischen Nachrichtenagentur irib sollen auch Tadschiken in den Konflikt verwickelt sein. Angeblich hat Tadschikistan seine Truppen im Grenzgebiet verstaerkt.
Zu den Hintergruenden zitiert die russische Pravda Sergej Denidenko, einen Experten fuer strategische Analysen:
"Der Konflikt zwischen der kirgisischen und usbekischen Nationalitaet begann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Weder die vorhergehende Regierung ... (Bakijew) ... noch die gegenwaertige haben irgendetwas getan, um das Problem zu loesen. Jemand von ausserhalb kann sich natuerlich die Lage im eigenen Interesse zunutze machen. Aber ... die Voraussetzungen fuer den gegenwartigen Konflikt sind im Land selbst geschaffen worden. ...
Dieser Konflikt hat in erster Linie wirtschaftlichen Charakter. Russen und Usbeken sind diejenigen Bevoelkerungsgruppen, die wirtschaftlich am aktivsten sind. Der durchschnittliche in Kirgistan lebende Russe oder Usbeke ist reicher als die eingesessenen Kirgisen. Die Verwicklung Maksim Bakijews ... (des Sohns des gestuerzten Premeiers) ... ist Spekulation, eine Verschwoerungstheorie. Sein Vater hat seinerseits die Probleme stets auf ... Askar Akajew ... (den ersten Premier nach dem Ausscheiden Kirgistans aus der SU) ... geschoben. ... Aber so oder so hat niemand irgendetwas getan, um die wirtschaftlichen und ethnischen Probleme zu loesen."
Das Interims-Regime hat Russland um militaerische Hilfe bei der Wiederherstellung der Ordnung gebeten. Die russische Regieung hat abgelehnt. Der Ort des Scheiterns einer solchen Hilfe ist nicht weit weg: Seinerzeit hat die afghanische Linksregierung solche Hilfe erbeten (damals noch die SU), mit dem bekannten Ergebnis, dass das Land jetzt von den USA besetzt ist.
Der oben zitierte Experte meint dazu: "Ich glaube nicht, dass russische Friedensstreitkraefte Sinn machen. ... Russland muss stattdessen Anstrengungen unternehmen, einen moeglichen Krieg zwischen Kirgistan und Usbekistan zu verhueten."
Dieses Statement verweist auf den groesseren Zusammenhang des gegenwaertigen inneren Konflikts in Kirgistan. Das Land hat im Osten ein lange Grenze mit China, im Norden mit Kasachstan. Im Westen grenzt es an Usbekistan, im Sueden an Tadschikistan. Die Regimes der gesamten Region sind nicht stabil. Bei dieser Region handelt es sich um den oestlichen Teil dessen, was von US-Thinktanks der "asiatische Balkan" genannt wird, wozu die Staaten zwischen dem Schwarzen Meer und der chinesischen Grenze im Osten und der russischen im Norden gezaehlt werden.
Die USA wollen sich hier strategisch festsetzen. In Georgien unterhalten sie bereits ein Vasallen-Regime. Der oestliche Anker ist Afghanistan. Jeder weitere Unruheherd in der Region ist eine Moeglichkeit, sich weiter einzumischen. Alle Konflikte in der Region erhalten so weltpolitische Bedeutung, gleich, ob sie sich aus den inneren Verhaeltnissen eines Landes ergeben oder kuenstlich von aussen entzuendet werden.
Die USA unterhalten in Kirgistan einen grossen Stuetzpunkt (5 000 Mann). Er spielt aktuell fuer die Versorgung der Beatzungstruppen in Afghanistan eine Rolle. Der gestuerzte Bakijew hatte mit der Schliessung gedroht, allerdings vermutlich nur, um die Pacht in die Hoehe zu treiben. Die USA bezahlen nach einer Erhoehung jetzt angeblich 60 Millionen Dollar Jahrespacht. Einen Hinauswurf der US-Truppen wollte Bakijew vermutlich nicht wirklich. Eine seiner Firmen hat mit dem Handel mit Flugbenzin fuer die US-Truppen viel Geld verdient.
Auch Russland unterhaelt einen Militaerstuetzpunkt.
Kirgistan ist ein Land von 200 000 Quadratkilometer Flaeche (also gut halb so gross wie Deutschland) und 5,5 Millionen Einwohnern, von denen 69 % kirgisischer Nationalitaet sind, 14,4 % usbekischer, 9 % russischer. Das BIP betrug 2009 12,1 Milliarden US-Dollar (Deutschland: 3700)
Das russische Zarenreich zwang China im 19. Jahrhundert, die Oberhoheit ueber Kirgistan an Russland abzutreten. 1876 wurde es offiziell dem Zarenreich einverleibt und, wie die uebrigen nicht-russischen Teile des Reiches, als Kolonie gehalten. Unterdrueckung und immer wieder niedergeschlagene Aufstaende zwangen viele Bewohner Kirgistan in die Emigration. Die Fluechtlinge wanderten zum Teil ins Pamirgebiet, andere nach Afghanistan und China.
1919 wurde die Kirgisische Sowjetrepublik gegruendet, die 1936 in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) aufgenommen wurde. In der sozialistischen Zeit entwickelten sich Lebensstandard, die nationale Kultur und der Bildungsstand bedeutend. 1991 erklaerte sich Kirgistan unabhaengig. Nach der Konterrevolution verfiel das Erreichte. Mit der erneuten Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche leben auch die alten Nationalitaetenkonflikte wieder auf.
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Quellen
http://english.pravda.ru/world/ussr/113863-1/
http://en.wikipedia.org/wiki/Kyrgyzstan
http://de.rian.us/safety/20100615/126702712.html
http://de.rian.ru/postsowjetischen/20100612/126681430.html