Notstand der Demokratie 2.0

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Ein Beitrag von Renate Münder

 

 

 

 

Notstand der Demokratie 2.0

Staatsumbau gegen die Arbeiter- und demokratische Bewegung und gegen die

Völker der Welt

 

1. Deutschland führt wieder Krieg.

Aus- und Umbau des staatlichen Gewaltapparates und die Militarisierung der

Außenpolitik

 

Schon wenige Monate nach der Einverleibung der DDR spricht der damalige

Bundeskanzler Helmut Kohl offen aus, welche Schlussfolgerungen er aus dem lang

erhofften Ereignis zieht: "Deutschland hat mit seiner Geschichte abgeschlossen, es

kann sich künftig offen zu seiner Weltmachtrolle bekennen und diese ausweiten." So

seine Regierungserklärung vom 30.1.1991.

 

(1). Und Klaus Neumann, Generalinspekteur der Bundeswehr, zieht 1995 stolz die

militärischen Konsequenzen:„Zum ersten Male seit dem Tag Richelieus, zum ersten

Mal seit 300 Jahren erleben wir die Gunst, nicht mehr Gegenstand externen Drucks zu

sein. Wir können und wir müssen nun gestaltend handeln. Natürlich bedeutet das eine

gewaltige Veränderung für unsere Politik: Vereinfacht gesagt, wir sind nicht mehr im

Maschinenraum des Dampfers UN, KSZE, NATO, EU usw., sondern auf der Brücke.“

(2) Deutschland schickt Tornados auf den Balkan heißt das im Klartext.

 

Die Einverleibung der DDR war für die herrschende Klasse Einladung und Auftakt für

weitere außenpolitische Aggressionen: dem Krieg gegen Jugoslawien folgten viele

weitere Auslandseinsätze. Seit 2001 führt die Bundeswehr Krieg in Afghanistan. In elf

Staaten sind inzwischen deutsche Soldaten stationiert.

 

Außenpolitik der BRD heißt heute in zunehmendem Maße Kriegspolitik. Es reicht

nicht mehr, ökonomische Überlegenheit zu zeigen, politischen Einfluss auszubauen,

sondern diese müssen auch abgesichert werden: die Expansionspolitik wird nun auch

mit militärischen Mitteln geführt. Frau Merkel äußerte sich auf der Münchner

Sicherheitskonferenz unverblümt dazu: „Um die Politik anderer Nationen zu

beeinflussen, um den Interessen und Werten der eigenen Nation zu dienen, müssen

alle Mittel in Betracht gezogen werden, von freundlichen Worten bis zu

Marschflugkörpern.“ (3)

 

Die Hauptziele wurden schon 1992 fixiert in den Verteidigungspolitischen Richtlinien

der Bundeswehr als "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten

Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt". (4) Im „Weißbuch zur

Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr“ von 2006 wird diese

Stoßrichtung den Bedürfnissen des deutschen Imperialismus weiter angepasst: als

zentrale Aufgabe wird für die Bundeswehr die Bekämpfung des internationalen

Terrorismus festgelegt (5). Aber auch das Interesse nach einem „Offenen

Welthandelssystem und freien Transportwegen“ (6) wird wieder festgeschrieben.

Außerdem müsse die „Sicherheit der Energieinfrastruktur“ (7) gewährleistet sein. So

wird das Völkerrecht den Militärinterventionen der Imperialisten in NATO und EU

angepasst.

 

Der CDU-Parteitag vom 28./29.11.2006 in Dresden beschloss dann

konsequenterweise, dass „Zur Sicherung der Handelswege und Rohstoffzugänge“ das

Militär eingesetzt werden könne (8). Die „Enttabuisierung des Militärischen“, wie

Gerhard Schröder triumphierte (9), schreitet voran.

 

Um entsprechend den Vorgaben des Weißbuchs die „Aufrüstung der Bundeswehr

zur strukturellen Angriffsfähigkeit“ umzusetzen, erfuhr die Bundeswehr seit 2006 den

radikalsten Umbau ihrer Geschichte: Sie erhielt eine neue Struktur, die zum Angriff

befähigen soll, und wurde in drei völlig neue Kategorien unterteilt, in die aggressiven

High-Tech-Soldaten der Eingreifstreitkräfte, in die Stabilisierungsstreitkräfte, die für

längerfristige Einsätze wie ISAF, KFOR, SFOR usw. vorgesehen sind, und

Unterstützungsstreitkräfte einschließlich zivilen Personals. Alle wurden mit neuen

Waffensystemen und Ausrüstungen aus hochwertiger Technologie ausgestattet.

Speerspitze der „Armee im Einsatz ist das Kommando Spezialkräfte (KSK), mit dem die

offensive Ausrichtung der Bundeswehr begann und das "jenseits von Recht und Moral"

und ohne parlamentarische Kontrolle agiert (10). Das KSK sieht sich zudem explizit in

der Tradition der Wehrmachtsdivision Brandenburg und sei gerade für Personen aus

dem rechtsextremen Umfeld überaus attraktiv. (10). Die Transformation der

Bundeswehr zur „Armee im Einsatz“ soll 2010 abgeschlossen werden.

 

Auch die koloniale Militärpraxis, z. B. die Frankreichs in Algerien, dient als Leitbild für

den Afghanistan-Krieg auch für die Bundeswehr. "Clear - hold - build" - so lautet die

Trias, mit der die NATO-Staaten nach französischem Vorbild die Strategie der

westlichen Aufstandsbekämpfung in Afghanistan zusammenfassen. Im ersten Schritt

wird der Feind bekämpft und vertrieben ("clear"), dann bringt man das eroberte Gebiet

mit Hilfe einheimischer Kräfte unter Kontrolle ("hold"), und schließlich geht man zu

Aufbauarbeiten über ("build"), um die Herzen und Köpfe der Bevölkerung zu gewinnen

und eine Rückkehr des Feindes ein für allemal zu verhindern (11).

 

Diesem Umbau zur Interventionsarmee und für den Auslandseinsatz folgte die

Umstellung der Ausbildung für den „Ernstfall“. In Bundeswehrsmanövern wird die

Kriegführung im Rahmen der „Aufstandsbekämpfung“ oder von „Luftangriffen gegen

Terroristen“ geprobt. Alte Traditionen leben wieder auf: Kämpferkult ist wieder gefragt

und Folterrituale werden praktiziert. Der Kampf gegen den Terror wird nach

Wehrmachtmaßstäben geführt, ist bei dem Militärhistoriker Detlef Bald, einem

langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der

Bundeswehr, nachzulesen (12). So werden auch die „zeitlos gültigen“ Lehrmaterialien

des NS-Heeres für die Ausbildung herangezogen, z. B. die „Anleitung für den

Nahkampf“ von 1944. Es überrascht nicht, dass das Offizierskorps der Bundeswehr

zum „Rechten Rand“ tendiert, wie es die „Zeit“ vornehm umschreibt (13). Detlef Bald

äußerte etwas deutlicher: maßgebliche Kräfte der Armeeführung hätten seit dem

Beginnder 90er Jahre „eine ganz eindeutig rechtslastige Motivationsstruktur gefördert,

um die Truppe auf Kriege in aller Welt vorzubereiten (13).

 

In der neuen seit Juli 2009 geltenden „Taschenkarte“, einer Handlungsanweisung,

die jeder Soldat mit sich führen muss, steht unter dem Stichwort „Befugnisse“: „Angriffe

können z. B. dadurch verhindert werden, dass gegen Personen vorgegangen wird, die

Angriffe planen, vorbereiten, unterstützen oder ein sonstiges feindliches Verhalten

zeigen.“ (14). Das ist der Freibrief für den Schießbefehl auf Verdacht, für eine

präventive Kriegführung. Angriffe werden als eine Art Selbstverteidigung deklariert. In

„kriegsähnlichen Zuständen“, wie Herr Guttenberg es neuerdings nennt (15), ist alles

erlaubt, auch offensive, gezielte Tötungen. Auch die „gezielte Ausschaltung der

Führungsstruktur der Taliban“ (16) nach dem Vorbild der US-Terrorbekämpfung und

der Kriegführung im Irak gehört dazu. Das ist die neue Eskalationsstrategie der

Bundeswehr, von der Kanzlerin gebilligt.

 

 

Das Ergebnis dieser Präventivschlagstrategie konnte man z. B. in Kundus erleben.

Unter Bruch des Völkerrechts wurde gezeigt, was Präventivschlag heißt - mindestens

140 Tote, meist Opfer der Zivilbevölkerung waren das Ergebnis. Trotz verbaler

Distanzierung von dem verantwortlichen Oberst Klein wurde dieser nicht verurteilt.

Denn er hat Tatsachen geschaffen, die im Kriegsministerium erwünscht sind. Herr

Guttenberg redet seitdem von „Krieg“, was vorher vornehm mit „Stabilisierungseinsatz“

umschrieben wurde. Und der Krieg soll permanent werden: „Das Außergewöhnliche

muss zur Gewohnheit und generell akzeptiert werden.“ (17) Die offene Zurücknahme

der Normen des Völkerrechts ist Teil der aktuellen Re-Barbarisierung, wie Thomas

Metscher konstatiert. (18).

 

Natürlich widerspricht diese Praxis auch dem Grundgesetz –was das

Bundesverfassungsgericht selbstverständlich anders sieht! Die Lösung bringt eine

Umdefinition des Begriffs der Verteidigung, wie er im Grundgesetz festgehalten ist.

Bekanntermaßen beginnt laut Struck Verteidigung bereits am Hindukusch. Im

„Weißbuch des Verteidigungsministeriums“ wird aufgezählt, weshalb die Bundeswehr

im Ausland einzusetzen ist: gegen unkontrollierte „Migrationsbewegungen“, die Störung

des freien Welthandels, sog. „asymmetrische Bedrohungen“ (d.h. Guerillakämpfer),

Aufstände in Slums, - d.h. sog. niedrigschwellige kriegerischen Auseinandersetzungen

(19). Alle diese Bundeswehreinsätze im Ausland gelten als Verteidigung, weil sie als

internationale Verpflichtungen behandelt werden.

 

Auf die EU-Militärpolitik, die ja Deutschland entscheidend mitformuliert hat, kann hier

aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Nur ein Zitat soll die Richtung andeuten,

in die die EU zu gehen sich anschickt. Tomas Ries, Direktor des „Swedish Institute for

International Affairs", benennt mit einer geradezu unverfrorenen Offenheit, als künftige

zentrale Aufgabe der EU-Militärpolitik: „Abschottungsoperationen (Barrier operations) –

die globalen Reichen gegen die Spannungen und Probleme der Armen absichern. Da

der Anteil der Weltbevölkerung, die in Elend und Frustration lebt, erheblich bleiben wird,

werden die Spannungen und Übertragungseffekte zwischen ihrer Welt und der der

Reichen weiter zunehmen. Weil wir wahrscheinlich dieses Problem bis 2020 nicht an

seiner Wurzel gelöst haben werden, (…) müssen wir unsere Barrieren verstärken." (20)

Die Macht des Faktischen reicht den Kriegstreibern nicht - das Kriegsverbot im

Grundgesetz muss fallen, meinen die Abgeordneten Ernst-Reinhard Beck (CDU) und

Hans- Peter Uhl (CSU). Das Massaker in Kundus nutzten sie zu einem Vorstoß: da das

Grundgesetz keine „asymmetrische Konflikte“ kenne, müsse es an die Wirklichkeit

angepasst werden - sprich die Konventionen zum Schutz der Zivilbevölkerung müssten

fallen, ja das Kriegsverbot selbst (21).Das kann nichts anderes bedeuten, dass die

Herrschenden von größeren kriegerischen Auseinandersetzungen in der Zukunft

ausgehen.

 

Denn selbst der Hauptverbündete des deutschen Imperialismus ist ein Konkurrent,

der auf seine Vorrangstellung pocht. Wesley Clarks, ehemaliger Oberbefehlshaber der

Nato-Streitkräfte, drohte schon 1991, als Deutschland gerade erst begann, mit den

Muskeln zu spielen: „Ich warne die Europäer davor zu glauben, dass die USA im

Rahmen der neuen Weltordnung Skrupel haben würden, auch in Europa militärisch zu

intervenieren, wenn unsere Interessen gefährdet sind, und zwar mit allen Mitteln,

einschließlich Atomwaffen. Im Allgemeinen werden die USA danach streben, die

meisten Länder im Zustand der Armut zu belassen, mit korrupten, aber gehorsamen

Regimes. Ich gehe jedoch davon aus, dass die USA auch in Westeuropa intervenieren,

auch, wenn dies gegenwärtig manchen Leuten als absurde Idee vorkommen mag. Die

USA würden eine europäische nukleare oder wirtschaftliche Großmacht nicht lange

dulden!“ (22) Das wissen natürlich auch die Kriegstreiber des deutschen Imperialismus.

 

Dass durch die sich anbahnende nächste Krise auch die zwischenimperialistischen

Widersprüche die gemeinsamen Interessen in den Hintergrund drängen können,

schließt auch Conrad Schuhler vom isw München nicht mehr aus: „Die Stakeholder der

kapitalistischen Globalisierung – damit sind die Transnationalen Konzerne, die

kapitalistischen Hauptländer des Westen und die schnell aufschließenden

Schwellenländer gemeint – profitieren allesamt von der Kooperation im Rahmen von

Global Governance, während bei kriegerischen Konflikten die Nachteile weit

überwiegen würden. Doch gilt diese Einschätzung nur für den Fall einer

funktionierenden und wachsenden Weltwirtschaft. Wenn die in einer Krise

zusammenbräche, würde die Gemeinschaft der Eliten von kapitalistischen

Hauptländern und –konzernen ebenfalls auseinander fallen. Die jetzige Krise ist noch

nicht überwunden, und die nächste kommt bestimmt. Der Wettlauf um knapper

werdende Ressourcen und Märkte kann dann durchaus umschlagen in einen „heißen“

großen Krieg.“ (23)

 

Die Neuaufteilung der Welt, die seit 1990 wieder voll im Gange bzw. inzwischen

langsam abgeschlossen ist, und der wachsende Widerstand der Völker sind die

Hauptgründe für die aktuellen Kriege. Sie weisen darauf hin, „dass wir derzeit den

Übergang zum Dritten imperialistischen Weltkrieg erleben“, so Wolf-Dieter Gudopp

schon 1993 (24). Die internationale Verflechtung des Kapitals ist dabei kein Hindernis.

„Gerade der Widerspruch von nationaler Basierung und Internationalisierung kann zum

Versuch einer militärischen Lösung dieses Widerspruchs drängen, zur auch mittels

Kriegs angestrebten Entscheidung, welches besondere Kapital sich international als

allgemein-bestimmendes durchsetzt.“ (25).

 

Zwei Auswege standen 1929 dem staatsmonopolistischen Kapitalismus zur

Verfügung: der Weg des New Deal, wie ihn die USA einschlugen und der Weg des

Faschismus, wie er in Deutschland planmäßig beschritten wurde. In beiden Fällen griff

der Staat entscheidend in die ökonomischen Prozesse ein, um den Kapitalismus wieder

in Gang zu bringen. Aber tatsächlich überwunden wurde die Krise erst mit dem

2.Weltkrieg. Es wird von der Arbeiterklasse und den anderen fortschrittlichen Kräften

abhängen, welchen Weg Deutschland gehen wird, wobei eine entscheidende

Schwächung dieser Kräfte jetzt schon deutlich ist: die Sowjetunion, die vor 80 Jahren

für die Attraktivität des Auswegs durch den New Deal sorgte, gibt es nicht mehr.

2. Militarisierung der Innenpolitik - Der Krieg führt zum Kriegsrecht

Krieg gehört zum Wesen des Kapitalismus. Krieg ist völlig legitim für die

Herrschenden, und die Reaktion der Bevölkerung ist das einzige Problem dabei für sie.

Deshalb muss diese dazu erzogen werden, den Krieg endlich zu akzeptieren: „Wir sind

rechtlich, mental und politisch nicht aufgestellt für kriegerische Handlungen. Wir wollen

die pazifistischsten Pazifisten sein. Das geht nicht.“ so der CSU-Abgeordnete Hans-

Peter Uhl (26).

 

Es war die Lehre aus den beiden Weltkriegen: je mehr „gleichgeschaltet“ ein Volk ist,

desto kriegsbereiter ist es. Wenn das Volk nicht entsprechend „auf Linie“ ist, kommt

man aus dem Krieg mit einer Revolution heraus. Selbst der Faschismus hat lange

gebraucht, bis er der Bevölkerung die Friedensehnsucht ausgetrieben hat: Lange

mussten die Nazis ihre Politik als Friedenspolitik verkaufen, selbst den Überfall auf

Polen mussten sie noch als ein „Zurückschießen“ darstellen.

Deshalb versucht die Bourgeoisie bereits jetzt, sowohl die Demokratie als auch

unsere Widerstandskraft gegen den Krieg zu zerstören. An der Umerziehung der

Bevölkerung, wie sie der Abgeordnete Uhl fordert, wird schon seit Jahren heftig

gearbeitet. 65 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs soll uns der Pazifismus endlich

ausgetrieben werden.

 

Dafür lassen sich die Militärs und Politiker allerhand einfallen. Um das Auftreten der

Armee in der Gesellschaft wieder als etwas ganz Normales erscheinen zu lassen und

um die Akzeptanz von Vereidigungen in der Bevölkerung zu verbessern, startete der

damalige Verteidigungsminister Volker Rühe schon 1998 eine „Gelöbnisoffensive“.

Inzwischen besetzt das Militär jährlich knapp 150 Mal öffentliche Plätze. Selbst im

kaiserlichen Preußen waren die Vereidigungen auf den Kasernenhof begrenzt, und nur

während des Faschismus fanden sie in der Öffentlichkeit statt. - Es gibt auch wieder

Orden und Ehrenzeichen, z. B. eine „Tapferkeitsmedaille“, die verdächtig an das

„Eiserne Kreuz“ der Wehrmacht erinnert. In Berlin steht jetzt ein Ehrenmal für gefallene

Soldaten, mit dem die kriegerische Außenpolitik Deutschlands gefeiert wird.

Längst sitzt die Bundeswehr im Arbeitsamt, um die Not der erwerbslosen

Jugendlichen auszunützen und sie fürs Töten zu gewinnen. Auch in den Schulen sind

die Jugendoffiziere vertreten und werben fürs Sterben. Auch die Universitäten werden

von der Bundeswehr infiltriert, indem sie dort ihre Prioritäten für die Forschung

durchsetzt.

 

Der Militarismus hat es an sich, nicht nur die Außenpolitik zu bestimmen, sondern er

such alle Bereiche des öffentlichen, selbst des privaten Lebens zu durchdringen, indem

er alles dem militärischen Geist zu unterwerfen sucht. Der äußeren Mobilmachung ist

längst die innere Mobilmachung gefolgt. „Schäuble will quasi ein Kriegsrecht einführen“,

so Gerhart Baum auf einer Veranstaltung von ver.di München im Jahr 2007. (27)

Die Regierung geht inzwischen von einem permanenten Krieg aus, denn

Kriegszustand und Friedenszeiten könnten nicht mehr getrennt werden. In einem

CDU/CSU-Papier zu "Sicherheitsstrategie" von 2008 heißt es: "Diese veränderte

Bedrohungslage erfordert ein völlig neues Verständnis von Sicherheitspolitik. Da diese

terroristische Gewalt auch Staatsgrenzen überschreitet und sich bewusst international

organisiert und vernetzt, lässt sich die bisherige Trennung von innerer und äußerer

Sicherheit oder in Kriegszustand und Friedenszeit nicht länger aufrechterhalten." (28)

Nach dem 11. September 2001 sei eine andere Bedrohungslage entstanden. Die

Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit seien fließend, führt die Regierung

als Begründung an. Das bedeutet, die Grenzen zwischen polizeilichen und militärischen

Aufgaben, wie sie vom Grundgesetz vorgesehen sind, sollen aufgehoben werden.

Ähnlich argumentierte Schäuble aber schon 1994 im „Spiegel“, sieben Jahre vor dem

11.9.2001! (29)

 

Die Konsequenz dieser Überlegungen ist das Projekt Einsatz der Bundeswehr im

Innern, das inzwischen fest zum erweiterten Sicherheitsbegriff gehört. Es wird an ihm

zwar schon seit Beginn der 90er Jahre gearbeitet, aber erst seit Erscheinen des

Weißbuchs 2006 forciert die Bundesregierung diesen Kurs. So wie Struck 2003 die

Grenzen bis zum Hindukusch ausweitete, so bestimmte Innenminister Schäuble, dass

die deutschen Interessen nicht nur am Hindukusch, sondern auch „in Hindelang

verteidigt werden“ müssten (30) – auch dort mit der Armee.

 

Während noch darüber debattiert wird, ist der Einsatz des Bundeswehr schon eine

Tatsache: die Bundeswehr wirkt als Ordnungsmacht beim Papstbesuch, bei

Sportereignissen wie bei der Fußball-WM 2006, bei der Münchner Sicherheitskonferenz

oder bei den Demonstrationen gegen den G-8-Sipfel in Heiligendamm – es geht darum,

die Bevölkerung an ihren Aufmarsch zu gewöhnen, aber natürlich auch, diese an der

Ausübung ihrer demokratischen Rechte zu hindern. Das erklärte Ziel der

Bundesregierung ist es, die Inlandseinsätze der Bundeswehr legal zu machen. Laut

Grundgesetz sind sie nur bei Naturkatastrophen verfassungskonform. Während bei den

Notstandsgesetzen der Einsatz der Bundeswehr durch die Ausrufung des Notstands

 

noch vom Bundestag beschlossen werden muss, könnte dann die Bundeswehr

jederzeit gegen die Bevölkerung eingesetzt werden.

 

Seit mehreren Jahren gibt es Versuche, den § 25 des Grundgesetzes diesbezüglich

zu verändern. Zwar verhinderte das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil vom

15.2.2006, dass die Luftwaffe die Erlaubnis zum Abschuss von Flugzeugen – natürlich

„terroristischer“ Art! – erhielt, aber der damalige Kriegsminister Franz Josef Jung

erklärte, er werde den entsprechenden Befehl dennoch geben, und dringt auf eine

Verfassungsänderung. Die Bundesregierung gibt nicht auf. Im Weißbuch von 2006 wird

der Einsatz im Innern ausdrücklich gefordert. Damit wird die demokratische Verfasstheit

unserer Gesellschaft grundsätzlich bedroht. In der Kaiserzeit wurde die Reichswehr

eingesetzt, um Streiks zu zerschlagen, sie erstickte die Räterepublik 1919 und die

Aufstände in den 20er Jahren im Blut. Und unter dem Faschismus wurde die

terroristische Gewaltherrschaft von der Armee abgesichert.

 

Doch auch ohne Grundgesetzänderung wurde der Einsatz der Bundeswehr im

Innern fast unbemerkt durch die Hintertür organisiert, nämlich durch die sog. Zivil-

Militärische-Zusammenarbeit (ZMZ). Seit 2005 wurde ein Heimatschutz mit Reservisten

unter der Führung von 5 500 hauptamtlichen Soldaten aufgebaut, und 470

Verbindungskommandos zu Landkreisen und kreisfreien Städten installiert, so dass 1,9

Millionen Menschen bei Wehrübungen aufgeboten werden können. Sie stammen aus

ihrer jeweiligen Region und kennen sie dadurch bestens. 80% der

„Heimatschutztruppe“ soll aus Wehrpflichtigen und 20% soll aus Berufs- und

Zeitsoldaten als deren Führungspersonal bestehen.

 

Bundeswehr, Reservisten und zivile Organisationen arbeiten hier eng zusammen –

zur Katastrophenabwehr und bei „Gefahrenlagen“ (ein dehnbarer Begriff) - in Stunden

können sie mobilisiert werden. Sanitätsdienste, Feuerwehr, Krankenhäuser,

Hilfsorganisationen wie die DLG, das THW werden dem örtlichen Militärkommando –

übrigens ganz wie im Ausland - unterstellt. Mit Freiwilligen aus dem

Reservistenverband wird der „Orts- und Häuserkampf“ geprobt. Das Technische

Hilfswerk muss laut Gesetz gegen „öffentliche Notstände“, also auch gegen Streiks

antreten.

 

Ex-Kriegsminister Franz Josef Jung äußerte sich zufrieden: „Die flächendeckende

Einführung der Zivilmilitärischen Zusammenarbeit (ZMZ) im Inland stellt sicher, dass die

Bundeswehr in unserer Heimat jederzeit und an jedem Ort unseres Landes Hilfe und

Unterstützung leisten kann.“ (31) „Eine Bürgerkriegsarmee im Anmarsch“ nennt

dagegen Ulrich Sander die Heimatschutzverbände zu Recht und er warnt: „Die größte

rechtsextreme Bewegung entsteht somit ohne große öffentliche Erörterung“ (32). Zivilmilitärische

 

Zusammenarbeit heißt das ganz harmlos – es bedeutet Einsatz gegen die

eigene Bevölkerung, gegen die Arbeiterklasse. Kein Wunder, dass Neonazis

versuchen, hier Einfluss über den Reservistenverband und die Bundeswehr zu

bekommen.

 

Das zweite Ergebnis der Föderalismus-Reform ist genauso gefährlich: Bei der

Zusammenarbeit und Verschmelzung von Polizei und Geheimdiensten erreichte die

Bundesregierung ebenfalls einen Dammbruch. Dazu gehören die Gründung einer

Bundespolizei mit präventiven Befugnissen, das BKA-Gesetz, das unter anderem

heimliche Filmaufnahmen in Wohnungen und Online-Durchsuchungen vorsieht, die

enge Kooperation von Geheimdiensten und Polizei im so genannten Gemeinsamen

Terror-Abwehrzentrum in Berlin, der obligatorische Fingerabdruck im Reisepass, die

Bundes-Abhörzentrale in Köln, die Internet-Zensur, die Antiterrordatei usw. Das sog.

„Terroristenbekämpfungsergänzungsgesetz“ (2006) bezieht sich nicht nur auf

Terroristen; die Vorratsdatenspeicherung, die Rasterfahndung, der Große Lauschangriff

(vom BVG zwar eingeschränkt, aber nicht prinzipiell verboten), zahllose weitere sog.

Sicherheitsgesetze – über 50 wurden seit 2001 beschlossen – lassen Burkhard Hirsch

zu dem Schluss kommen: „Bundesinnenminister Schäuble will die Rechtsordnung

dieses Landes verteidigen, indem er sie abschafft.“ (33)

 

Seit 2006 wird eine systematische Zentralisierung von Bundeskriminalamt,

Bundespolizei, Bundesnachrichtendienst, Bundesverfassungsschutz und Bundeswehr

in 7 Lagezentren betrieben. Der Begriff Überwachungsstaat ist als Charakterisierung

also viel zu kurz gegriffen, es geht um die Installation eines umfassenden

Unterdrückungsapparats.

 

Der Bundesgrenzschutz wurde durch Gesetz vom 1.7.2005 Bundespolizei, für den

auch der Bund die ausschließliche Kompetenz hat trotz der Festlegung, dass Polizei

Ländersache sein muss. Er wird immer öfter im Ausland eingesetzt und damit zur

Hilfstruppe der Bundeswehr. Im Unterschied zur Bundeswehr muss aber kein

Bundestag über seinen Einsatz beschließen! So kommt zum Bundeswehreinsatz im

Innern der Kriegseinsatz der Polizei im Ausland hinzu. Ex-Kriegsminister Jungs

Begründung ist fadenscheinig: Er wolle die Bundespolizei „zur Entlastung der

Streitkräfte im Ausland einsetzen.“ (34). Dass damit in die Souveränität anderer Staaten

eingegriffen und die Polizei durch Kriegseinsätze militarisiert wird, thematisiert keine

bürgerliche Zeitung. Weitere Maßnahmen der Föderalismusreform machen das

Versammlungs- und Presserecht, den Strafvollzug und die Beamtenbesoldung zur

Ländersache. In Zeiten der allgemeinen Sparpolitik verschärft das den Sozialabbau. Es

findet seitdem ein Wettrennen um die niedrigsten sozialen Standards statt, so dass das

Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse in der BRD nicht mehr gewährleistet wird. -

Es häufen sich auch die Angriffe auf das Streikrecht (beim GDL-Streik, beim Streik von

Cockpit usw.), obwohl Deutschland sowieso nur ein sehr eingeschränktes Streikrecht

hat. Aber selbst das ist den Herrschenden zu viel. - Grundrechtseinschränkungen

erfolgten auch durch die Hartz-Gesetze, nämlich das Grundrecht auf Freizügigkeit und

auf Unverletzlichkeit der Wohnung z. B. - Insgesamt brachte die Föderalismusreform

Rechtsunsicherheit, indem jetzt 16 verschiedene Gesetze plus Bundesrecht

miteinander konkurrieren – was gilt, ist fraglich. Das bedeutet eine „weitere Zerstörung

von Demokratie und eine Beliebigkeit des Rechts“ (35).

 

Als Folge der sog. Föderalismusreform ist die Versammlungsfreiheit – eines der

wichtigsten Grundrechte – in die Hoheit der Bundesländer gefallen. Der Entwurf des

neuen bayerischen Versammlungsrechts hebelt das Grundrecht auf

Versammlungsfreiheit weitgehend aus. Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg,

Sachsen und Niedersachsen sind bereits gefolgt. Das Gesetz wirkt sich auch auf die

Gewerkschaften aus: Es erschwert Streiks, verbietet „einschüchterndes Auftreten“ (z.

B. Streikwesten können unter das „Uniformverbot“ fallen) und liefert den Vorwand für

riesige Datensammlungen (Ordnerpersonalien, Videoaufnahmen und Fotos). So will

das Gesetz uns wehrlos machen gegenüber den Angriffen von Regierung und Kapital.

Zwar hat das Bundesverfassungsgericht das Bayrische Versammlungsgesetz

größtenteils als verfassungswidrig beurteilt und wartet jetzt die Neuformulierung des

Gesetzes durch die Bayerische Staatsregierung ab. Eine grundsätzliche Entscheidung

des Bundesverfassungsgerichts ist aber angesichts der Entwicklung in den andern

Bundesländern nach wie vor nötig. Die Verfassungsbeschwerde wird deshalb weiter

von den bayerischen Gliederungen der Gewerkschaften ver.di und GEW, der Parteien

SPD, Die Grünen, Die Linke sowie Attac u. a. Organisationen in Bayern betrieben.

 

3. Ursachen und Bewertung des Staatsumbaus

 

Die vollzogenen und geplanten Gesetzesänderungen, die Maßnahmen der Behörden

gehen über einen schleichenden Demokratieabbau weit hinaus, wie wir ihn seit

Jahrzehnten kennen. Sie deuten auf einen grundsätzlichen Staatsumbau hin. Es sind

der Reaktion so massive Angriffe auf das Grundgesetz und das Völkerrecht gelungen,

dass wir von einer umfassenden Entdemokratisierung reden müssen. Durch die

Föderalismusreform wurden 25 Artikel des Grundgesetzes geändert. Das Grundgesetz

sei nur noch eine Ruine, klagt deshalb Burghart Hirsch. Und H. W. Schuster, SPDMitglied

und AfA-Vorsitzender in Düsseldorf nennt die „Reform“ laut Zeitung der ver.di-

Betriebsgruppe der Uni-Klinik Köln vom 10.1.2007 „Umsturz der verfassten

Staatsordnung der Bundesrepublik.“

 

Der Unterschied zu den Notstandsgesetzen von 1968 ist gravierend: Diese sind zwar

Ermächtigungsgesetze für einen festzustellenden Notstand, „für den Fall, dass es in der

Wirtschaft hagelt“, wie der damalige Innenminister Paul Lücke offen erklärte. Sie

wurden jedoch bisher nie angewendet. Die aktuellen Grundgesetzänderungen haben

im Gegensatz dazu sofortige Wirkung. Die neuen Zusätze zu den Grundgesetzartikeln

schränken diese so stark ein, so dass wir von einer zunehmenden Aufhebung der

bürgerlich-demokratischen Gesetzlichkeit betroffen sind.

 

Es sind allem zwei Tabubrüche, wie Rolf Gössner feststellt: der zunehmende Einsatz

der Bundeswehr im Innern und die Beseitigung des Trennungsgebots zwischen Polizei

und Geheimdiensten (36). Beides kann nur als Vorbereitung auf die Niederschlagung

von Protesten und Aufständen interpretiert werden. Der Einsatz der Bundeswehr im

Inland bedeutet auch Aktivierung der Notstandsgesetze, so Jürgen Rose, da bei

Ausrufung des Verteidigungsfalls die Notstandsverfassung automatisch in Kraft tritt

(37). Die Zusammenarbeit von Polizei und Geheimdiensten, die im Potsdamer

Abkommen ausdrücklich verboten wurde, ermöglicht eine Entwicklung zu einer neuen

Geheimen Staatspolizei, wenn hier nicht eingeschritten wird.

 

Die Bildung von Heimatschutztruppen im Rahmen der Zivil-Militärischen

Zusammenarbeit hat eine Militarisierung der betreffenden Organisationen zur Folge, die

„Integration der Zivilbevölkerung in das militärische System“ (38). Die Trennung

zwischen äußerer und innerer Sicherheit wird aufgehoben, der Kriegszustand wird

permanent. Der Ausnahmezustand soll Normalzustand werden und der

„machtausübende Aspekt der Staatlichkeit“ solle wieder Priorität gewinnen, so

Wolfgang Schäuble schon 1994 (39). Klarer zieht Gabriele Heinecke die Konsequenz

dieser Entwicklung: „Eine solche Mobilmachung braucht ein Staat nur auf dem Weg

zum Krieg“ (40).

 

Die Maßnahmen werden gar nicht verheimlicht, sondern vielmehr mit Panikmache

vor „den Terroristen“ begründet – wobei nicht nur Menschen bestimmter anderer

Länder, sondern auch streikende Arbeiter im Inland als „Terroristen“ bei

Bundeswehrübungen bekämpft werden. (So z. B. bei einer Übung von „Soldaten des

JgBtl 292 bei der Ausbildung gegen Demonstranten“, die fast alle mit Blaumann

gekleidet sind, im Jahr 2007, dokumentiert von der Militärzeitschrift „Europäische

Sicherheit“.)

 

Der Anti-Terror-Kampf ist eine neue Form des Krieges der herrschenden Klasse, der

nicht bloß nach außen gerichtet ist, sondern auch nach innen. Mit der gleichzeitigen

Demontage des Versammlungsrechts und den Angriffen auf das Streikrecht sollen uns

die wenigen Waffen genommen werden, die wir gegen diesen Angriff überhaupt haben.

Die Ursachen für den Staatsumbau sind bei den zunehmenden

Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals zu suchen, die seit den 90er Jahren zu einem

immer massiveren Druck auf die Regierungen nach Sozialabbau geführt haben. "Der

Sicherheitsstaat wird in dem Maße aufgerüstet, in dem der Sozialstaat abgetakelt wird",

so Gössner. (41). Das aber ist nur die eine Seite. Vor allem erfordern die zunehmenden

Kriegseinsätze der Bundeswehr, die die weltweiten Ressourcen für das Monopolkapital

 

sichern sollen, die Absicherung der Ruhe an der Heimatfront. Die Militarisierung der

Außen- und der Innenpolitik heißt Ausbau des Gewaltapparates gegen das Ausland

und zugleich gegen die eigene Bevölkerung. Da die jetzige Krise über die bisherigen

zyklischen Krisen weit hinausgeht - sie ist eine allgemeine Krise des Kapitalismus –

sehen die Herrschenden ihre Macht tendenziell bedroht. Der Staat begegnet der

„Vertrauenskrise“ gegenüber dem Kapitalismus vorsorgend mit

Unterdrückungsinstrumenten.

 

Der deutsche Imperialismus ist seit seiner Entstehung – zu spät und zu kurz

gekommen – besonders aggressiv, die bürgerliche Revolution wurde in Deutschland

nie zu Ende geführt.

 

Er braucht, um gegen die andern Imperialisten zu bestehen bzw. sie zu überflügeln,

die besonders scharfe Ausbeutung der Arbeiterklasse und er braucht den Krieg zur

Neuaufteilung der Welt. Sein Drang nach Extraprofiten führt zur Reaktion auf der

ganzen Linie, wie schon Lenin feststellte: „Dem Monopol entspricht die politische

Reaktion.“ (42). Seit 1990 ist diese Tendenz wieder ungebremst

 

Das Kapital schlägt nicht erst zu, wenn die Arbeiterklasse zu einer Bedrohung für die

Bourgeoisie wird, sondern handelt bereits vorbeugend, um dem Aufschwung der

Arbeiterklasse zuvorzukommen. Die Bourgeoisie hat aus dem 1. Weltkrieg gelernt,

dass man das Volk niederhalten muss, um den Krieg erfolgreich führen zu können. Sie

hat aus dem 2. Weltkrieg gelernt, dass sie die Machtmittel dazu nicht erst schaffen darf,

wenn sie sie braucht, sondern bereits vorher.

 

Fünfzig Jahre fand Krieg immer nur außerhalb Europas statt, seit dem Überfall auf

Jugoslawien ist er nach Europa zurückgekehrt. Folgende Worte Lenins schienen lange

Zeit überholt: „Im Kapitalismus haben wir den Staat im eigentlichen Sinne des Wortes,

eine besondere Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar

der Mehrheit durch die Minderheit. Damit eine solche Sache wie die systematische

Unterdrückung der Mehrheit der Ausgebeuteten durch die Minderheit der Ausbeuter

erfolgreich ist, bedarf es natürlich der größten Grausamkeit und bestialischer

Unterdrückung, sind Meere von Blut nötig, durch die denn auch die Menschheit im

Zustand der Sklaverei, der Leibeigenschaft und der Lohnarbeit ihren Weg geht.“ (43)

 

 ommunismus und der anscheinend wachsenden

 

Funktionsschwäche der traditionellen Demokratien bleibt der 

F

aschismus eine der Möglichkeiten der Politik".

 

..

„Er wird nicht antisemitisch sein und nicht von der Überlegenheit einer Rasse

schwärmen, sondern... die Talente verschiedener Zivilisationen nutzen“ (46)

Inzwischen wird offen darüber spekuliert, welche Vorteile eine Diktatur haben könne.

Der Berliner Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler darf im Magazin

„Internationale Politik“, das von der renommierten Deutschen Gesellschaft für

Auswärtige Politik (DGAP) herausgegeben wird, über eine Ära der "Postdemokratie"

und die „lahme Dame Demokratie“ reflektieren. Münkler bezieht sich auf Carl Schmitt,

den Kronjuristen des Faschismus, der die Parlamentarische Demokratie in seinen

politischen Schriften als "veraltete bürgerliche Regierungsmethode" bezeichnete, die

gegenüber den aufkommenden "vitalen Bewegungen" - gemeint war vor allem Hitlers

NSDAP - ihre Evidenz verloren habe. Der Artikel Münklers legt nahe, dass manche

Wirtschaftsvertreter autoritären Maßnahmen keineswegs abgeneigt sind, und fragt, ob

“der Verfassungsstaat im Systemwettbewerb” gegenüber China und Russland “noch

bestehen” könne. Münkler konstatiert ein “sich ausbreitendes Unbehagen an der

Demokratie”, was “dem Spiel mit der Diktatur eine gewisse Attraktivität” verleihe und zu

einem Bedürfnis nach ‘bonapartistischen Lösungen’“ führe. In seinem Schlussstatement

distanziert sich Münkler natürlich von der Diktatur, die Risiken seien zu groß (47)

 

 

In der Tradition Carl Schmitts steht auch der Kölner Staatsrechtler Otto Depenheuer,

der ein „Feindstrafrecht“ fordert. „Unpersonen“, Feinde der Verfassung hätten ihre

bürgerlichen Rechte verwirkt, fordert er. So verwundert es nicht, dass er einer

derjenigen ist, der für die Anwendung der Folter plädiert. Das

Bundesverfassungsgericht greift er wegen des Urteils zum Luftsicherheitsgesetz scharf

an – es sei für den deutschen Staat ein Sicherheitsrisiko. Von Bedeutung ist

Depenheuer deshalb, weil Innenminister Wolfgang Schäuble in ihm einen

Stichwortgeber gefunden hat. Schäuble plädiert für die Anerkennung von Aussagen, die

unter Folter zustande kamen und steht für die gezielte Tötung von Terroristen, für

Unterbindungsgewahrsam für „Gefährder“ sowie für die Abschaffung der

rechtsstaatlichen Norm der Unschuldsvermutung.

 

Die „schleichende Suspendierung des demokratischen Rechtsstaats“ ist nicht auf die

erwähnten Personen reduziert. Marcus Hawel, auf dessen Untersuchung zu

Depenheuer sich diese Zeilen stützen, beobachtet „eine grundlegende ideologische

Neuorientierung breiter Teile der gesellschaftlichen Eliten auf staatspolitischen Gebiet.“

(48).

 

Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen lassen sich ähnliche Beobachtungen

machen. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael

Rogowski, wollte den Flächentarifvertrag im "Lagerfeuer verbrennen". Und der

Vorsitzende des BDI, Olaf Henkel, erklärte 1999, dass die Mitbestimmung in

Deutschland nach dem Ende der Systemkonkurrenz zu teuer geworden sei. Das

ohnehin begrenzte Streikrecht wollen sie weiter demontieren.

 

Die Gewerkschaften reagieren defensiv auf diese Angriffe, sie kommen den

Unternehmern in der Krise voll entgegen und praktizieren Burgfriedenspolitik, um den

Standort Deutschland zu stützen.

 

Erschreckend bei der WM, wie leicht sich Millionen von Fußballfans zu kollektivem

Fähnchenschwenken manipulieren lassen - die Volksgemeinschaft steht drohend am

Horizont.

 

Staatsumbau und innere Militarisierung zeigen, dass die Bourgeoisie die

Notwendigkeit sieht, präventiv ihre Klassenherrschaft abzusichern. Die dargestellten

Maßnahmen lassen den Schluss zu, dass die Bourgeoisie notfalls auf eine „Diktatur mit

der Fassade der bürgerlichen Demokratie“ zielt, die auf legalem Weg erreicht wird. Die

Massenbasis durch eine faschistische Organisation kann immer noch geschaffen

werden, die Hilfstruppen stehen ja bereit.

 

Noch ist nicht abzusehen, dass das Monopolkapital seine soziale Hauptstütze

wechseln will: von den besser gestellten opportunistischen Schichten der

Arbeiterklasse sozialdemokratischer Prägung, die die Klassenzusammenarbeit

praktizieren, zur faschistischen Reserve, die von deklassierten Elementen des

Kleinbürgertums angeführt wird. Offen bleibt auch die Frage: Gibt es heute schon

Kapitalfraktionen, die den Übergang zum Faschismus als Möglichkeit in Betracht

ziehen?

 

5. Faschistische Hilfstruppen

 

Wenn die Gefahr vor allem beim Staatsapparat zu verorten ist, dann heißt das nicht, dass wir die faschistische Parteien (v. a. die NPD) und die Kameradschaften außer Acht lassen dürften. Wir sollten sie nichtunterschätzen. Wir beobachten ein beängstigendes Ansteigen des rechten Potentials, das die Strategie gewechselt hat und vordergründig antikapitalistisch und sogar

antiimperialistisch agiert. Die Bourgeoisie fördert die faschistischen Parteien finanziell

zwar nur in mäßigem Umfang, will sich aber die Möglichkeit offen halten, später einmal

auf sie zurückzugreifen. Deshalb sorgt der Staat dafür, dass sie sich über Staatsgelder

finanzieren und dass sie legal operieren können, und er schützt sie vor den

Antifaschisten. Die Bourgeoisie hält sie sich also in Reserve, wohl wissend, dass sie sie

vielleicht doch einmal nötig hat.

 

Ihre augenblickliche Funktion ist folgende:

 

1. sorgen sie für eine ideologische

Entwicklung immer weiter nach Rechts: Ausländer und Asylbewerber raus, Ruf nach

Sicherheit und Ordnung, Nationalismus und Chauvinismus, Antikommunismus usw. Sie

begleiten die Demontage der bürgerlichen Rechte mit dem Ruf nach dem starken Staat.

 

2. führen sie Teile des konservativen Lagers, z. B. die Burschenschaften und die

Vertriebenenverbände, an die faschistische Ideologie heran.

 

3. werden sie für eine Kanalisierung der antikapitalistischen Kritik in rechte Bahnen

gebraucht, da die soziale Unzufriedenheit steigt und die Bourgeoisie auf die Verarmung

weiterer Schichten der Arbeiterklasse hin arbeitet. Sie sollen also Arbeiter und

Angestellte für sich gewinnen und sie von den Kommunisten und Sozialisten fern

halten. Im Gegensatz zur historischen Entwicklung, wo es den Faschisten bis zu ihrem

Machtantritt nicht gelang, eine Massenbasis in der Arbeiterklasse zu finden, ist dies

heute durchaus eine Gefahr.

 

4. gleichzeitig stehen sie bereit für die Stimmungsmache gegen Linke und

Verfolgung von Minderheiten - so von „Ausländern“, insbesondere „Islamisten“,

Flüchtlinge und Juden. Die Bourgeoisie benützt sie als Schlägertruppe gegen die Linke.

und

 

5. binden sie mit ihrem Auftreten einen Großteil der Energie der Antifaschisten,

die in ihnen die eigentliche Bedrohung sehen und sich auf den Kampf gegen sie

konzentrieren.

 

 

6. Perspektiven der Gegenwehr

 

Die Maßnahmen der Bourgeoisie haben vorbeugenden Charakter, wie wir feststellten – die Mehrheit der Arbeiterklasse sieht die Gefahr, die ihr droht, noch nicht. Da die Arbeiterklasse von ihren demokratischen Rechten zu wenig Gebrauch macht, bleibt diese Entwicklung in ihrer Tragweite weitgehend unbemerkt. Denn nur, wer seine Rechte aktiv wahrnimmt, bemerkt auch

ihre Einschränkung bzw. Beseitigung.

 

Die mangelnde Kampfbereitschaft des Proletariats in Deutschland hat viele

Ursachen. Die objektiven Gründe wie die verschärfte Konkurrenz unter den Arbeitern,

ihre Aufspaltung in Stammbelegschaften, befristet Beschäftigten, Leiharbeitern,

(Schein-)Selbständigen und Arbeitslosen, ihre Individualisierung und Vereinzelung usw.

– an diesen Faktoren können wir wenig ändern, wenn sie auch nicht unüberwindbar

sind. Ansetzen können und müssen wir vorrangig an den subjektiven Faktoren, am

geringen Klassenbewusstsein. Reformisten und Opportunisten verschiedener Couleur

suchen die Arbeiterklasse ruhig zu stellen; vor allem mit der Standortideologie gelingt

es ihnen bisher weitgehend, die Kollegen vom Kampf gegen die Folgen der Krise

abzuhalten. Das wiederum behindert die Entwicklung des Klassenbewusstseins, das

sich vor allem in Auseinandersetzungen mit dem Kapital heranbildet. Ob dieser Kampf

erfolgreich geführt werden wird, ist entscheidend für die weiteren Klassenkämpfe.

Unterstützt wird die Tendenz der Unterordnung unter die Bourgeoisie durch die

herrschende Mediendiktatur, die Verblödungsmaschinerie der Medien, deren Folgen

einerseits Entmenschlichung, andererseits Rückzug ins Private sind (49). Dazu kommt

eine immer aggressivere antikommunistische Hetze. Die Denkschablonen des Kalten

Kriegs feiern fröhliche Urstände. Durch rassistische Hetze a la Sarrazin auf

Stammtischniveau soll die Spaltung des Proletariats weiter vorangetrieben werden,

Entsolidarisierung gegenüber Flüchtlingen und Arbeitsmigranten ist das Ziel. Dass

Sarrazin genauso gegen Hartz-IV-Empfänger und die „Unterschicht“ generell vom

Leder zieht, zeigt, dass es allgemein um die Arbeiterklasse geht, gleich welcher

Nationalität.

 

Gegen das Monopolkapital steht die Arbeiterklasse weitgehend allein. Und dabei

können große Teile des Proletariats, seine unterste Schicht, die als Prekariat

bezeichnet werden, sich nicht einmal gegen die alltäglichen Angriffe des Kapitals

wehren, weil sie vereinzelt sind oder ihr rechtlicher Status ungesichert ist oder/und sie

ihre Lage als hoffnungslos einschätzen. Es gilt, die Kernschichten des Proletariats zu

gewinnen. Es gibt von einzelnen Gewerkschaftsgliederungen Beschlüsse gegen den

Staatsumbau, das heißt aber noch lange nicht, dass die Arbeiterklasse handlungsfähig

wäre. Anders als 1968 ist die Gefahr dort bisher nur unzureochend erkannt. Die

Mobilisierung der Gewerkschaften ist die zentrale Aufgabe für den Abwehrkampf.

Für den antifaschistischen Kampf können jedoch auch kleinbürgerliche Schichten,

darunter die Intelligenz, gewonnen werden. Noch stehen sie überwiegend im Lager der

Bourgeoisie. Durch die fehlende Hegemonie des Proletariats und die Diskreditierung

der kommunistischen Ideologie fehlt ihnen die Orientierung, auch wenn viele von ihnen

die Dekadenz- und Verfallserscheinungen des Kapitalismus richtig zu deuten wissen.

Bei den rebellierenden Studenten liegen bisher gesellschaftspolitische Fragen noch

kaum in ihrem Focus, teilweise wird Politik bewusst draußen gehalten. Die notwendige

Aufgabe, die Zwischenschichten zu gewinnen oder wenigstens zu neutralisieren, ist

unter den aktuellen Umständen schwierig. Gerhart Baum wünscht sich eine

„bundesweite Bewegung ‚Rettet die Grundrechte’“ (50) - das wäre ein Ansatzpunkt.

Die augenblickliche Etappe ist eine der Defensive. Es geht um den Erhalt der

bürgerlich-demokratischen Republik, um ihre Verteidigung gegen die faschistische

Gefahr und gegen weitere Kriege. Das schließt die Propaganda für den Sozialismus

und gegen den Imperialismus nicht aus, im Gegenteil. Da die Gefahren ja vom

Staatsapparat aus gehen, müssen und können wir darüber aufklären, dass und wie die

herrschende Klasse sich ihn weitgehend untergeordnet hat.

 

Die Aufgaben, die strategisch in dieser Etappe auf uns warten, sind gewaltig:

Herausbildung revolutionärer Massenorganisationen - v. a. die Gewerkschaften müssen

Kampforganisationen gegen das Kapital werden – und Bildung der Einheitsfront der

Arbeiterklasse; enge Verbindung der Partei mit den Massen, vor allem die

Organisierung von Kadern, die Einfluss in der Arbeiterklasse haben. Und schließlich die

Volksfront zur Abwehr des Faschismus mit einer Regierung, die ein

antimonopolistisches Bündnis repräsentiert. Wir müssen deshalb ein möglichst breites

Bündnis mit allen demokratischen und antifaschistischen Kräften herzustellen suchen,

die bereit sind, einen Beitrag zur Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und zum

Kampf gegen die Militarisierung zu leisten.

 

Daraus kann die Gegenoffensive des Proletariats entstehen zur sozialistischen

Umwälzung. Da sich der Widerstand objektiv gegen den Imperialismus richtet, wird und

muss er antimonopolistisch/antiimperialistisch sein, auch wenn das nicht allen

Antifaschisten klar ist. Ob dies zur Gegenoffensive führt, hängt von der bis dahin

erreichten Handlungsfähigkeit und Stärke der Kommunisten ab.

 

Anmerkungen:

 

1) Helmut Kohl, Regierungserklärung 1991, zitiert nach taz 31.1.1991

2) Klaus Neumann, Deutscher Bundestag: Drucksache 13/2499 vom 29.09.1005

3) zitiert nach Ulrich Sander, Nein zum Bundeswehreinsatz im Innern,

Dokumentation einer Veranstaltung von verdi München am 26.9.2007

14

4) Verteidigungspolitische Richtlinien (VPR) vom 26.11.92, Pkt. 8, zitiert nach:

Grässlin, S. 361.

5) Weißbuch zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr

2006", S. 16

6) ebenda, S. 19

7) ebenda, S. 19

8) zitiert nach Lühr Henken, Rüstungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland,

Beitrag auf dem 2. Sozialforum am 19.10.2007 in Cottbus

9) Gerhard Schröder, zitiert nach IMI, IMI-Standpunkt 2005/056 - in: Internetzeitung

ngo-online, 06.09.2005, Johannes Plotzki, Rot-Grüne Außen- und

Verteidigungspolitik

10) Claudia Haydt, Das Ausmaß der deutschen Militarisierung sichtbar machen, in

Kongressbericht des IMI vom 14.11. 2007; zum „Lehrbeispiel“ der Nazi-

Wehrmacht in Afghanistan s. a. GFP Newsletter vom 05.05.2010 – „Einsatznah

ausbilden“ (II)

11) GermanForeignPolicy nach Marc Thörner: Afghanistan-Code, Reportagen über

Krieg, Fundamentalismus und Demokratie, Hamburg 2010

12) Detlef Bald, Wehrpflicht und Gelöbnisse überholt? in: Studienreihe

„Zivilgesellschaftliche Bewegungen – Institutionalisierte Politik“, Heft Nr. 14,

Februar 2009

13) „Die Zeit“ Nr. 48 vom 20.11.2003, zitiert nach Sander, s.o.; Bald zitiert nach

German Foreign Policy vom 15.4.2010)

14) SZ 15.12.09

15) FAZ.NET vom 3.11.2009

16) Die Zeit, 12.12.2009

17) zitiert nach jW vom 1.6.2010, S.11

18) Thomas Metscher, Imperialismus und Moderne, s. 31

19) Weißbuch, S. 7 und 8

20) Sabine Lösing / Jürgen Wagner, IMI-Analyse „Europäische Offensive“ 2010/002,

zitiert nach Junge Welt, 19.1.2010

21) Peter Strutynski in Junge Welt, 19. 12. 2009

22) zitiert nach Jan van Helsing, „Hände weg von diesem Buch“‚L’autre Journal,

März 1991

23) Referat beim 16. Kasseler Friedensratschlag an der Universität Kassel am 5.

Dezember 2009, zitiert nach UZ vom 6.12.2009, S. 6

24) Wolf-Dieter Gudopp, Auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg?, Wissenschaft und

Sozialismus, Frankfurt/M 1993, S. 8

25) ebenda, S. 13

26) in Junge Welt 19./20.12.2009

27) „Je mehr Not, desto mehr Notstand“. Dokumentation einer Veranstaltung des

verdi-Bzirks München am 30.1.2007, S. 14

15

28) zitiert nach Tobias Pflüger, Die Sicherheitsstrategie für Deutschland der

CDU/CSU, bei IMI, 2008, S. 3

29) Spiegel vom 3.1.1994

30) Spiegel, 16.7.2007

31) zitiert bei Ulrich Sander, „eine Bürgerkriegsarmee im Anmarsch, 21.04.07

32) Ulrich Sander, Nein zum Bundeswehreinsatz im Innern, s. o., S. 20

33) SZ 5./6.4.07

34) zitiert nach Ulla Jelpke, Junge Welt vom 6.7.05

35) Gabriele Heinecke, in „Je mehr Not ...“, S. 23ff

36) Rolf Gössner, Krisenmanagement! "Sicherheitsarchitektur" im globalen

Ausnahmezustand Bericht über den IMI-Kongress 2009, in: IMI-Standpunkt

2009/065, 26.11.2009

37) Jürgen Rose, Frontalattacke, in: Freitag 15, 14. April 2006

38) G. Heinecke, s. o., S.34

39) Wolfgang Schäuble, Der Zukunft zugewandt, Berlin 1994, S. 214

40) G. Heinecke, S. 22

41) Rolf Gössner, in: IMI-Standpunkt 2009/065, s. o.

42) W. I. Lenin, Über eine Karikatur auf den Marxismus, LW Bd 23. s.34

43) W. I. Lenin, Staat und Revolution, Bd. 25, S. 477

44) Kurt Gossweiler, Faschismus und antifaschistischer Kampf, in: Aufsätze zum

Faschismus, Bd II, Köln 1988, S. 549

45) Reinhard Kühnl, Faschismus – Antifaschismus, Theorien über den Faschismus,

in: Jens Mecklenburg (HRSG.), Handbuch des deutschen Rechtsextremismus,

Berlin 1996, S. 50, zitiert nach Tibor Zenker, Wirtschaftskrise, Faschismus und

Rechtsextremismus, in Neue Volksstimme (nVs) 12/09

46) Zit. in: UZ, 8. März 1996

47) nach German Foreign Policy vom 16.6.2010, Ein klein wenig Diktatur

48) Marcus Hawel, Dämmerung des demokratischen Rechtsstaats?, in SoPos

(Sozialistische Positionen)

49) Dazu sei das Buch von Thomas Metscher, Imperialismus und Moderne,

empfohlen, wo der Zerfall des Bewusstseins in der imperialistischen

Gesellschaft, einer fundamental kranken Gesellschaft, analysiert wird. „Eine

rationale Welterklärung heute schwimmt nicht nur gegen den Strom der Zeit, sie

hat mit dem Geist der Zeiten auch den Schein der Tatsachen gegen sich.“(S. )

Die Widervernunft ergibt sich wie im Selbstlauf, das Vernünftige erscheint als

Unvernunft, der Irrsinn als Normalität. Konsequenterweise wird jede Vernunft,

jegliche Rationalität, jeglicher Wahrheitsbegriff pervertiert und zerstört.

50) Gerhart Baum in: Saar-Echo vom 2.8.2006

 

4. Vorbereitungsetappen zum Faschismus?

 

Georg Benz, ehemaliges Vorstandsmitglied der IG Metall sagte anlässlich der

Notstandsgesetze 1968: „Die Gefahr, die uns droht – ich möchte es noch einmal

unterstreichen – ist der totale Staat im Gewande der Legalität – die Diktatur hinter der

Fassade formaler Demokratie“. Was hat er damit gemeint? Der Begriff „Diktatur“ wird

hier natürlich nicht im Sinne der „Diktatur der Bourgeoisie“ benützt, wie sie in jeder

bürgerlichen Demokratie herrscht, sondern als faschistische Diktatur verstanden. Es

wird vor der Entleerung demokratischer Strukturen gewarnt, die zur formalen Hülle

verkommen können.

 

Faschismus muss nicht in der Form des Nationalsozialismus mit martialischen

Massenorganisationen einher kommen, sondern kann auch Formen parlamentarischer

Demokratie umfassen, wie es in Italien zunächst der Fall war. Wir müssen nicht

zwangsläufig davon ausgehen, dass in Deutschland ein faschistisches Regime nur mit

Hilfe einer faschistischen Massenpartei installiert werden kann. Zur Zeit sieht es eher

so aus, dass die Bourgeoisie „auf dem geräuschlosesten ’legalen’ Wege der

Umschaltung vom bestehenden parlamentarischen auf ein faschistoides oder

faschistisches Regime, gestützt auf das vorsorglich bereit gestellte Instrumentarium von

Ausnahme- und Notstandsgesetzen und abgesichert durch die bewaffnete

Staatsmacht“ vorankommen will, wie Kurt Gossweiler dies schon 1976 als Möglichkeit

beschrieb (44).

 

Die allmähliche Durchdringung des Staatsapparats mit faschistischen und

rassistischen Kräften im Bündnis mit Kräften des Konservativismus und des

Militarismus ist zur Zeit in Italien zu beobachten. Die Nobelpreisträger Dario Fo,

Umberto Eco, Antonio Tabucchi oder Vincenzo Consolo haben wiederholt gewarnt,

dass von dieser Bündniskonstellation die Gefahr der Etablierung eines offen

faschistischen Regimes ausgeht. Anlässlich der Protestaktion gegen die Regierung von

Silvio Berlusconi am 8. Juli 2008 auf der Piazza Navona in Rom, schrieb Emberto Eco

einen Brief an die Teilnehmer, der am 2. Juli in der größten Zeitung Italiens La

Repubblica veröffentlicht wurde: „... in allen westlichen Ländern, ob in Amerika oder

Europa, gewinnen die Faschisten immer mehr Macht... und verwandeln die Länder in

Überwachungs- und Polizeistaaten. Der Faschismus von heute hat äußerlich nichts mit

dem aus der Vergangenheit zu tun. Keine Uniformen, Stechschritt und erhobener Gruß.

Nein, er ist modern, raffiniert verpackt und wird mit PR verkauft ... aber der Geist der

dahinter steckt, die tot

Werbung
ale Kontrolle und Ausbeutung, die Zensur, die

Mediengleichschaltung, die Lügen, der selbstgemachte Terror, der Sicherheitswahn,

die Unterdrückung von Andersdenkenden, die Militarisierung der Gesellschaft und die

Angriffskriege ... die Resultate sind die selben.“

 

Wir sollten allerdings die Vorbereitungsetappen nicht mit der Installierung eines

faschistischen Regimes selbst verwechseln. Der Begriff der „Faschisierung“ verwischt

die Grenzen zwischen bürgerlicher Demokratie und faschistischer Herrschaft. Der

Staatsumbau der BRD schafft die Voraussetzung für die offene faschistische Diktatur,

ist aber selbst davon noch deutlich zu unterscheiden. Die Kräfte des sog. bürgerlichen

Lagers, CDU/CSU sowie FDP werden dabei tatkräftig von der SPD und den Grünen

unterstützt, wobei Otto Schily Wolfgang Schäuble nicht im Geringsten nachstand.

Die Errichtung einer faschistischen Diktatur steht noch nicht auf der Tagesordnung

der Bourgeoisie. Aber der Faschismus bleibt „strategische Reserve der herrschenden

Klasse“ (45). Schon Mitte der 90er Jahre sagte Johannes Groß, der damalige

Chefredakteur von „Capital“:

 

 

"Nach dem Scheitern des K

 

Veröffentlicht in Gegen Rechts

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post