Vom Schein zum Sein: Kapitalismus splitternackt
An diesem Wochenende hat das griechische Parlament beschlossen, die Masse der Bevoelkerung in Armut zu stuerzen. 22 % Lohnkuerzung, zusaetzlich die Streichung des Weihnachts- und Urlaubsgeldes bei gleichzeitiger Erhoehung der Massensteuern und Kuerzung der Altersrenten bedeuten nichts anderes. Die deutsche Erpressung, das Kaputtsparen, um die Kredite der Grossbanken und "Finanzinvestoren" zu retten, ist insoweit gelungen. Griechenland ist nur das Exempel. Das deutsche Rezept gilt fuer alle EU-Staaten. Faule Kredite in Billionenhoehe sollen von den Lohnabhaengigen bezahlt werden, ueberall in Europa. - Zeitenwende. Der prosperierende Kapitalismus, in dem auch die mittleren und unteren Schichten ein wenig "mitkommen", ist Geschichte. Die deutschen Lohnbhaengigen werden davon nicht verschont bleiben. Sie kommen bloss ein wenig spaeter dran. Die zwei zurueckliegenden Jahrzehnte, in denen fuer die oberen Schichten der Arbeiterklasse der Lebensstandard stagnierte und fuer den Rest spuerbar, aber fuer die meisten doch nicht so einschneidend zurueckging und "nur einige Millionen" an den Rand eines Hungerlebens gebracht wurden, sind vorbei. Was jetzt folgt, ist ein Einschnitt, ein Absturz, der noch schwer vorstellbar ist.
Ich habe mir dieses Schicksalwochenende aus einer nicht-europaeischen Perspektive angesehen, auf dem lateinamerikanischen TV-Sender TeleSur. Das ist eine interessante Perspektive. Faktenreicher, als man das im deutschen Fernsehen mitgeteilt bekommt, wurde die Lage in Europa ausgeleuchtet. Eine arme Weltregion besieht das reiche Europa. Dieses Europa (von den USA zu schweigen) ist kein Vorbild mehr. Dahin zu kommen, wo die europaeische Peripherie jetzt ist und wohin das europaeische Zentrum kommen wird, ist keine nachahmenswerte Perspektive. Der Nimbus des "reichen Europa und Nordamerika" verblasst. Eine eigenstaendige Entwicklung wird plausibler. Wenn an anderen Weltregionen Mass genommen wird, ist das immer weniger "der Westen", sondern eher noch die VR China. Hier Stagnation und Rueckentwicklung - dort stuermisches Wachstum, Verdoppelung des Sozialprodukts alle zehn Jahre, und das im Durchschnitt seit jetzt sechs Jahrzehnten.
Die Polizisten in Roboter-Montur in Athen, die Strassen im Traenengasnebel, die brennenden Gebaeude - und das im reichen Europa ! Die Hundertausende, die an diesem Wochenende in Griechenland und Portugal auf die Strasse gingen, weil sie buchstaeblich ums Brot und ein Dach ueberm Kopf kaempfen muessen, waehrend die Reichen alles, was sie an nicht niet- undnagelfestem Kapital besitzen, laengst in die Schweiz gebracht haben - eine solche Zukunft ist nicht erstrebenswert. Die Sorte Freiheit, die die imperialistischen Zentren ihrer eigenen Bevoelkerung zu bieten haben, ist eher ein Anachronismus, ein Auslaufmodell. Seit Jahrhunderten gruendet Westeuropa seinen Reichtum auf die Beraubung der armen Weltregionen. Und trotzdem und obwohl das immer noch funktioniert, verarmen jetzt die Unter- und Mittelschichten in diesem Raubnest selbst ...
Das sind die ideellen Kosten der Krise der kapitalistischen Zentren. Das "Modell" des fortgeschrittensten Kapitalismus hoert auf, die Sehnsucht der armen Weltregionen zu sein. Zeitenwende.