Eigentumsbildung im sonnigen Sueden

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

2006 - die Krise lugte sozusagen schon um die Ecke - gab es ein neues innovatives Finanzinstrument zu vermelden:

JETZT IN SPANIEN: 50JAEHRIGE HYPOTHEKEN-LAUFZEITEN UND INVERSE HYPOTHEKEN

Auch die spanischen Werktaetigen bilden tuechtig Eigentum, vor allem in Form des eigenen Haeuschens bzw. der eigenen Eigentumswohnung. Neuerdings geraet die Sache allerdings ein wenig ins Stocken, weil die Sparneigung nachlaesst. Die um das Wohl ihrer Kunden besorgten Finanzinstitute haben sich aber, moderne Dienstleister, die sie sind, dagegen etwas einfallen lassen: Sie geben jetzt Hypotheken mit bis zu 50jaehriger Laufzeit aus. Das sollte der Eigentumsbildung doch wieder auf die Spruenge helfen. Die monatliche Belastung sinkt ja doch im Vergleich zu diesen alten, schon etwas angestaubten Finanzdienstleistungen wie den 30-, 25- oder gar nur 20jaehrigen Hypotheken erheblich.

Ein fideles Arbeitsleben hat also wieder eine Perspektive. Man kann es zu etwas Eigenem bringen, z. B. zu einer schicken Dreiraum-Wohnung, verkehrsguenstig gelegen, direkt an der A 8. Mit einer 50jaehrigen Hypothek ist das drin. Wenn man frueh anfaengt, ist das zu schaffen. Man muss schliesslich nicht jeden Tag Fleisch und Fisch essen, und es muss nicht immer das luxurioese Olivenoel virgen extra sein. Urlauben kann man auch bei Oma und Opa in  der idyllischen Extremadura oder auf Balkonien.

Wenn man etwas bewusster lebt, gehen die 50 Jaehrchen schnell vorbei - und schon hat man was Eigenes, ne schicke Dreiraum-Wohnung, direkt an der A 8. Zugegeben: Der Kaufpreis war etwas ueberhoeht, aber um nicht mehr als hoechstens 70 Prozent. Auch hat man sein Eigentum gleich dreimal bezahlt, wenn man die bequem niedrigen Monatsraten addiert. Aber moderne Finanzdienstleister wie, sagen wir: die Caja Madrid, koennen schliesslich auch nicht nur von Almosen leben. Gut, man ist jetzt Siebzig - man hat sehr frueh angefangen mit der Eigentumsbildung -, aber dafuer hat man jetzt einen beschaulichen Lebensabend vor sich, in der eigenen Dreiraum-Wohnung. Der Lift ist seit zwanzig Jahren kaputt ? Was solls, dreissig Jahre lang hat er ja doch seinen Dienst getan, und wer wird von den paar Stufen in den 5. Stock schon viel Aufhebens machen.

Bleibt ein kleines Problem: Die Rente ist besch... . Die ersten fuenf Jahre Pensionaersleben waren ganz schoen hart, mit der Hypothek noch am Hals. Und ohne diese Belastung kann man auch nicht weit hupfen. Irgendwie ist die taegliche praechtige Aussicht auf die A 8 allein doch nicht vollkommen befriedigend. Nach Santiago de Compostela moechte man schon einmal, oder hinueberhinunter an die Costa del Sol oder hinauf zu den Basken. Ein Bierchen in der Kneipe sollte auch mal drin sein, und das geht ins Geld, weil man dazu mit dem Bus in die Innenstadt fahren muss. Hier draussen an der A 8 ist es zwar idyllisch, aber irgendwie ist hier doch der Hund verreckt, kein Geschaeft, keine Bar, kein Garnix.

Auch dieses Problem loesen unsere modernen Finanzdienstleister mit einem Fingerschnipp: Man braucht bloss eine inverse Hypothek aufzunehmen, und schon kann man es als Rentner krachen lassen, dass die Jungfrau von Santiago stille Traenen der Ruehrung weint.

Die inverse Hypothek geht so: Man nimmt einfach einen Kredit auf, fuer den die dreimal bezahlte schoene Dreiraum-Wohnung als Sicherheit dient. Die Bank reicht ihn in monatlichen Raten aus, quasi als eine Zusatz-Rente. Das Schoene daran ist: Man zahlt keinen Centesimo. Dafuer gehoert die Eigentumswohnung nach dem Ableben des Hypothekennehmers der Bank.

Boeswillige koennten nun auf den Gedanken kommen: Da hat einer den irrsinnig ueberteuerten Preis einer Wohnung dreimal bezahlt - und am Schluss gehoert sie der Bank ... Was heisst da Eigentumsbildung ?! Ist das nicht vielmehr Beschiss nach Strich und Faden ?!

Nein, meine Damen und Herren Kritiker, so ist das nicht. Bedenken Sie doch: Das Problem der Eigentumsbildung ist ja in Wirklichkeit mit dem Ableben des Eigentumsbildners erledigt. Was braucht der denn noch ? Einen halben Quadratmeter in der Friedhosmauer fuer die Aschen-Urne. - Also !

Hakt ein ganz Boeswilliger nach: Und was ist mit den Kindern des verblichenen Eigentumsbildners ? Sollten nicht sie erben, anstatt der Bank ?!

Ich bitte sie ! Da hat dieser Opa gelebt in Saus und Braus, wohlversorgt mit einer Altersrente und der ueppigen Zusatzrente von der Bank, war dreimal in Santiago, zweimal bei diesen Andalusiern und einmal sogar bei den Basken, stuerzt jeden dritten Tag ein frischgezapftes Bier in sich hinein, isst jeden Tag Fisch oder Fleisch mit ueppig Olivenoel virgen extra, 3 Euro 50 die Flasche ... und da soll was uebrig bleiben fuer die Kinder ?! Sie sollten nicht noergeln, sondern ordentlich sparen lernen. Denn es steht doch geschrieben: Sparst du in der Zeit, hat die Bank in der Not.  

Werbung

Veröffentlicht in Spanien

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post