Briefe aus Frankreich, Nr. 2: Pressefest der Humanite
Alexandra hat ihren zweiten "Brief aus Frankreich" geschickt. Diesmal geht es um das Presefest der Humanite und Eindrücke von der französischen Linken. Ich gebe den Brief hiermit weiter an alle Interessierten - und hoffe, dass es viele sind:
Einige Eindrücke vom Pressefest der „Humanité" (16. -18.09.2011)
Von Franzosen wird sie vertraulich „Huma" genannt. 1904 von Jean Jaurès gegründet, ist sie dem Titel nach das progressive oder auch kommunistische Gewissen der Parti Communiste Français (PCF). Mit der Gründung der Partei 1920 wurde sie deren Begleiter im Kampf. 1939 wurde die Kommunistische Partei Frankreichs nebst ihrer Zeitung von der reaktionären Regierung Daladier verboten. Den Vorwand lieferte ein zustimmender Artikel zum Nichtangriffsvertrag Sowjetunion - Deutschland. Das ist eine der großen Heucheleien der bürgerlichen Klasse. Derselbe Daladier, der das Münchener Abkommen 1938 mitunterzeichnete und den Weg für die Faschisten Richtung Osten frei machte, verbot nicht nur die kommunistische Partei und deren Zeitung, sondern ließ in Vorbereitung der Besetzung Frankreichs durch das faschistische Deutschland alle führenden Kommunisten umbringen, deren er habhaft werden konnte. Die „Huma" erschien trotzdem weiter und wurde ein wichtiges Instrument der Resistance im Lande.
Nach der Befreiung Frankreichs vom Hitlerfaschismus nahm die Résistance und mit ihr folgerichtig an erster Stelle die PCF einen gewichtigen Faktor in der Politik des Landes ein und konnte gemeinsam mit den anderen fortschrittlichen Kräften in der IV. Republik gewichtige Erleichterungen für das arbeitende Volk durchsetzen. Neben dem verfassungsmäßig garantierten Recht auf Arbeit wurde auch der Mindestlohn eingeführt. Seit aber De Gaulle 1958 die sogenannte V. Republik installierte, geht es stetig wieder abwärts mit Frankreichs sozialen Rechten. Das war vielen Einwohnern bis vor wenigen Jahren noch nicht bewusst.
Das muss man wissen, um die Bedeutung der Zeitung für viele Franzosen zu verstehen. Selbst progressive Nichtkommunisten gehören seit Jahrzehnten (das Pressefest gibt es seit 1930) zu den Besuchern. Während des französischen Vietnam- und Algerienkrieges und auch später gab es immer wieder Versuche, diese Zeitung mundtot zu machen. Ein Genosse sagte mir: „Die Zeitung gehört zu unserer Geschichte, die lassen wir uns nicht nehmen." Ich hatte gefragt, warum seine Gruppe am Pressefest der „Huma" teilnehme, ob wohl sie der mittlerweile weitgehend opportunistischen PCF den Rücken gekehrt hatte.
Also auf nach La Courneuve zum Pressefest, dem Arbeitervorort im Norden von Paris. Bis etwa 1850 war das noch eine reine Ackerbauerngegend. Übrig blieben einige große Grünflächen. Die Industrialisierung zwischen I. und II. Weltkrieg brachte chemische (zuerst Düngemittel-) und metallverarbeitende Industrie und ein dichtes Straßen- und Eisenbahnnetz. Der über die Autobahn A 1 kommende Parisbesucher sieht die ausgedehnte 37.000 Einwohner zählende und von der PCF und Verbündeten regierte Gemeinde kaum. Heute ist von der Industrie nicht viel geblieben, aber die aus über 100 Nationen stammenden Menschen, die sich in Zeiten des industriellen Aufschwungs hier ansiedelten und sich nunmehr zum großen Teil mit Hungerlöhnen durchschlagen. 39,5 % der zu versteuernden Haushalte haben ein jährliches Einkommen unter 9400 ¬ (ohne Sozialversicherung).
Der Transport zum Pressefest war durch aktive Teilnahme der Beschäftigten von Nahverkehr und SNCF (Eisenbahn) und Polizei zur Verkehrsregulierung sehr gut organisiert. Immerhin ging es um 500.000 Besucher.
Die Eintrittskarten kosteten für die drei Tage einheitlich 27,-- ¬ pro Person und waren beim Verlassen des Geländes für den Tag verfallen. Also überließ ich den ersten Tag zwei jungen Leuten, die abends Avril Lavigne hören wollten. Die kanadische Sängerin sprang für die Gruppe Sum 41 ein, deren Sänger erkrankt war, für den Samstag war Joan Baez angesagt. Mehrere nationale Stars wie z. B. Yannick Noah komplettierten das umfangreiche Programm. Die gute Bühnenbesetzung erklärt zum Teil den großen Erfolg des Pressefestes. Meine jungen Leute konnte ich zufrieden und voller Eindrücke um Mitternacht abholen. Sie schwärmten von der Aufführung und einer Art venezolanischer Tortillas mit Hühnchenfleisch. Vor Jahren, wusste eines der Mädchen zu erzählen, war das Fest noch anheimelnder, weniger Kommerz. Irritiert hätten die Jugendlichen, die am Ausgang um Billets für die nächsten Tage bettelten. La Courneuve hat 23,2 % Arbeitslose. 42,5% der nicht Eingeschulten über 15 Jahre sind ohne Abschluss.
Der Samstag war mein Besuchertag.
Ohne Zweifel stand das Fest voll im Zeichen des Präsidentenwahlkampfs 2012 für die Front de Gauche, die Linksfront. Der auf den Nachmittag angekommene Kandidat Mélenchon brachte dicht umlagerte Spielmannszüge mit. Die sein Eintreffen ankündigende Fanfare soll aus dem Osten Deutschlands stammen und von der Art sein, die rote revolutionäre Spielmannszüge in den zwanziger Jahren nutzten. Der „Parisien" wusste auch zu melden, dass die spezielle Fanfare „Mélenchon" getauft worden sei. Die deutschen Spielmannszüge kenne ich aus alten Filmen. Heute erinnern sie wahrscheinlich eher an US-amerikanische Pompons-Girls.
Die Wimpel und Plakate für die Front de Gauche waren an allen Ständen der verschiedenen regionalen, lokalen und Departements-Organisationen der PCF zu sehen. Hier und da allerdings erklärten einzelne Sektionen und Föderationen der PCF sich gegen die Wahl Mélenchons als gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten und stellten einen eigenen auf. Sie kritisieren die EU-verbundene Haltung des Chefs der französischen „Linken" und erklären nachdrücklich: „Wir machen darauf aufmerksam, dass dieses sogenannte ‚gemeinsame‘ Programm [der Front de Gauche] strikt handstreichartig ohne die Kommunisten erarbeitet und der turnusmäßige Parteitag annulliert wurde."
Hinter dieser Haltung stehen u. a. die Kommunisten aus Saint Quentin, die lokale Gruppe Paris 15 und auch die besonders kämpferischen von der Rhône-Mündung um Marseille (Bouche-du-Rhônes).
Einige Gruppen nutzten das Pressefest, um die Front de Gauche abzulehnen und für eine in den Sternen stehende revolutionäre gemeinsame Bewegung zu plädieren. Vor allem aber erklären sie ihr kommunistisch motiviertes Engagement und ihr Eintreten für eine Revolution als einzige Lösung aller Probleme. Das dürfte so von ehemaligen K-Gruppen in Deutschland bekannt sein. Im gleichen Atemzug stellen sie in erhabener Pose den sozialistischen Weg Kubas in Frage, verteufeln die VR China als imperialistisches Land oder begrüßen die „Befreiung" der sozialistischen Staatengemeinschaft. Es ist doch erstaunlich, wenn eine solche sich marxistisch-leninistisch nennende Gruppe gleichzeitig mit der Zeitung „La Riposte" [so viel wie Gegenangriff] der trotzkistischen Jugendbewegung der PCF jeweils einen Vertreter der griechischen KKE zur Diskussion einlädt. Die Haltungen der jeweiligen Gruppen sind ihren Veröffentlichungen bzw. waren dem zum Verkauf angebotenen gedruckten Material zu entnehmen.
Auf der Webseite der „Huma" steht: Es ist die einzige Presse-Gruppe, die ihren Lesern gehört. Das stimmt allerdings nur sehr bedingt. Seit 1994 ist sie wegen immer wieder auftretender finanzieller Probleme, aber vor allem wegen der ideologischen Verformungen innerhalb der PCF zur Plattform verschiedener anderer Organisationen geworden. Nachdem sich die „Huma" 2000 aus Finanznöten auch Privataktionären öffnete, gehören 20% einer Gruppierung diverser Aktionäre, hinter denen wiederum Gruppen wie z. B. Lagardère und Marcel Dassault stecken. Entsprechend lang ist auch die Liste der Sponsoren („Partner des Festes").
Mit vielen multikulturellen Vereinen und Organisationen als Partner des Festes der Huma entstand ein buntes Flair, bereichert durch diverse Theater- und Zirkusveranstaltungen. Hier ordneten sich die rummelartigen Karussells und Schleudersitze für Ältere ein.
Nicht vergessen wurde das leibliche Wohl in Form von ausländischen und Spezialitäten der Regionen Frankreichs: Warme Lyoner Würstchen mit Beaujolais, Käse, Schinken und Fondue aus Savoyen aus der Rhône- Alpen-Gegend; aus dem Süden die Fettleber, verschiedene eingelegte Geflügel, Cassoulet (ein Gericht aus Gänseklein mit Bohnen, aber in jeder Gegend anders gemischt und sehr reichhaltig), von der Kanalküste Muscheln und Austern vom Atlantik …. Austern und Muscheln sind übrigens an der Küste jederzeit ein Muss, dürfen aber im Herbst und Winter überall in Frankreich nicht fehlen, insbesondere zum Jahresende. Gegessen wird alles, was kreucht und fleucht. Nur lange nicht in den Mengen und als Menüfolge, wie es Reisebeschreibungen vorführen und sehr abhängig vom Geldbeutel. „Bei uns zu Hause", sagte mir ein Jugendlicher, „essen wir abends häufig nur ein Stück Käse und Brot." Das war ein Handwerker-Haushalt mit zwei Verdienern und drei Kindern. In prekären Haushalten scheinen mir selbst die preiswerten Austern zu den Festen fraglich. Da stellt ein Besuch bei Mc Donald bereits ein Ereignis dar.
Die Verkaufsstände gehören zu allen Festen. Um nicht in den Verdacht zu kommen, nur ans Essen zu denken: Ich konnte mir endlich das gewünschte Palästinensertuch echt aus Damaskus kaufen. Gleich daneben klärte eine Organisation über die „Verbrechen Assads" auf. Und rechterhand stellte EADS seine Forschungen und Anstrengungen für die Zukunft der Menschheit vor.
Nach einem kurzen Blick in den Stand der deutschen „Linken" rettete ich mich vor all dem Trubel ins Diskussionszelt der Republik Venezuela und der ALBA-TCP-Staaten. Ihnen wurde auf dem Gelände ein großer Platz eingeräumt. Im Diskussionszelt informierte ein Bildschirm ständig über Ziele und Erfolge Venezuelas: Die sozialen Ausgaben des Staates betragen 43,2% des Staatsbudgets, womit in 7 Jahren die extreme Armut von 29,8% auf 6,9% (2010) zurückgedrängt werden konnte. Der Mindestlohn wurde in 13 Jahren um das 14-fache gesteigert. Die Gesundheitsfürsorge in Zusammenarbeit mit den ALBA-Staaten (insbesondere Dank kubanischer Hilfe) half seit 2003, mehr als 1,5 Mio. Menschenleben zu retten. Seit 2005 ist das Land alphabetisiert (offizielle Feststellung der Unesco)und mehr. Wen wundert es, wenn afrikanische Länder ein großes Interesse an den Erfolgen der ALBA-Staaten bekunden? Das Forum zu den Beziehungen Afrikas und der lateinamerikanischen Staaten unter Anwesenheit der Botschafter Venezuelas und Kubas sowie einiger Persönlichkeiten und Vertretungen progressiver Regierungen und Vereinigungen afrikanischer Länder war demzufolge auch sehr gut besucht.
Der Umfang des Pressefestes erlaubte nicht, in alle der über 120 vertretenen Stände ausländischer Zeitungen und Parteien zu schauen.
Dieses Pressefest war bunt, trotz der vielen roten Wahlkampfwimpel. Die Menschen kamen, um sich den Fragen für eine bessere Welt zu stellen. Besonders viele junge Leute machten das deutlich durch Aufschriften auf ihren T-Shirts. Ob Umweltschutz, Kampf für soziale Rechte, Gleichberechtigung, Rechte von Asylanten – nichts wurde ausgespart. 500.000 interessierte und aufgeschlossene Besucher sind eine nicht zu unterschätzende Menge Menschen.
Für mich ergaben sich neue Fragen und Probleme, z. B. die nach der Bündnispolitik und der Rolle einer kommunistischen Partei in ihr. Und, und ….
Ich will versuchen, euch an der Beantwortung teilhaben zu lassen.
Es grüßt aus dem herbstlich schönen Frankreich
Alexandra
P.S.:
Alle persönlichen organisatorischen Fragen zur Rentré