Spanien: Rückkehr des Elends
Es ist noch nicht lange her, dass es in Spanien für die unteren Schichten ums tägliche Essen, einigermassen trinkbares Wasser und ein Dach überm Kopf ging. Die Älteren von heute erinnern sich noch an die mageren Zeiten ihrer Jugend. Aber dann wurde das Franco-Regime gestürzt, erfasste ein Aufbruch das Land und fand Anschluss an die fortgeschritteneren kapitalistischen Länder weiter nördlich. Innerhalb drei Jahrzehnten verwandelte sich das Land - Strassen und Autobahnen, Millionen neuer Wohnungen, ein Angebot an Konsumgütern, das dem in Deutschland oder Frankreich nicht nachstand.
Spanien überholte 2007 Italien knapp im BIP/pro Kopf. Aber seit etwa der Jahrtausendwende war der Aufstieg schon hauptsächlich einer auf Pump. Die Leute, denen früher so wichtig gewesen war, ein paar Pesetas Ersparnisse zu haben, begannen, sich für Wohnung, Auto und sogar das tägliche Leben mit Konsumentenkrediten und Kreditkarten zu verschulden. Ein Wahnsinn griff um sich, demzufolge man nur eine Eigentumswohnung oder ein Haus auf Kredit zu kaufen brauchte, um zehn Jahre später etwas zu besitzen, das das Doppelte des Kaufpreises wertsein würde.
Ich habe den Höhepunkt und das Ende dieses Booms erlebt. Als wir Ende der 1990er Jahre nach Spanien übersiedelten, war der kleine Panda noch das Volksvehikel. Zehn Jahre später kutschierte fats jedermann in einem "Mittelklasse"-Auto herum - auf Kredit. Dann crashten Mitte September 2008 die Aktien. Die Arbeitslosigkeit schnellte auf über 20 Prozent hoch, bei den Jungen auf über 40 Prozent. - Zeitenwende.
Der folgende Artikel von Elli Rötzer, der gestern in junge welt erschienen ist, illustriert die heutige Lage. Die Not ist zurück und greift immer weiter um sich. Ich kann aus eigener Erfahrung und Anschauung bestätigen, was sie schildert.
Hier der Text:
Reportage. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist längst in der Lebenswirklichkeit der spanischen Bevölkerung angekommen
Von Elli Rötzer Sozialer Abstieg: Ohne Erwerbstätigkeit und Lohn bleibt vielen nur der Weg in die Armenküche (Madrid, 12. Februar 2010) Foto: AP |
Rosa Velazquez hat acht Lampen in ihrem Wohnzimmer, aber die 37jährige Hausfrau aus Málaga in Südspanien macht abends immer nur zwei an. Sie sieht älter aus als 37, ist mager, unter den Augen hat sie große Schatten. Ihr Mann hat seinen Job verloren und findet keinen neuen, das Arbeitslosengeld ist längst verbraucht, Sozialhilfe gibt es in Spanien fast nicht. Ihr gesamter Alltag dreht sich deshalb darum, Ausgaben zu senken und den Verbrauch auf das Nötigste zu reduzieren. Sie hat vier Kinder zwischen drei und zehn Jahren und nur 430 Euro im Monat zur Verfügung. Mit dem Geld kann sie gerade mal die Miete zahlen. Deshalb muß sie streng sein, um zu überleben. Stromsparen ist eine der wichtigsten Regeln, eine andere ist Wassersparen. »Die Kinder dürfen nur duschen, baden ist tabu, es muß schnell gehen, alle duschen immer hintereinander, damit der Boiler nicht mehrmals anspringen muß«, sagt Rosa Velazquez. »Die Waschmaschine fülle ich immer richtig voll, und den Ofen mache ich gar nicht mehr an.«
Trotz der schwierigen Situation hat sie ihren Optimismus behalten. «Wenigstens können wir jeden Tag warm essen. Wir haben viele Bekannte, die sich nicht einmal mehr das leisten können», sagt Rosa. Sie und ihr Mann Antonio sind nur zwei von vielen Spaniern, die derzeit auf Sparflamme leben müssen.
Mehr als ein Fünftel aller Spanier sind derzeit arbeitslos, bei den unter 25jährigen liegt die Zahl sogar noch höher: Fast 43 Prozent finden nach der Ausbildung keinen Job. Eine Besserung ist nicht in Sicht.
Während Europa fürchtet, daß Spaniens Wirtschaft zusammenbricht, leiden die Menschen bereits seit zwei Jahren unter den Folgen der Krise: Die Rechte der Erwerbstätigen werden beschnitten, Sozialhilfen gestrichen. Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero will sein Land mit allen Mitteln aus der Krise holen. Seine Methode: die weitere Liberalisierung der Wirtschaft. Am 19. September hat sein Kabinett eine reaktionäre Arbeitsmarktreform verabschiedet: Als Kündigungsgrund genügt nun, wenn die Geschäftsführung erwartet, daß die Gewinne zurückgehen werden – bisher mußte ein tatsächlicher Rückgang nachgewiesen werden – oder, daß der Angestellte mehr als 2,5 Prozent der Arbeitszeit fehlt; bisher war eine Entlassung nur bei einer Fehlzeit von mehr als fünf Prozent möglich.
Anfang Dezember erklärte Zapatero jetzt, weitere »Reformen« umsetzen zu wollen – am Arbeitsmarkt, bei den Renten, bei der Sozialhilfe. Die Hilfen für Langzeitarbeitslose sollen gestrichen, die Gehälter von Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst gekürzt, der Kündigungsschutz noch weiter aufgeweicht, Staatsunternehmen verkauft werden. Die Reaktionen auf die Ankündigung der neuesten Einschnitte ließen nicht auf sich warten. Die Fluglotsen, deren Gehalt bis um die Hälfte gekürzt werden soll, traten in einen wilden Streik. Zapatero reagierte hart. Er verhängte den Ausnahmezustand, die Streikenden konnten vor Militärgerichten verurteilt werden.
Und das ist erst der Anfang. Denn: Spekulanten bringen die Wirtschaft weiter ins Straucheln, die Zinsen für spanische Staatsanleihen steigen immer höher. Dabei sind Spaniens Staatsfinanzen im Vergleich zu anderen Ländern relativ robust: Fast alle Schulden hat der Staat bei einheimischen Banken, die kein Interesse an einem Zusammenbruch des Wirtschaftssystems haben.
Das Problem in Spanien ist grundsätzlicher Art: Die Wirtschaftsstruktur ist marode: Der Bausektor ist noch immer die wichtigste Säule, dabei ist er schon längst zusammengebrochen. Auch davon zeugt die Lebensgeschichte von Rosa Velazquez. Ihr Ehemann Antonio hatte bis vor zwei Jahren eine Baufirma, die den beiden einen guten Lebenstandard verschaffte. Damals konnte sie sich alles leisten, was sie wollte, mußte nicht rechnen, um den Alltag zu meistern. Es lief gut, bis die Kunden ihres Mannes aufhörten zu zahlen, die Schulden kamen und ihr Haus zwangsversteigert wurde. Gerade mal 70000 Euro bekamen sie für ihr Eigenheim, für das sie fünf Jahre zuvor 200000 Euro bezahlt hatten. Die Hypothek für das Haus, das sie jetzt nicht mehr haben, zahlen die beiden immer noch zurück. Fast den gesamten Betrag hatten sie über einen Kredit finanziert. Etwa 600 Euro im Monat müssen die beiden noch 15 Jahre lang bezahlen.
Seit dem Jahr 1985 wurde in Spanien hemmungslos gebaut. Die Banken gaben fast jedem einen günstigen Kredit, der in eine Immobilie investieren wollte. Wer konnte, kaufte noch eine zweite Wohnung dazu. Immobilien galten in Spanien als sichere Investition, eine Mietwohnung als Geldverschwendung. Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung besaßen 2008 nach Angaben des spanischen Wohnungsbauministeriums ein Eigenheim. Innerhalb von zehn Jahren stiegen die Wohnungspreise im Durchschnitt um 500 Prozent. Doch Anfang des Jahres 2008 war der spanische Immobilienboom vorbei, die Preise sanken, die Kreditzinsen stiegen. Weil Zehntausende ihre Jobs in der Baubranche verloren, konnten plötzlich viele Familien ihre Hypotheken nicht mehr zurückzahlen. Viele verloren wie Rosa Velazquez und ihr Mann ihr Eigentum.
Die beiden mußten ihr Haus verlassen und in eine Mietwohnung umziehen. Angesichts der Probleme ging die Ehe in die Brüche. Antonio lebt jetzt wieder in seinem Kinderzimmer bei den Eltern, Rosa Velazquez wohnt mit den Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Sie bekommt 72 Euro Sozialhilfe im Monat, und es sieht so aus, als würde der Staat auch diese Hilfe bald streichen. Um alle Rechnungen bezahlen zu können, geht sie jetzt jeden Tag putzen. Sie zahlt 40 Euro Strom im Monat und 30 Euro für das Wasser. »Ich weiß fast in keinem Monat, woher ich das Geld nehmen soll«, sagt sie. Sie besitzt ein Handy, damit sie für ihre Kunden erreichbar ist, aber sie hat nie Guthaben.
Die Arbeitslosigkeit betrifft, direkt oder indirekt, bereits fast alle Spanier. Es gibt kaum eine Familie, in der nicht mindestens ein Mitglied ohne Erwerb ist. Die Notlage der Menschen wird immer größer. Und nicht nur die Arbeitslosigkeit macht den Spaniern zu schaffen. Die Gehälter sind so niedrig, daß selbst diejenigen, die noch in Arbeit sind, nicht genug Geld zum Leben haben. Selbst wer mehrere Jobs macht, kann mit einer Familie kaum den Alltag bewältigen.
Die Statistiken von Unternehmen wie dem spanischen Stromzulieferer Endesa oder dem Wasserversorger Emasa zeigen die Armut deutlich. Zwischen Januar und September drehte Endesa allein in der Provinz Málaga knapp 44000 Kunden den Strom ab, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten. Knapp 70000 weiteren Kunden drohte die Firma mit dieser Maßnahme, falls sie die nächste fällige Rechnung nicht begleichen sollten. Das bedeutet, daß etwa sieben Prozent der Bewohner der Provinz Málaga in diesem Jahr einen kalten Winter verbringen könnten. An der Costa del Sol wurde in diesem Jahr zudem fast 6000 Haushalten der Wasserhahn vorübergehend abgedreht, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten. Und die Provinz Málaga ist nicht gerade die ärmste spanische Provinz. Denn es gibt immer noch die Tourismusbranche, die zumindest während der Saison Arbeitsplätze schafft.
Hinter all diesen Zahlen stehen menschliche Schicksale. In Spanien wird das Phänomen »Energiearmut« genannt, der Begriff bezeichnet eine neue Gruppe von Armen: Gemeint sind Menschen, die mit ihrem Einkommen kein normales Leben führen können. Sie verdienen nicht genügend Geld, um sich fortbewegen – sei es mit dem Auto oder mit dem Zug – und um alle Strom- und Wasserrechnungen begleichen zu können. Es ist eine der schlimmsten Folgen der Wirtschaftskrise. Betroffen sind diejenigen Menschen, die normalerweise stets pünktlich ihre Rechnungen bezahlt haben. Sie müssen jetzt, nachdem die Immobilienblase geplatzt und mit ihr das spanische Wirtschaftswunder wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist, bei Wohltätigkeitsvereinen wie Caritas, dem Roten Kreuz oder OSAH (Organización Social de Acción Humanitaria – Soziale Organisation für Menschenrechte) um Hilfe bitten. Denn das spanische Sozialsystem bietet ihnen keinen Rückhalt.
»Habe Hunger«: Arbeitsloser Bauarbeiter bettelt in einer Fußgängerzone (Pamplona, 30. April 2010) Foto: AP |
Auch wenn María José Rubio duscht, muß es deshalb schnell gehen: »Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern, und den Hahn drehe ich immer ab, wenn ich mich einseife«. Ihr Alltag ist vom Sparzwang bestimmt. »Wenn ich einkaufen gehe, klappere ich mehrere Supermärkte ab, um die besten Angebote zu finden«, sagt sie. »Und ich bete, daß kein Kind neue Schuhe braucht oder neues Material für die Schule. Solche Ausgaben können wir uns einfach nicht leisten.«
Trotz der Anstrengungen schuldet die Familie dem Vermieter drei Monatsmieten, und es kommt immer wieder vor, daß sie die Stromrechnung nicht begleichen können. Damit der Strom nicht abgestellt wird, hat sie Hilfe bei OSAH gesucht. »In den spanischen Medien ist immer von der Dritten Welt die Rede, aber auch in Spanien gibt es viele Familien wie wir, die genau so schwieriege Lebensbedingungen meistern müssen wie die Menschen in Entwicklungsländern«.
Viele von ihnen sehen ihre letzte Hoffnung in Vereinen wie OSAH, die viermal im Jahr Essenspakete verteilen und in besonders schlimmen Fällen auch mal eine Strom- oder Wasserrechnung begleichen.
Die Caritas-Vereine übernehmen eine wichtige Aufgabe. Das soziale Netzwerk steckt in Spanien jedes Jahr mehr als zweieinhalb Millionen Euro in Direkthilfe, das Geld wird an Kirchen im ganzen Land verteilt. Auch der Direktor von Caritas in der Provinz Málaga, Anselmo Ruiz, hat festgestellt, daß sich die Zahl der Hilfsbedürftigen in den Jahren 2008 und 2009 im Vergleich zu den Jahren vor der Krise verdoppelt hat. Caritas unterstützt derzeit 23000 Familien aus Málaga, insgesamt mehr als 90000 Menschen. Einigen von ihnen bleibt am Ende des Monats so wenig Geld übrig, daß sie Strom- und Wasserrechnungen unbezahlt lassen müssen. »Im vergangenen Jahr haben in unseren Zentren zehn Prozent mehr Menschen Unterstützung für Strom und Wasser angefragt als zuvor«, heißt es in einem Schreiben der Caritas.
Damit ein Teil des Stromverbrauchs nicht vom Zähler gerechnet wird, legen die Bewohner entweder einen kleinen Bypass, damit der Zähler langsamer läuft. Oder sie manipulieren die Stromzähler so, daß diese den Verbrauch überhaupt nicht mehr registrieren. Mit einem einfachen Draht stoppen die Hausbewohner zum Beispiel das Rädchen des Zählers.
Nicht nur die Stromzähler werden in der Provinz Málaga manipuliert, auch die Wasserzähler. Im vergangenen Jahr haben Inspekteure des Wasserwerks von Málaga mehr als 1500 Hausbesuche gemacht, weil der Verdacht bestand, daß die Bewohner den Zähler abgestellt hatten. »Wenn wir feststellen, daß jemand den Wasserzähler tatsächlich manipuliert, dann gehen wir normalerweise folgendermaßen vor: Wir schätzen zuerst den Verbrauch, der nicht bezahlt wurde, und handeln mit dem Betroffenen eine Zahlungsmodalität aus; kommt der Bewohner unseren Forderungen nicht nach, drehen wir die Wasserversorgung ab und reichen eine Klage ein. In den meisten Fällen werden die Bewohner verurteilt, denn sie können die Rechnungen nicht bezahlen. Dann schicken wir den Gerichtsvollzieher«, heißt es vom Wasserwerk Emasa.
In diesem Jahr hat das Unternehmen bisher mehr als 200 Fälle angezeigt, insgesamt fordern sie rund 400000 Euro für nichtbezahlten Wasserverbrauch, im Durchschnitt etwas mehr als 2000 Euro pro betroffenen Haushalt. Im gesamten Jahr 2009 wurden nur 145 solcher Vergehen vor Gericht gebracht.
Auch die Vizepräsidentin des Vereins der Hausfrauen von Andalusien Casa Al-Andalus, María Huelin, sagt, daß die Zahl derer, die die Güter des täglichen Lebens nicht bezahlen können, stetig steigt. »Das Problem ist, daß in der Krise alle Preise angestiegen sind – aber nicht die Gehälter und die Pensionen. Der Strom ist teurer geworden, das Gas, der Bus, das Benzin (…) und am Ende des Monats bleibt den Verbrauchern immer weniger Geld übrig. Irgendwann haben sie dann gar nichts mehr und werden zahlungsunfähig.«
»Dieses Jahr läuft es noch schlechter als im vergangenen. Von Juni auf Juli 2010 haben wir bisher den größten Einbruch innerhalb von zwei Monaten erlebt, der Verbrauch ging um zehn Prozent zurück. Den Menschen geht es offensichtlich wirklich schlecht«, erklärt Fontes. Dies beweisen auch die durchschnittlichen Ausgaben beim Tanken. »Vor der Krise haben die Kunden immer etwa für 20 Euro getankt. Jetzt sind es nur noch 13 Euro. Und die Zahl geht immer weiter nach unten, wenn wir uns dem Monatsende nähern. Um die Monatsmitte haben die Menschen kaum Geld übrig, und die Zahl derer, die nur fünf Euro tanken, nimmt zu.« Und es gibt noch schlimmere Fälle: »Es passiert immer häufiger, daß jemand Sprit in der Flasche kauft, weil das Auto stehengeblieben ist, weil der Tank leer war. Es gibt auch viele Leute, die uns bitten, anschreiben zu dürfen, und uns im Gegenzug ihren Ausweis oder ihre Uhr da lassen wollen«, sagt Fontes.
Ihr Auto hat Rosa Velazquez längst verkauft. Wenn sie irgendwohin muß, fährt sie mit dem Rad oder geht zu Fuß. Wenn sie Glück hat, trifft sie im Supermarkt einen Bekannten, der ihre Tüten nach Hause bringt. »Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn wir uns nie ein Haus hätten leisten können«, sagt sie. »Dann müßten wir nicht die Schulden zurückzahlen. Und es wäre jetzt alles einfacher zu ertragen.« Sie sitzt am Küchentisch ihrer Wohnung, ihre Schultern sind eingefallen, sie schluckt. »Die Fallhöhe wäre nicht so groß.« Dann streckt sie sich, steht langsam auf. Müdigkeit kann sie sich nicht erlauben, sie muß jetzt wieder putzen gehen.
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