Vor den Duma-Wahlen in Russland
Stimmenkauf für die Kreml-Partei
In: unsere zeit vom 18.11.11
Am 4. Dezember wird in Russland die Staatsduma, das zentrale Parlament, neu gewählt. Es könnten dies "Wahlen" werden, die sich unter die schmutzigsten unter den ohnehin nicht sauberen Wahlen der jüngsten russischen Geschichte einreihen. So hat die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) der Justiz bereits eine lange Liste mit den gravierendsten Beispielen für die Verletzung der Wahlgesetze durch die Kreml-Partei "Einiges Russland" (ER) und die Staatsorgane während der Vorwahlzeit vorgelegt. Dazu gehören massive Behinderungen des Wahlkampfes der KPRF und anderer oppositioneller Parteien durch die Verweigerung kommunaler Versammlungsräume, Beschlagname von Wahlmaterial, Missbrauch der öffentlichen Medien für einseitige Propaganda zugunsten der "Einiges Russland", Stimmenkauf und andere.
Über Stimmenkauf für die "Einiges Russland" ist auch in der unabhängigen Internetzeitung "Russland-Aktuell" zu lesen. So berichteten Rentner in St. Petersburg, dass sie telefonisch aufgefordert wurden, sich im nächsten Büro der Putin-Partei "Einiges Russland" eine Garnitur Bettwäsche abzuholen.
Straßenbau nach Wahlverhalten
Ein Blogger aus Murmansk enthüllte in seinem Video ein aufwendig inszeniertes Szenario des Stimmenkaufs. Danach wird der Stimmenkauf von einem Geschäftscenter der Stadt aus organisiert. Dort erhalten Wähler, die sich bereit erklären, für die von Präsident Medwedjew angeführte Liste von "Einiges Russland" zu stimmen, nach ihrer "Registrierung" zunächst 300 Rubel (ca. 7,20 Euro) Anzahlung für eine sogenannte "Selbstagitation". Wer nach den Wahlen dann Fotos seines Passes und eines "richtig" ausgefüllten Stimmzettels vorlegt, soll noch mal mindestens 800 Rubel Prämie erhalten. Für die Werbung von Leuten, die sich ebenfalls bereit erklären "Einiges Russland" zu wählen und das auf diese Art beweisen wollen, sollte der Blogger jeweils 250 Rubel erhalten, wenn er eine Liste der Stimmwilligen mit Namen, Adresse und Handy-Nummer vorlege. Der Blogger hat seinen Besuch im Center bei der Stelle für den Stimmenkauf und die dort geführten Gespräche im Film festgehalten. Durch ein Enthüllungsvideo wurde auch der Versuch eines Stimmenkaufs durch den Bürgermeister der Industriestadt Ischewsk in der Teilrepublik Umurtien bekannt. Er versprach den Vertretern von lokalen Veteranenverbänden, in deren Stadteilen "Einiges Russland" mindestens 50 Prozent erreiche, 500 000 Rubel (12 000 Euro). Wer in seinem Stadtteil 60 Prozent für die Kreml-Partei mobilisiere, erhalte die doppelte Summe.
Ebenfalls in Umurtien erklärte der Chef des Präsidenten- und Regierungsapparats vor Taxifahrern der bisher mehrheitlich kommunistisch wählenden Stadt Glasow, dass die Finanzierung des Straßenbaus unmittelbar mit dem Wahlverhalten der Bürger zusammenhänge. Im Sommer habe Glasow dafür 10 Mio. Rubel (241 000 Euro) erhalten, das gleich große Sarapul hingegen 30 Mio. Rubel. "Bei den letzten Wahlen - so der Spitzenbeamte - haben die Glasower selbst auf diese 20 Mio. Rubel verzichtet." Denn, so verlautete er weiter, derartige Projekte wurden und werden von "Einiges Russland" koordiniert, und die Partei entscheide, wie man mit "weichen Regionen" arbeite.
Diese manifestierten Versuche des Stimmenkaufs durch "Einiges Russland" und die Behörden sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die Liste der KPRF ist sehr viel länger. Da muss wohl damit gerechnet werden, dass es auch bei den Wahlen selbst wieder massive Wahlfälschungen geben wird. Das werden in dem riesigen Land auch die relativ wenigen internationalen Beobachter nicht verhindern können.
Den Hintergrund dafür, dass die Kreml-Partei mehr und mehr alle "demokratischen" Verhüllungen fallen lässt, dürften die Stimmenverluste von "Einiges Russland" bei den letzten Urnengängen auf regionaler Ebene sowie die Resultate der jüngsten Wählerbefragungen bilden. So soll "Einiges Russland" nach der letzten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Levada-Center von Anfang November gegenwärtig nur mit 51 Prozent der Stimmen rechnen können. Bei der vorangegangenen Umfrage des gleichen Instituts waren es noch etwa 60 Prozent. Die zum Durchwinken der vom Kreml vorgelegten Gesetzentwürfe in der derzeitigen Duma reichende Zwei-Drittel-Mehrheit von "Einiges Russland" könnte nach den Wahlen dahin sein. Der Kreml und die sonst so selbstgewissen ER-Parteibürokraten sind nervös geworden.
Willi Gerns
Via http://www.triller-online.de/index2.htm