Zur weltpolitischen Lage 1939

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Die Wahrheit ist immer historisch-konkret. Wenn historische Tatsachen durch die Brille subjektiver Meinungen oder tagespolitsicher Zwecke gespiegelt werden, bleibt sie auf der Strecke. Den folgenden Text spiegele ich, weil auf der DKP-Internet-Seite kommunisten.eu bedauerlicherweise ein Text erschienen ist, der dafür ein Beispiel ist: http://www.kommunisten.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=3017:q-stalin-der-verraeter-bist-du-q&catid=77:analysen&Itemid=154 .

 

Wie war die weltpolitische Lage 1939, also zum Zeitpunkt des Abschlusses des deutsch-sowjetischen Nichtangriffs-Vertrags ? Was waren die Gründe und Motive dafür, dass die Sowjet-Union diesen Vetrag einging ?

 

In dem von Stalin vorhetragenen Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU an den 18. Parteitag wurde das gründlich analysiert. Hier der Text:

 

 

RECHENSCHAFTSBERICHT AN DEN XVIII. PARTEITAG

 

ÜBER DIE ARBEIT DES ZK DER KPDSU(B)

am 10. März 1939

 

I

 

DIE INTERNATIONALE LAGE DER SOWJETUNION

 

 

Genossen! Seit dem XVII. Parteitage sind fünf Jahre verflossen. Wie ihr seht, keine kurze

 

Periode. Während dieser Zeit hat die Welt bedeutende Veränderungen erlebt. Staaten und

 

Länder, ihre Beziehungen untereinander sind in vielem völlig andere geworden.

 

Welche Veränderungen haben sich in dieser Periode in der internationalen Lage vollzogen?

 

Was hat sich in der äußeren und inneren Lage unseres Landes verändert?

 

Für die kapitalistischen Länder war dies eine Periode ernstester Erschütterungen sowohl auf

 

dem Gebiete der Wirtschaft als auch auf dem Gebiete der Politik. Auf wirtschaftlichem

 

Gebiete waren dies Jahre der Depression, und dann, angefangen mit der zweiten Hälfte 1937,

 

Jahre einer neuen Wirtschaftskrise, Jahre eines neuen Niedergangs der Industrie in den

 

Vereinigten Staaten von Amerika, England, Frankreich, folglich Jahre neuer wirtschaftlicher

 

Verwicklungen. Auf politischem Gebiete waren dies Jahre ernster politischer Konflikte und

 

Erschütterungen. Schon das zweite Jahr tobt der neue imperialistische Krieg, der sich auf dem

 

gewaltigen Gebiete von Schanghai bis Gibraltar abspielt und eine Bevölkerung von mehr als

 

500 Millionen erfasst hat. Die Landkarte Europas, Afrikas, Asiens wird gewaltsam

 

umgestaltet. Das gesamte System des so genannten Friedensregimes der Nachkriegszeit ist

 

von Grund aus erschüttert.

 

Für die Sowjetunion dagegen waren dies Jahre ihres Wachstums und Aufblühens, Jahre ihres

 

weiteren wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs, Jahre des weiteren Wachstums ihrer

 

politischen und militärischen Macht, Jahre ihres Kampfes um die Erhaltung des Friedens in

 

der ganzen Welt.

 

Das ist das allgemeine Bild.

 

Betrachten wir nun die konkreten Tatsachen der Veränderungen in der internationalen Lage.

 

1. Die neue Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern.

 

Die Verschärfung des Kampfes um die Absatzmärkte,

 

um die Rohstoffquellen, um die Neuaufteilung der Welt

 

 

Die Wirtschaftskrise, die in den kapitalistischen Ländern in der zweiten Hälfte 1929 begann,

 

dauerte bis Ende 1933. Dann ging die Krise in eine Depression über, worauf eine gewisse

 

Belebung der Industrie, ein gewisser Aufschwung der Industrie einsetzte. Doch ging diese

 

Belebung der Industrie nicht in eine Prosperität über, wie dies gewöhnlich in der Periode der

 

Belebung geschieht. Im Gegenteil, angefangen mit der zweiten Hälfte 1937 setzte eine neue

 

Wirtschaftskrise ein, die zunächst die Vereinigten Staaten von Amerika und sodann England,

 

Frankreich und eine Reihe anderer Länder erfasste.

 

Somit sahen sich die kapitalistischen Länder, noch ehe sie sich von den Schlägen der jüngsten

 

Wirtschaftskrise erholen konnten, einer neuen Wirtschaftskrise gegenüber.

 

Dieser Umstand führte naturgemäß zu einer Steigerung der Arbeitslosigkeit. Die Zahl der

 

Arbeitslosen in den kapitalistischen Ländern, die von 30 Millionen im Jahre 1933 auf 14

 

Millionen im Jahre 1937 gesunken war, stieg infolge der neuen Krise wieder auf 18 Millionen.

 

Eine charakteristische Besonderheit der neuen Krise besteht darin, dass sie sich in vielem von

 

der vorhergehenden Krise unterscheidet, und zwar nicht im Sinne einer Verbesserung,

 

sondern einer Verschlechterung.

 

98

 

Erstens hat die neue Krise nicht nach einer Prosperität der Industrie begonnen, wie dies 1929

 

der Fall gewesen ist, sondern nach einer Depression und einer gewissen Belebung, die jedoch

 

nicht in eine Prosperität umschlug. Das bedeutet, dass die jetzige Krise schwerer sein wird

 

und dass sie schwieriger zu bekämpfen sein wird als die vorhergehende Krise.

 

Ferner begann die jetzige Krise nicht in Friedenszeiten, sondern in der Periode des bereits

 

begonnenen zweiten imperialistischen Krieges, da Japan, das bereits das zweite Jahr gegen

 

China Krieg führt, den unermesslichen chinesischen Markt desorganisiert und für Waren

 

anderer Länder fast unzugänglich macht; da Italien und Deutschland ihre Volkswirtschaft

 

bereits auf das Geleise der Kriegswirtschaft übergeleitet haben, wobei sie für diesen Zweck

 

ihre Vorräte an Rohstoffen und Valuta aufgebraucht haben; da alle übrigen kapitalistischen

 

Großmächte anfangen, sich auf den Krieg umzustellen. Dies bedeutet, dass der Kapitalismus

 

für einen normalen Ausweg aus der jetzigen Krise viel weniger Hilfsquellen haben wird als in

 

der Periode der vorhergehenden Krise.

 

Schließlich ist die jetzige Krise im Unterschied zu der vorhergehenden keine allgemeine Krise,

 

sondern erfasst zunächst hauptsächlich die wirtschaftlich starken Länder, die noch nicht zur

 

Kriegswirtschaft übergegangen sind. Was die aggressiven Länder betrifft, wie Japan,

 

Deutschland und Italien, die ihre Wirtschaft bereits auf den Krieg umgestellt haben, so

 

machen sie, da sie ihre Kriegsindustrie verstärkt entwickeln, noch nicht den Zustand einer

 

Überproduktionskrise durch, obwohl sie sich diesem Zustande nähern. Das bedeutet, dass zu

 

einer Zeit, da die wirtschaftlich starken, nichtaggressiven Länder beginnen werden, aus der

 

Phase der Krise herauszukommen, die aggressiven Länder, nachdem sie ihre Gold- und

 

Rohstoffvorräte während des Kriegsfiebers erschöpft haben, in eine Phase schärfster Krise

 

geraten müssen.

 

Dies wird allein schon durch die Angaben über die vorhandenen sichtbaren Goldreserven in

 

den kapitalistischen Ländern anschaulich illustriert.

 

Die sichtbaren Goldreserven in den kapitalistischen Ländern

 

(In Millionen alter Gold-Dollars)

 

Ende September 1936 September 1938

 

Insgesamt 12980 14301

 

USA 6649 8126

 

England 2029 2396

 

Frankreich 1769 1435

 

Holland 289 595

 

Belgien 373 318

 

Schweiz 387 407

 

Deutschland 16 17

 

Italien 123 124

 

Japan 273 97

 

Aus dieser Tabelle ist ersichtlich, dass die Goldreserven Deutschlands, Italiens und Japans

 

insgesamt eine kleinere Summe ausmachen als die Goldreserven der Schweiz allein.

 

99

 

Hier einige Zahlen, die die Krisenlage der Industrie der kapitalistischen Länder in den letzten

 

fünf Jahren und die Entwicklung des industriellen Aufschwungs in der Sowjetunion

 

illustrieren.

 

Umfang der Industrieproduktion in Prozenten zu 1929

 

(1929 = 100)

 

1934 1935 1936 1937 1938

 

USA 66,4 75,6 88,1 92,2 72,0

 

England 98,8 105,8 115,9 123,7 112,0

 

Frankreich 71,0 67,4 79,3 82,8 70,0

 

Italien 80,0 93,8 87,5 99,6 96,0

 

Deutschland 79,8 94 106,3 117,2 125,0

 

Japan 128,7 141,8 151,1 170,8 165,0

 

UdSSR 238,3 293,4 382,3 424,0 477,0

 

Aus dieser Tabelle ist ersichtlich, dass die Sowjetunion das einzige Land der Welt ist, das

 

keine Krisen kennt und dessen Industrie unausgesetzt aufwärts geht.

 

Aus dieser Tabelle ist ferner ersichtlich, dass in den USA, in England und in Frankreich

 

bereits eine ernste Wirtschaftskrise begonnen hat und um sich greift.

 

Aus dieser Tabelle ist weiter ersichtlich, dass in Italien und Japan, die früher als Deutschland

 

ihre Volkswirtschaft auf das Geleise der Kriegswirtschaft übergeleitet haben, im Jahre 1938

 

bereits die Periode der Abwärtsbewegung der Industrie eingesetzt hat.

 

Aus dieser Tabelle ist schließlich ersichtlich, dass in Deutschland, das später als Italien und

 

Japan seine Wirtschaft auf den Krieg umgestellt hat, die Industrie vorläufig noch den Zustand

 

einer gewissen, wenn auch geringen, aber immerhin einer Aufwärtsbewegung durchmacht,

 

genau so, wie dies bis in die letzte Zeit in Japan und Italien der Fall war.

 

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Industrie Deutschlands, wenn nicht etwas

 

Unvorhergesehenes eintritt, dieselbe Abwärtsbewegung wird durchmachen müssen, die in

 

Japan und Italien schon eingesetzt hat. Denn was heißt es, die Wirtschaft eines Landes auf das

 

Geleise der Kriegswirtschaft überleiten? Das heißt, der Industrie eine einseitige, auf den Krieg

 

eingestellte Richtung geben, die Produktion von Gegenständen für den Kriegsbedarf, die mit

 

dem Verbrauch der Bevölkerung nichts zu tun haben, maximal erweitern, die Produktion und

 

besonders die Belieferung des Marktes mit Massenbedarfsartikeln maximal einschränken,

 

folglich also, den Verbrauch der Bevölkerung einschränken und über das Land eine

 

Wirtschaftskrise heraufbeschwören.

 

Dies ist das konkrete Bild, das der Gang der neuen Wirtschaftskrise in den kapitalistischen

 

Ländern bietet.

 

Es ist klar, dass eine solche ungünstige Wendung in der Wirtschaftslage zu einer

 

Verschärfung der Beziehungen zwischen den Staaten führen musste. Schon die

 

vorhergehende Krise hat alle Karten durcheinander geworfen und zu einer Verschärfung des

 

Kampfes um die Absatzmärkte, um die Rohstoffquellen geführt. Die Annexion der

 

Mandschurei und Nordchinas durch Japan, die Annexion Abessiniens durch Italien - all dies

 

brachte die Schärfe des Kampfes zwischen den Mächten zum Ausdruck. Die neue

 

Wirtschaftskrise muss zu einer weiteren Verschärfung des imperialistischen Kampfes führen

 

und führt in der Tat dazu. Es handelt sich bereits nicht mehr um Konkurrenz auf den Märkten,

 

nicht um Handelskrieg, nicht um Dumping. Diese Kampfmittel gelten schon längst als

 

unzureichend. Es geht jetzt um die Neuaufteilung der Welt, der Einflusssphären, der Kolonien

 

durch Kriegshandlungen.

 

Japan suchte seine aggressiven Handlungen damit zu rechtfertigen, dass man es beim

 

Abschluss des Neunmächtepaktes übervorteilt und dass man ihm nicht gestattet habe, sein

 

100

 

Territorium auf Kosten Chinas zu erweitern, während England und Frankreich gewaltige

 

Kolonien besitzen. Italien besann sich darauf, dass man es bei der Teilung der Beute nach

 

dem ersten imperialistischen Kriege übervorteilt habe und dass es sich auf Kosten der

 

Einflusssphären Englands und Frankreichs entschädigen müsse. Deutschland, das durch den

 

ersten imperialistischen Krieg und den Versailler Frieden ernsthaft Schaden gelitten hatte,

 

schloss sich Japan und Italien an und forderte die Vergrößerung seines Territoriums in Europa

 

und die Rückgabe der. Kolonien, die ihm die Sieger im ersten imperialistischen Krieg

 

weggenommen hatten.

 

So begann sich der Block der drei aggressiven Staaten zu bilden. Die Frage der Neuaufteilung

 

der Welt durch den Krieg wurde auf die Tagesordnung gesetzt.

 

2. Die Verschärfung der internationalen politischen Lage,

 

der Zusammenbruch des Nachkriegssystems der Friedensverträge,

 

der Beginn des neuen imperialistischen Krieges

 

 

Hier eine Aufzählung der wichtigsten Ereignisse in der Berichtsperiode, die den neuen

 

imperialistischen Krieg einleiteten. Im Jahre 1935 überfiel Italien Abessinien und annektierte

 

es. Im Sommer 1936 organisierten Deutschland und Italien die militärische Intervention in

 

Spanien, wobei Deutschland sich im Norden Spaniens und in Spanisch-Marokko und Italien

 

im Süden Spaniens und auf den Balearen festsetzte. Im Jahre 1937 brach Japan, nach der

 

Annexion der Mandschurei, in Nord- und Zentralchina ein, besetzte Peking, Tientsin,

 

Schanghai und begann seine ausländischen Konkurrenten aus der Okkupationszone zu

 

verdrängen. Anfang 1938 annektierte Deutschland Osterreich und im Herbst 1938 das

 

Sudetengebiet der Tschechoslowakei. Ende 1938 bemächtigte sich Japan Kantons und Anfang

 

1939 der Insel Hainan.

 

Somit zog der Krieg, der sich so unmerklich an die Völker herangeschlichen hat, mehr als 500

 

Millionen Menschen in seinen Bannkreis; der Krieg hat seine Aktionssphäre auf ein

 

gewaltiges Gebiet ausgedehnt: von Tientsin, Schanghai und Kanton über Abessinien bis

 

Gibraltar.

 

Nach dem ersten imperialistischen Kriege schufen die Siegerstaaten, hauptsächlich England,

 

Frankreich und die USA, ein neues Regime der Beziehungen zwischen den Ländern: das

 

Friedensregime der Nachkriegszeit. Die wichtigsten Grundpfeiler dieser Regimes waren im

 

Fernen Osten der Neunmächtepakt und in Europa der Versailler Vertrag und eine ganze Reihe

 

anderer Verträge. Der Völkerbund war dazu bestimmt, die Beziehungen zwischen den

 

Ländern im Rahmen dieses Regimes auf der Grundlage einer Einheitsfront der Staaten, auf

 

der Grundlage der kollektiven Verteidigung der Sicherheit der Staaten zu regeln. Die drei

 

aggressiven Staaten und der von ihnen begonnene neue imperialistische Krieg haben jedoch

 

dieses gesamte Friedensregime der Nachkriegszeit über den Haufen geworfen. Japan hat den

 

Neunmächtepakt, Deutschland und Italien haben den Versailler Vertrag zerrissen. Um freie

 

Hand zu bekommen, sind alle diese drei Staaten aus dem Völkerbund ausgetreten.

 

Der neue imperialistische Krieg wurde zur Tatsache.

 

In unseren Zeiten ist es nicht so leicht, sich mit einem Male von der Kette loszureißen und

 

sich geradewegs in den Krieg zu stürzen, ohne auf Verträge verschiedener Art und auf die

 

öffentliche Meinung Rücksicht zu nehmen. Den bürgerlichen Politikern ist dies sehr wohl

 

bekannt. Auch den faschistischen Machthabern ist das bekannt. Daher entschlossen sich die

 

faschistischen Machthaber, bevor sie sich in den Krieg stürzten, die öffentliche Meinung in

 

bestimmter Weise zu bearbeiten, d. h. sie irrezuführen, sie zu betrügen.

 

Ein Kriegsblock Deutschlands und Italiens gegen die Interessen Englands und Frankreichs in

 

Europa? Gott bewahre! Ist das etwa ein Block? „Wir“ haben keinerlei Kriegsblock.

 

„Wir“ haben lediglich eine harmlose „Achse Berlin-Rom“, d. h. eine Art geometrische Formel

 

für eine Achse. (Heiterkeit).

 

101

 

Ein Kriegsblock Deutschlands, Italiens und Japans gegen die Interessen der USA, Englands

 

und Frankreichs im Fernen Osten? Nichts dergleichen! „Wir“ haben keinerlei Kriegsblock.

 

„Wir“ haben lediglich ein harmloses „Dreieck Berlin-Rom-Tokio“ - das ist ein kleiner

 

geometrischer Zeitvertreib. (Allgemeine Heiterkeit).

 

Ein Krieg gegen die Interessen Englands, Frankreichs, der USA? Unsinn! „Wir“ führen Krieg

 

gegen die Komintern und nicht gegen diese Staaten. Glaubt ihr es nicht, so lest den

 

„Antikomintern-Pakt“, den Italien, Deutschland und Japan miteinander abgeschlossen haben.

 

So gedachten die Herren Aggressoren die öffentliche Meinung zu bearbeiten, obwohl es nicht

 

schwer war zu begreifen, dass all dies eine plumpe, durchsichtige Maskerade war, denn es ist

 

lächerlich, „Stützpunkte“ der Komintern in den Wüsten der Mongolei, in den Bergen

 

Abessiniens, in den Felsschluchten Spanisch-Marokkos zu suchen. (Heiterkeit).

 

Aber der Krieg ist unerbittlich. Man kann ihn hinter keinerlei Kulissen verstecken. Denn

 

hinter keinerlei „Achsen“, „Dreiecken“ und „Antikomintern-Pakten“ läßt sich die Tatsache

 

verstecken, dass Japan während dieser Zeit ein gewaltiges Gebiet Chinas, Italien - Abessinien,

 

Deutschland - Österreich und das Sudetengebiet, Deutschland und Italien gemeinsam Spanien

 

an sich gerissen haben, all dies entgegen den Interessen der nichtaggressiven Staaten. Der

 

Krieg blieb Krieg, der Kriegsblock der Aggressoren blieb ein Kriegsblock und die

 

Aggressoren blieben Aggressoren.

 

Ein kennzeichnender Zug des neuen imperialistischen Krieges besteht darin, dass er noch

 

nicht zu einem allgemeinen, zu einem Weltkriege geworden ist. Der Krieg wird von den

 

aggressiven Staaten geführt, die die Interessen der nichtaggressiven Staaten, vor allem

 

Englands, Frankreichs und der USA, in jeder Weise schädigen; die letzteren weichen jedoch

 

zurück, treten den Rückzug an, machen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen.

 

Somit vollzieht sich vor unseren Augen eine offene Neuaufteilung der Welt und der

 

Einflusssphären auf Kosten der Interessen der nichtaggressiven Staaten, wobei diese keinerlei

 

Versuche zur Abwehr unternehmen, in gewisser Weise sogar jene begünstigen.

 

Unglaublich, aber wahr.

 

Wodurch ist dieser einseitige und seltsame Charakter des neuen imperialistischen Krieges zu

 

erklären?

 

Wie konnte es geschehen, dass die nichtaggressiven Länder, die über gewaltige

 

Möglichkeiten verfügen, so leicht und ohne Widerstand zugunsten der Angreifer ihre

 

Positionen preisgaben und sich von ihren Verpflichtungen lossagten?

 

Ist dies etwa durch die Schwäche der nichtaggressiven Staaten zu erklären? Natürlich nicht!

 

Die nichtaggressiven, demokratischen Staaten sind zusammen unzweifelhaft stärker als die

 

faschistischen Staaten, sowohl in ökonomischer als auch in militärischer Hinsicht.

 

Wodurch sind also in diesem Falle die systematischen Zugeständnisse dieser Staaten an die

 

Aggressoren zu erklären?

 

Man könnte dies zum Beispiel mit der Furcht vor der Revolution erklären, die ausbrechen

 

könnte, wenn die nichtaggressiven Staaten in den Krieg eintreten und der Krieg zu einem

 

Weltkriege wird. Die bürgerlichen Politiker wissen natürlich, dass der erste imperialistische

 

Weltkrieg den Sieg der Revolution in einem der größten Länder mit sich gebracht hat. Sie

 

fürchten, der zweite imperialistische Weltkrieg könnte ebenfalls zum Siege der Revolution in

 

einem oder in mehreren Ländern führen.

 

Aber das ist zurzeit nicht die einzige und nicht einmal die wichtigste Ursache. Die wichtigste

 

Ursache besteht darin, dass sich die meisten nichtaggressiven Länder und vor allem England

 

und Frankreich von der Politik der kollektiven Sicherheit, von der Politik der kollektiven

 

Abwehr der Aggressoren losgesagt haben, dass sie die Position der Nichteinmischung, die

 

Position der „Neutralität“ bezogen haben.

 

Formal gesehen könnte man die Politik der Nichteinmischung wie folgt charakterisieren:

 

„Jedes Land möge sich gegen die Aggressoren verteidigen wie es will und wie es kann, wir

 

scheren uns nicht darum, wir werden sowohl mit den Aggressoren als auch mit ihren Opfern

 

102

 

Handel treiben.“ In Wirklichkeit bedeutet jedoch die Politik der Nichteinmischung eine

 

Begünstigung der Aggression, die Entfesselung des Krieges und folglich seine Umwandlung

 

in einen Weltkrieg. In der Politik der Nichteinmischung macht sich das Bestreben, der

 

Wunsch geltend, die Aggressoren bei der Ausführung ihres dunklen Werkes nicht zu hindern,

 

zum Beispiel Japan nicht zu hindern, sich in einen Krieg gegen China, noch besser aber gegen

 

die Sowjetunion einzulassen, zum Beispiel Deutschland nicht zu hindern, sich in die

 

europäischen Angelegenheiten zu verstricken, sich in einen Krieg gegen die Sowjetunion

 

einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in dem Morast des Krieges versinken zu lassen, sie im

 

stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen, dass sie einander schwächen und erschöpfen, dann

 

aber, wenn sie genügend geschwächt sind, mit frischen Kräften auf dem Schauplatz zu

 

erscheinen und, natürlich, „im Interesse des Friedens“ aufzutreten, um den geschwächten

 

Kriegsteilnehmern die Bedingungen zu diktieren.

 

Wie billig und wie nett!

 

Nehmen wir zum Beispiel Japan. Es ist charakteristisch, dass alle einflussreichen

 

französischen und englischen Zeitungen vor dem japanischen Einfall in Nordchina schreiend

 

verkündeten, dass China schwach sei, dass es unfähig sei, Widerstand zu leisten, dass Japan

 

mit seiner Armee in zwei, drei Monaten China unterwerfen könnte. Daraufhin nahmen die

 

europäischen und amerikanischen Politiker eine abwartende Stellung ein und spielten den

 

Beobachter. Und dann, als Japan die Kriegshandlungen entfaltete, trat man ihm Schanghai ab,

 

das Herz des ausländischen Kapitals in China, trat man Kanton ab, den Stützpunkt des

 

englischen Monopoleinflusses in Südchina, trat man Hainan ab, ließ man Hongkong

 

einkreisen. Nicht wahr, all das sieht einer Ermunterung der Aggressoren sehr ähnlich: Mögen

 

sie sich weiter in den Krieg verstricken, man wird dann schon sehen.

 

Oder nehmen wir zum Beispiel Deutschland. Man trat Deutschland Österreich ab, ungeachtet

 

der Verpflichtung, die Selbständigkeit Österreichs zu verteidigen, man trat ihm das

 

Sudetengebiet ab, überließ die Tschechoslowakei ihrem Schicksal, womit man allen und jeden

 

Verpflichtungen zuwiderhandelte, und begann dann in der Presse lärmend zu lügen, dass die

 

„russische Armee schwach“, die „russische Luftflotte zersetzt“ sei, dass es in der Sowjetunion

 

„Unruhen“ gebe, wodurch man die Deutschen anstachelte, weiter nach Osten vorzustoßen,

 

ihnen leichte Beute versprach und ihnen zuredete: Fangt nur den Krieg gegen die Bolschewiki

 

an, weiter wird alles gut gehen. Man muss zugeben, dass dies ebenfalls einem Antreiben,

 

einer Ermunterung des Aggressors sehr ähnlich sieht.

 

Kennzeichnend ist der Lärm, den die englische, französische und nordamerikanische Presse

 

um die Sowjetukraine erhob. Die Vertreter dieser Presse schrieen sich heiser, dass die

 

Deutschen gegen die Sowjetukraine marschieren, dass sie gegenwärtig die so genannte

 

Karpato-Ukraine in Händen haben, die etwa 700000 Einwohner zählt, und dass die Deutschen

 

nicht später als im Frühling dieses Jahres den Anschluss der Sowjetukraine mit mehr als 30

 

Millionen Einwohnern an die so genannte Karpato-Ukraine vollziehen würden. Es hat den

 

Anschein, als ob dieser verdächtige Lärm den Zweck hatte, bei der Sowjetunion Wut gegen

 

Deutschland zu erregen, die Atmosphäre zu vergiften und einen Konflikt mit Deutschland zu

 

provozieren, ohne dass dazu sichtbare Gründe vorliegen.

 

Es ist allerdings sehr wohl möglich, dass es in Deutschland Verrückte gibt, die davon träumen,

 

einen Elefanten, d. h. die Sowjetukraine, einer Mücke, d. h. der so genannten Karpato-

 

Ukraine, anzugliedern. Wenn es dort wirklich solche wahnwitzigen Leute gibt, so ist nicht

 

daran zu zweifeln, dass sich in unserem Lande in genügender Zahl Zwangsjacken für solche

 

Verrückten finden würden. (Beifallssturm). Lassen wir aber die Verrückten beiseite und

 

wenden wir uns normalen Menschen zu: Ist es etwa nicht klar, dass es lächerlich und dumm

 

wäre, im Ernst von einem Anschluss der Sowjetukraine an die so genannte Karpato-Ukraine

 

zu sprechen? Man bedenke nur. Die Mücke kommt zum Elefanten und sagt zu ihm, die Hände

 

in die Seiten gestemmt: „He, du, mein lieber Bruder, wie tust du mir doch leid... Du lebst

 

dahin ohne Gutsbesitzer, ohne Kapitalisten, ohne nationale Unterdrückung, ohne faschistische

 

103

 

Machthaber, was ist das für ein Leben... Ich schaue dich an und kann nicht umhin zu

 

bemerken: Es gibt keine Rettung für dich, als dich mir anzuschließen... (Allgemeine

 

Heiterkeit). Wohlan denn, ich erlaube dir, dein kleines Gebiet meinem unermesslichen

 

Territorium anzuschließen...“ (Allgemeine Heiterkeit und Beifall).

 

Noch kennzeichnender ist es, dass gewisse Politiker und Pressevertreter in Europa und in den

 

Vereinigten Staaten, die in Erwartung eines „Feldzugs gegen die Sowjetukraine“ die Geduld

 

verloren haben, selber dazu übergehen, die wahren Hintergründe der

 

Nichteinmischungspolitik zu enthüllen. Sie erklären geradeheraus und geben es schwarz auf

 

weiß zu, dass sie von den Deutschen schwer „enttäuscht“ seien, da diese, statt weiter nach

 

Osten, gegen die Sowjetunion, vorzustoßen, sich - man denke nur - nach Westen wenden und

 

Kolonien verlangen. Der Gedanke liegt nahe, man habe den Deutschen Gebiete der

 

Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die

 

Sowjetunion zu beginnen, dass sich aber die Deutschen nunmehr weigern, den Wechsel

 

einzulösen, und den Gläubigern die Türe weisen.

 

Ich bin weit davon entfernt, über die Nichteinmischungspolitik zu moralisieren, von Verrat,

 

von Treubruch und dergleichen zu sprechen. Es wäre naiv, Leuten, die die menschliche Moral

 

nicht anerkennen, Moral zu predigen. Politik ist Politik, wie die alten durchtriebenen

 

bürgerlichen Diplomaten sagen. Es ist jedoch notwendig zu bemerken, dass das große und

 

gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik begonnen haben,

 

für sie mit einem ernsten Fiasko enden kann.

 

So sieht in Wirklichkeit die heute herrschende Nichteinmischungspolitik aus.

 

Das ist die politische Lage in den kapitalistischen Ländern.

 

3. Die Sowjetunion und die kapitalistischen Länder

 

 

Der Krieg hat eine neue Lage in den Beziehungen zwischen den Ländern geschaffen. Er hat in

 

diese Beziehungen eine Atmosphäre der Unruhe und Unsicherheit hineingetragen. Der Krieg

 

hat die Grundlagen des Friedensregimes der Nachkriegszeit untergraben, die elementarsten

 

Begriffe des Völkerrechts über den Haufen geworfen und dadurch den Wert internationaler

 

Verträge und Verpflichtungen in Frage gestellt. Pazifismus und Abrüstungsprojekte sind

 

begraben worden. An ihre Stelle ist das Rüstungsfieber getreten. Alle Staaten, die kleinen wie

 

die großen, rüsten auf, darunter vor allem diejenigen Staaten, die Nichteinmischungspolitik

 

betreiben. Niemand glaubt mehr den salbungsvollen Reden, dass die Münchener

 

Zugeständnisse an die Aggressoren und das Münchener Abkommen eine neue Ära, eine Ära

 

der „Befriedung“, eingeleitet hätten. Auch die Teilnehmer des Münchener Abkommens selbst,

 

England und Frankreich, schenken ihnen keinen Glauben; sie steigern ihre Rüstungen nicht

 

weniger als die anderen.

 

Es ist klar, dass die Sowjetunion über diese unheilschwangeren Ereignisse nicht hinwegsehen

 

konnte. Es ist nicht zu bezweifeln, dass jeder, selbst der kleinste Krieg, der irgendwo in einem

 

entfernten Weltwinkel von den Aggressoren begonnen wird, für die friedliebenden Länder

 

eine Gefahr darstellt. Eine umso ernstere Gefahr bedeutet der neue imperialistische Krieg, der

 

bereits mehr als 500 Millionen Menschen in Asien, Afrika und Europa in seinen Bannkreis

 

gezogen hat. Infolgedessen hat unser Land, das unbeirrt die Politik der Erhaltung des Friedens

 

betreibt, gleichzeitig auch eine große Arbeit zur Stärkung der Kampfbereitschaft unserer

 

Roten Armee und unserer Roten Kriegsmarine entfaltet.

 

Zugleich entschloss sich die Sowjetunion im Interesse der Festigung ihrer internationalen

 

Positionen, auch einige andere Schritte zu unternehmen. Ende 1934 trat unser Land dem

 

Völkerbund bei, ausgehend davon, dass er sich, ungeachtet seiner Schwäche, als eine Stätte

 

zur Entlarvung der Aggressoren eignen und als ein gewisses, wenn auch schwaches,

 

Friedensinstrument dienen könne, das imstande wäre, die Entfesselung des Krieges zu

 

hemmen. Die Sowjetunion ist der Ansicht, dass man in so unruhigen Zeiten auch eine so

 

104

 

schwache internationale Organisation wie den Völkerbund nicht ignorieren soll. Im Mai 1935

 

wurde zwischen Frankreich und der Sowjetunion ein Beistandsvertrag für den Fall eines

 

eventuellen Angriffs von Seiten der Aggressoren abgeschlossen. Gleichzeitig wurde ein

 

analoger Vertrag mit der Tschechoslowakei unterzeichnet. Im März 1936 schloss die

 

Sowjetunion einen Beistandsvertrag mit der Mongolischen Volksrepublik ab. Im August 1937

 

wurde ein auf Gegenseitigkeit beruhender Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und

 

der Chinesischen Republik abgeschlossen.

 

Unter diesen schwierigen internationalen Verhältnissen führte die Sowjetunion ihre

 

Außenpolitik durch, die Sache der Erhaltung des Friedens verfechtend.

 

Die Außenpolitik der Sowjetunion ist klar und verständlich:

 

1. Wir sind für den Frieden und für die Festigung sachlicher Beziehungen mit allen Ländern;

 

auf diesem Standpunkt stehen wir und werden wir stehen, soweit diese Länder ebensolche

 

Beziehungen zur Sowjetunion unterhalten werden, soweit sie nicht versuchen, die Interessen

 

unseres Landes zu verletzen.

 

2. Wir sind für friedliche, freundschaftliche und gutnachbarliche Beziehungen mit allen

 

Nachbarländern, die mit der Sowjetunion eine gemeinsame Grenze haben; auf diesem

 

Standpunkt stehen wir und werden wir stehen, soweit diese Länder ebensolche Beziehungen

 

zur Sowjetunion unterhalten werden, soweit sie nicht versuchen, sei es direkt oder indirekt,

 

die Interessen der Unversehrtheit und Unantastbarkeit der Grenzen des Sowjetstaates zu

 

verletzen.

 

3. Wir sind für die Unterstützung der Völker, die Opfer der Aggression geworden sind und für

 

die Unabhängigkeit ihrer Heimat kämpfen.

 

4. Wir fürchten keine Drohungen der Aggressoren und sind bereit, auf einen Schlag der

 

Kriegsbrandstifter, die versuchen sollten, die Unantastbarkeit der Sowjetgrenzen zu verletzen,

 

mit einem doppelten Schlag zu antworten.

 

Das ist die Außenpolitik der Sowjetunion. (Stürmischer, anhaltender Beifall).

 

In ihrer Außenpolitik stützt sich die Sowjetunion:

 

1. auf ihre wachsende wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht;

 

2. auf die moralische und politische Einheit unserer Sowjetgesellschaft;

 

3. auf die Freundschaft der Völker unseres Landes;

 

4. auf ihre Rote Armee und Rote Kriegsmarine;

 

5. auf ihre Friedenspolitik;

 

6. auf die moralische Unterstützung der Werktätigen aller Länder, deren ureigenstes Interesse

 

die Erhaltung des Friedens ist;

 

7. auf die Einsicht der Länder, die aus diesen oder jenen Gründen an einer Verletzung des

 

Friedens nicht interessiert sind.

 

Die Aufgaben der Partei auf dem Gebiet der Außenpolitik bestehen in folgendem:

 

1. auch in Zukunft eine Politik des Friedens und der Festigung sachlicher Beziehungen mit

 

allen Ländern zu betreiben;

 

2. Vorsicht zu beobachten und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von

 

anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser

 

Land in Konflikte hineinzuziehen;

 

3. die Kampfkraft unserer Roten Armee und unserer Roten Kriegsmarine mit allen Mitteln zu

 

stärken;

 

4. die internationalen Freundschaftsbeziehungen mit den Werktätigen aller Länder, die am

 

Frieden und an der Freundschaft zwischen den Völkern interessiert sind, zu festigen.





Quelle: http://data6.blog.de/media/931/4556931_8193ec5192_d.pdf



______________



Zum oben verlinkten Artikel bei kommunisten.eu gibt es in diesem Blog bisher drei weitere Beiträge:



Hans-Peter Brenner, Ein Brief an die Parteiführung:

http://kritische-massen.over-blog.de/article-dkp-ein-brief-an-die-parteifuhrung-82466250.html



Kurt Bachmann zur Einschätzung des Nichtangriffs-Vertrags:

http://kritische-massen.over-blog.de/article-zum-deutsch-sowjetischen-nichtangriffs-pakt-von-1939-82389607.html



Willi Gerns zum Nichtangriffspakt und einer Stellungnahme Putins:

http://kritische-massen.over-blog.de/article-willi-gerns-der-deutsch-sowjetische-nichtangriffs-vertrag-und-putin-82426606.html

 

 

 

 

 



Werbung

Veröffentlicht in Geschichte

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post